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Tourismus

Im wilden Westen

Sie sei für die Lebenden ein bisschen wie die Hölle, sang der französische Chansonnier Michel Sardou einst über Connemara, die Halbinsel im Westen Irlands. Besonders fruchtbar ist das Land zwar nicht, aber die Hölle? Wohl eher ein Paradies.

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Alamy
16. September 2019

Vom Gipfel des Diamond Hill geniesst man eine herrliche Aussicht auf die Landschaft von Connemara.

Reisetipps

Connemara

Ausflüge 
Der Connemara-Nationalpark ist ganzjährig geöffnet und für Besucher gratis. Kylemore Abbey kann täglich von 9 bis 18 Uhr besichtigt werden,
der Eintritt kostet rund 15 Franken.

Übernachten
Im Vier-Sterne-Hotel Abbeyglen Castle übernachtet man im Doppelzimmer mit Frühstück ab 120 Franken.

Ausgehen
Nostalgie pur: Lowry’s Bar in Clifden bietet Live-Musik und gutes Essen.

Sightseeing
In der lebhaften Studentenstadt Galway gibt es viel zu sehen. Auch shoppen lässt es sich hier gut.

Die Luft riecht nach frischem Regen, Gras, Torfrauch und dem nahen Meer. Eine Herde Schafe sucht in der weiten Landschaft Schutz vor dem nächsten Wolkenbruch. Connemara ist ein karger Landstrich – zerklüftete Felsen, viel Moor und leuchtend gelber Stechginster überall. Brach, und doch so überirdisch schön. Nur die Regentropfen, der Wind und ein gelegentliches «Mäh» durchbrechen die Stille zwischen Seen und Bergen. Was für Touristen ein mystisch anmutendes Naturerlebnis ist, war für irische Bauern im 17. Jahrhundert eine Strafe: «To hell or to Connaught» («zur  Hölle oder nach Connacht»), mit diesen Worten vertrieb der britische Eroberer Oliver Cromwell die Bauern vom fruchtbaren Osten in den kargen Westen Irlands. Heutzutage ist die Region Connemara Inspirationsquelle für Poeten, Traumkulisse für die Filmindustrie und Sehnsuchtsort für Naturverbundene. Eine von ihnen ist die Schweizerin Doris Bruderlin (54), die vor acht Jahren nach Irland ausgewandert ist und Reisegruppen aus aller Welt ihre Herzensheimat zeigt. Immer wieder weist sie in umarmender Geste auf die karge Landschaft. «Wie wunderschön das alles ist, das Licht, dieses Schattenspiel!» Keine Frage, Doris Bruderlin ist verliebt in die «ungezähmte Schönheit» Connemara, wie Schriftsteller Oscar Wilde diesen Teil Irlands einst nannte.
Landschaftlich ist Connemara durch die Nationalstrasse N59 zweigeteilt. Südlich davon liegen Heide- und Moorgebiete, im Norden ragen die Twelve Bens in die Höhe, zwölf über 700 Meter hohe Berge. Nordwestlich der Bergkette befindet sich der rund dreitausend Hektar grosse Connemara-Nationalpark. «Für Wanderer ist das Gebiet ein Paradies», sagt Doris Bruderlin. «Von den Hügeln hat man einen atemberaubenden Blick auf die Galway Bucht und den Atlantik. Man sieht von hier aus auch die Kylemore Abbey.» 

Die älteste Benediktinerinnenabtei Irlands und heutige Touristenattraktion umgibt eine tragische Geschichte: Erbaut wurde das prunkvolle Schloss mit 33 Schlafzimmern 1867 von dem Grossindustriellen und Politiker Mitchell Henry als Geschenk an seine Frau Margaret, mit der er neun Kinder hatte. Während eines Urlaubs in Ägypten verstarb Margaret an der Ruhr und ihr Gatte liess sie im eigens für sie errichteten Mausoleum in Kylemore beisetzen. Einige Räume des Schlosses lassen sich besichtigen, genauso wie der viktorianische Ziergarten, in dem es sich herrlich lustwandeln lässt. 

Natur – und was sonst?

Ein wenig lebhafter als in Kylemore geht es in Clifden, der inoffiziellen Hauptstadt Connemaras, zu. In der Kleinstadt circa 80 Kilometer von Galway leben rund 1600 Menschen. Die bunten Fassaden der Häuser trotzen dem oft wolkenverhangenen Himmel. Pubs, Restaurants und Cafés reihen sich aneinander und auch das eine oder andere Juweliergeschäft gibt es in den engen Strassen. Hier findet man auch eines der beliebtesten Souvenirs Irlands, den sogenannten Claddagh-Ring, der ein gekröntes Herz zwischen zwei Händen zeigt und ein Symbol für Freundschaft, Liebe und Treue ist. «Traditionell wird er von Mutter zu Tochter als Ehering weitergegeben», erklärt die rothaarige Angestellte des «The Celtic Shop». Freundlich und mitteilsam wie die meisten Iren, empfiehlt die Herrin der Ringe auf Nachfrage auch gleich ein Hotel, um den Tag entspannt ausklingen zu lassen: Das Abbeyglen Castle wurde 1832 erbaut und ist seit 1969 im Besitz der Familie Hughes. «Brian Hughes ist ein begabter Musiker. Vielleicht singt er heute Abend.»

Die bunten Häuserfassaden der Kleinstadt Clifden sorgen auch bei schlechtem Wetter für gute Laune.

Die ehemalige Benediktinerinnen-Abtei Kylemore Abbey.

Austern vom Ende der Welt

Er tut es tatsächlich. Umgeben vom würzigen Rauch des Torffeuers, in weichen Ledersesseln versinkend hört man Brian gerne zu, wie er ein Medley aus alten und neuen Hits zum Besten gibt. Die Küche des Abbeyglen hat alles aufgetischt, was die Region hergibt: frischen Hummer, Muscheln, Lachs, Makrele und Lammfleisch. Connemara ist auch für Feinschmecker eine Reise wert. Viele der Köstlichkeiten, die in den hiesigen Gourmetrestaurants auf den Teller kommen, stammen aus lokaler Produktion, so zum Beispiel die grossen, fleischig-salzigen Austern, die die Küche des Abbeyglen serviert. 

Gezüchtet werden sie auf David 

Keanes Austernfarm ausserhalb des kleinen Dorfes Letterfrack. Nur ein Schild mit der Aufschrift «Frische Austern» weist auf den kleinen Betrieb hin. Eine lange, holprige Strasse führt hinunter zum Meer und endet endlich vor einem Steingebäude mit Blick auf die Ballinakill-Bucht. Während der irische Regen seinem Namen wieder einmal alle Ehre macht, erzählt David Keane (60) von der langen Austerntradition in der Bucht: «Seit 1893 werden hier Austern gezüchtet. Früher wurden sie mit Pferd und Wagen nach Clifden und anschliessend mit dem Zug nach Dublin gebracht.» In unzähligen Beuteln schaukeln die Austern im Meerwasser, nach zwei bis drei Jahren sind sie «erntereif». «Der besondere Geschmack der Austern kommt aus unserer Bucht», sagt Keane. 

In der Ballinakill-Bucht werden seit 1983 Austern gezüchtet. Nach zwei bis drei Jahren im Meerwasser sind sie «erntereif».

Austern-König David Keane.

Es ist eindrücklich, wie erfinderisch die Iren sind, was ihren Broterwerb betrifft. Familienbetriebe legen nach wie vor Wert auf qualitativ hochwertige Erzeugnisse, arbeiten aber innovativ und nutzen alle erdenklichen Kanäle, um ihre Produkte und Dienstleistungen anzubieten. «Gerade in ländlichen Gegenden ist es nicht einfach, von nur einem Job zu leben», sagt auch Reiseleiterin Doris Bruderlin. Daher komme es gar nicht selten vor, dass eine Anwältin plötzlich eine Cupcake-Bäckerei eröffne oder ein Marketingleiter nebenbei eine Gin-Distillerie aufziehe.

In Gummistiefeln ins Luxushotel

Vielleicht ist es dieser Durchlässigkeit zu verdanken, dass in Irland von Standesdünkeln wenig zu spüren ist. Nicht einmal beim traditionellen Afternoon Tea im historischen Ashford Castle, einem der exklusivsten 5-Sterne-Hotels Irlands, fühlt man sich fehl am Platz. Gäste werden (selbst in Gummistiefeln) herzlich begrüsst; die servierten Köstlichkeiten sprechen für sich: Auf silbernen Etageren werden mundgerechte, teils mit Blattgold verzierte, süsse und salzige Häppchen serviert. Die luxuriöse Umgebung, der traumhafte Ausblick auf den Lough Corrib  und das eine oder andere Glas Champagner führen dazu, dass man sich wahrhaft königlich fühlt. Royal sind auch die Preise: Eine Nacht in dem Schlosshotel kann, abhängig von der Saison und dem gebuchten Zimmer, 1000 Franken und mehr kosten. 

Einmal Kapitän sein

Da nimmt mancher eher mit einer preiswerteren, aber genauso aussergewöhnlichen Unterkunft vorlieb: Hausbootferien erfreuen sich in Irland immer grösserer Beliebtheit. «Man tuckert gemächlich dahin, so lässt sich die Landschaft auf eine einzigartige Weise entdecken», sagt Barbara Smyth (42) von Silver Line Cruises, der grössten Hausbootvermietung Irlands. An Bord gibt es nicht viel Platz, dafür umso mehr Ruhe unterwegs: Auf dem 386 Kilometer langen Shannon, dem längsten Fluss Irlands, trifft man – zumindest in der Nebensaison – nur selten auf andere Boote. Liegt das Boot dann leise schaukelnd vor Anker, ist da meist nur Stille, hin und wieder unterbrochen vom krächzenden Gesang der Graureiher und dem Rauschen des Windes. Und das soll nun die Hölle sein, von der Michel Sardou gesprochen hat? Wohl eher der Himmel auf Erden.