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Im Reich von Burgen, Whisky und Monstern

Mitten durch Schottland verläuft ein Kanal, der einst dem Handel dienen sollte. Heute sind darauf vor allem Touristen unterwegs und entdecken die Schönheiten des mystischen Königreichs.

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20. Dezember 2019

Für heutige Transportschiffe ist es kein Problem mehr, die Grenze zwischen Nordsee und Atlantik zu überqueren. Aber im 18. Jahrhundert, als die Schotten das erste Mal über einen Kanal nachdachten, der ihre Ost- mit der Westküste verbindet, war diese Grenze zwischen den Meeren mit ihren Strudeln und Strömungen noch eine gefährliche Herausforderung.

Heute existiert diese Verbindung quer durchs Land längst; die Handelsschiffe verkehren auf dem Kaledonischen Kanal, wie die Verbindung heisst, allerdings nicht mehr. Denn als man ihn Anfang des 19. Jahrhunderts errichtete, konnte man nicht ahnen, wie gross die Transportschiffe dereinst sein würden. Sie passten schon bald nicht mehr in den Kanal, der sich so natürlich nie rentieren konnte.

Touristen statt Händler

So hat es heute auf dem rund 97 Kilometer langen Kanal reichlich Platz für Hausboote und Kreuzfahrtschiffe. Das grösste unter ihnen ist die MS Lord of the Glens. Seit bald 20 Jahren verkehrt das 46 Meter lange Schiff im Frühjahr und Sommer zwischen dem östlichen Kanaleingang bei Inverness und dem westlichen Ausgang bei Fort William und von dort aus weiter auf dem Meer zu Orten auf dem Festland sowie zur Inselgruppe Innere Hebriden.

Regelmässig mit an Bord ist Konstanze «Konia» Tack (54). Die Norddeutsche hat es vor 29 Jahren nach Schottland verschlagen, wo sie als Reiseleiterin tätig ist. «Halten Sie Ihre Kameras bereit», rät sie einer Schweizer Reisegruppe, die sie auf der Fahrt durch Loch Ness begleitet. «Die Guinness-Brauerei hat eine hohe Belohnung auf ein Foto von Nessie ausgesetzt.» Doch auch an diesem Tag erspäht niemand das sagenumwobene Monster, das 565 nach Christus zum ersten Mal – und seither gut 4000 weitere Male – gesichtet worden sein soll.

Der Belgier John-Pierre Robinet führt in Inverie das abgelegenste Pub des britischen Festlands.

Nessie hat wohl einfach genug Möglichkeiten, sich zu verstecken. Denn Loch Ness ist der See mit dem grössten Wasservolumen in ganz Grossbritannien. «Selbst wenn man alle Seen und Reservoirs von England und Wales zusammennehmen würde – sie würden dieses mindestens 230 Meter tiefe und über 36 Kilometer lange Becken nicht füllen», erzählt Konia Tack.

Der Kaledonische Kanal verbindet Loch Ness mit drei weiteren Seen: Loch Lochy, Loch Oich und Loch Dochfour. Gut zwei Drittel des Kanals, der entlang der geologischen Bruchlinie des Great Glens («Grosses Tal») verläuft, hat die Natur bereits selber gebaut. Der Ingenieur Thomas Telford (1757–1834) musste also lediglich dafür sorgen, dass diese vier Seen verbunden werden. Vor allem aber musste er sich überlegen, wie die Höhenunterschiede zu bewältigen sind. Immerhin liegt der höchste Punkt des Kanals, der Loch Oich, auf 32 Metern über Meer. Heute führen von Osten her 14 Schleusen zu ihm hoch und 15 auf der westlichen Seite wieder runter.

20 Meter abwärts

Besonders eindrücklich ist das Neptune’s Staircase («Neptuns Treppenaufstieg»). Acht miteinander verbundene Schleusen sorgen dort dafür, dass die Schiffe eine Höhe von rund 20 Metern überwinden können. «Eine Meisterleistung der Ingenieurskunst des 19. Jahrhunderts», schwärmt Reiseleiterin Konia Tack. Kein Wunder, dauerte der Bau des Kanals statt den angekündigten sieben Jahre ganze 19. Das hatte auch seine Vorteile, gerade was den Arbeitsmarkt anbelangte. Während des 18. und 19. Jahrhunderts wurden nämlich in vielen Gegenden die Kleinbauern von Gutsherren aus dem Hochland vertrieben, um Platz für grossflächige und gewinnbringende Schafzucht zu schaffen. Beim Kanalbau fand ein Teil der während dieser Highland Clearances («Räumung des Hochlands») vertriebenen Kleinbauern die dringend nötige Arbeit.

In den Highlands finden sich nicht nur Rinder (rechts), sondern auch das bei Harry-Potter-Fans beliebte Glenfinnan-Viadukt: ein Highlight (grosses Bild).

Die MS Lord of the Glens braucht beinahe zwei Stunden, bis sie es durch das Neptune’s Staircase geschafft hat. Dabei stets in Sichtweite: ein Bahngleis, an dem schon einige Touristen mit Kameras bereitstehen. Denn hier entlang verläuft die West-Highland-Zuglinie und bald kommt der Dampfzug, der es als Hogwarts-Express in den Harry-Potter- Filmen zu neuer Beliebtheit gebracht hat. Meistens verkehrt auf dieser Strecke ein Dieselzug. «Bevor die Harry-Potter-Filme kamen, sollte die Dampflok mangels Nachfrage sogar ausrangiert werden», weiss Konia Tack. «Nun fährt sie in der Hochsaison zweimal täglich – und ist immer ausverkauft.» Auf seinem Weg nach Mallaig passiert der Zug später auch das Glenfinnan-Viadukt – Filmkulisse für Harrys und Rons wilden Ritt mit dem fliegenden Auto.

Von der Hochsee in den Kanal

Die MS Lord of the Glens hat in der Zwischenzeit Neptune’s Staircase überwunden. Nur noch wenige Meter trennen sie jetzt vom Loch Linnhe, dem Meeresarm zwischen dem Kaledonischen Kanal und dem Atlantik. Für sie ist die Reise damit nicht zu Ende, denn im Gegensatz zu anderen Flusskreuzfahrtschiffen kann sie es auch mit dem Meer aufnehmen.

Einst war sie selbst ein Hochseeschiff. Als Besitzer Philip Morrell (74) es sich in den Kopf setzte, als Erster Kreuzfahrten auf dem Kaledonischen Kanal anzubieten, hatte er das Schiff als MS Victoria in Griechenland entdeckt. Von dem baufälligen Gefährt ist nicht mehr viel übrig, komplett umgerüstet versprühen heute Decks aus Teakholz luxuriösen Charme. Auf einem der Sessel im Lounge-Bereich des Kreuzfahrtschiffs soll sogar die Queen schon gesessen haben. So königlich gleitet man nicht alle Tage vom Kanal aufs Meer hinaus. 

Die Journalistin reiste auf Einladung von Thurgau Travel.

Nicht verpassen

Die Highlights

Oban Brennerei

Der Besuch einer Whiskybrennerei gehört in Schottland einfach dazu. Jene in Oban wurde 1794 gegründet. Während der Führung erfährt man mehr über ihre Geschichte sowie über die Herstellung von Whisky im Allgemeinen. Am Schluss darf man ihn natürlich auch kosten

Eilean Donan Castle

Von all den eindrücklichen Burgen in Schottland ist sie vielleicht die schönste: Das Eilean Donan Castle ziert nicht nur diverse Postkarten und Kalender, es ist auch Drehort vieler Filme wie «Highlander» oder «Braveheart».

The Old Forge

Inverie liegt zwar auf dem schottischen Festland – und doch kann es nur per Schiff oder durch eine 24 Kilometer lange Wanderung erreicht werden. Weder Strasse noch Schiene führen hierhin. Hier liegt mit dem The Old Forge auch das entlegenste Pub des britischen Festlands.

Highland Folk Museum

Dieses Freilichtmuseum in Newtonmore vermittelt einen Eindruck davon, wie man früher in den Highlands gelebt hat. Unter anderem wurde dort eine Siedlung um 1800 nachgebaut. Im Sommer werden die Blackhouses von Schauspielern belebt, die sich als Dorfbewohner verkleiden.

Cawdor Castle

Shakespeares Macbeth spielt in diesem gut erhaltenen Schloss. Highlight ist die überraschend moderne Gartenanlage.

Highland Folk Museum

Dieses Freilichtmuseum vermittelt einen Eindruck davon, wie man früher in den Highlands gelebt hat.

Iona

Auf dieser Insel sollen Könige begraben liegen. Zu bestaunen gibt es keltische Hochkreuze, eine Abtei aus dem 13. Jahrhundert und weisse Sandstrände.