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Mehr als 200 Kleinseilbahnen gibt es in der Schweiz. Viele überleben nur dank der Wanderer, die sie nutzen. Zum Beispiel die Kistenbahn von Selun im Toggenburg.

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ROLAND BAUMGARTNER
01. Juli 2019

Abenteuerlich, aber ungefährlich: Die Fahrt mit einer offenen Kistenbahn, hier in Selun im Toggenburg SG.

Es rumpelt etwas, wenn die Selunbahn über die Masten fährt. Die Holzkiste, die am Seil hängt, knarzt, Metall scheppert. Und doch: Für Fahrgäste ist das kein Grund, dass ihnen gleich das Herz in die Hose rutscht. Die Bahn, die für vier erwachsene Passagiere ausgelegt ist, ist sicher. «Jedes Jahr erfolgt eine Inspektion, dadurch erhalten wir die Betriebsbewilligung vom Kanton», erklärt Peter Bösch (57). Der Landwirt aus Alt St. Johann SG ist Präsident der Alpkorporation Selun und in dieser Funktion Betriebsleiter der Kleinseilbahn.

Mit dem Transport von Passagieren kann die Alpkorporation die Bahn finanzieren. Unterhalt, Betrieb und Abnahme verursachen Kosten von 40 000 bis 50 000 Franken pro Jahr: «Dieses Geld muss man zuerst verdienen», sagt Bösch. Für den Milchtransport braucht es rund 500 Fahrten pro Saison. Damit wird die Milch der 17 Bauern ins Tal transportiert, die auf der Alp Selun ihre Kühe sömmern. «Ohne Einnahmen aus dem Transport der Wanderer – Erwachsene zahlen zehn Franken pro Fahrt – hätten wir keine Überlebenschance», sagt Bösch.

Über 200 Kleinseilbahnen

So geht es vielen Kleinseilbahnen. In der Schweiz gibt es insgesamt deren 204, die über eine kantonale Betriebsbewilligung für die Personenbeförderung verfügen, wie ein eben erschienenes Buch dokumentiert (S. 83). Als Kleinseilbahn gelten Anlagen, die maximal acht Personen je Fahrtrichtung transportieren. 124 Seilbahnen sind öffentlich zugänglich wie die Selunbahn. Die Übrigen werden nur privat genutzt oder sind Werksbahnen.

In einem guten Sommer, wie es der letzte war, kommt die Selunbahn auf 5000 Fahrten. Abzüglich der Milchtransporte ergibt das rund 4500 Personentransporte. «An einem schönen Wochenende bilden sich sogar Schlangen mit längeren Wartezeiten», sagt Bösch. Auch wenn die Bahn an den Wochenenden durchfährt, bleibt ihre Kapazität mit vier erwachsenen Passagieren pro Fahrt begrenzt. Die Fahrt dauert zehn Minuten. Pro Stunde schafft sie also maximal 24 Passagiere je Fahrtrichtung. Die Selunbahn, ihre Talstation liegt im Ortsteil Starkenbach (Postautohaltestelle Starkenbach) von Alt St. Johann, erschliesst ein ausgedehntes Wandergebiet auf der Toggenburger Seite der Kurfirsten. Beliebt ist etwa die Rundtour von Starkenbach via Seilbahn auf die Alp Selun, Wanderung von gut eineinhalb Stunden nach Sellamatt und von dort mit der Bahn hinunter nach Alt St. Johann.

Landwirt Peter Bösch ist Betriebsleiter der Selunbahn im Toggenburg.

Gebaut wurde die Selunbahn 1911. Damals musste die Wasserversorgung der Alp ausgebaut werden. Die Bahn war nötig für den Materialtransport. Anfänglich war sie eine Gegengewichtsbahn ohne Motor. Die obere Kiste wurde mit Wasser gefüllt und zog die andere Kiste die 671 Höhenmeter hinauf. 1955 bekam die Seilbahn einen Motor und durfte nun auch das Alppersonal transportieren. Nach einer Totalsanierung 1986 erhielt die Bahn schliesslich die Bewilligung für den öffentlichen Personentransport.

Im Winter ist Ruhe auf der Alp Selun

Für die 500 Hektaren grosse Alp Selun ist die Bahn unabdingbar. Zwar gibt es eine Fahrstrasse, aber Bösch müsste von seinem Hof in Alt St. Johann jeden Tag zweimal 17 Kilometer auf die Alp hinauffahren. Das sind zweimal rund eine halbe Stunde Fahrzeit. «Bei 17 Bauern gäbe das auch ziemlich viel Verkehr», sagt Bösch. Die Bahn bringt ihn in zehn Minuten hinauf. Im Winter ist der Bahnbetrieb eingestellt. Damit die Alp Selun eine Ruhezone für Wildtiere bleibt, hat die Alpkorporation mit dem Vogelschutz vereinbart, dass die Bahn keine Wintersportler transportiert. Der Wintersport soll in Alt St. Johann und Wildhaus stattfinden, Selun dagegen soll möglichst unberührt bleiben. «Das scheint mir eine vernünftige Lösung zu sein», so Bösch. 

Buchtipp

Roland Baumgartner, Reto Canale: Kleinseilbahnen der Schweiz, Weber Verlag.
 

Spezielles zwischen den Masten

Bristen-Waldiberg-Bahn, Madranertal UR

Baujahr: 1979, erste Bahn 1950
Talstation: Bristen, 786 m ü. M.
Bergstation: Waldiberg, 1178 m ü. M.
Länge: 979 m
Kapazität: 4 Pers./Fahrzeit: 7 Min. Ein typisches, offenes Nieder- berger-Schiffli. Die Bahn fährt in Selbstbedienung, mit Jetons (Restaurant in Bristen) oder mit Münzautomat (auch bei der Bergstation).
Fr. 10.–/Fahrt (für bis zu 4 Personen, plus freiwilliger Aufpreis).

 

Gaspus Vättnerberg-Bahn, Taminatal SG

Baujahr: 1972, erste Bahn 1932
Talstation: Gaspus, Vättis, 960 m ü. M.
Bergstation: Vättnerberg, 1585 m ü. M.
Länge: 1065 m
Kapazität: 4 Pers./Fahrzeit: 6 Min.

Die Bahn besitzt zwei verschiedene Fahrzeuge, das grüne als moderne Transportkiste mit dickerem Tragseil. Fr. 8.– pro Person und Fahrt.

 

Chlital-Musenalp-Bahn, Uri

Baujahr: 1964
Talstation: Meihüttli, 1193 m ü. M.
Bergstation: Musenalp, 1490 m ü. M.
Länge: 891 m
Kapazität: 4 Pers./Fahrzeit: 6 Min.
Einspurige Pendelbahn, nur ein Fahrzeug fährt hinauf und hinunter. Passagiere melden sich unten am Bahntelefon an, dass sie hochfahren wollen. Fr. 8.– pro Person und Fahrt.

 

Spies–Sinsgäu, Oberrickenbach NW

Baujahr: 1945
Talstation: Ober Spies, 1190 m ü. M.
Bergstation: Sinsgäu, 1643 m ü. M.
Länge: 1559 m
Kapazität: 3 Pers./Fahrzeit: 8 Min.
«Erste Klasse» nennt man die Sitzbank im oberen, geschlossenen Teil der Gondel, «Zweite Klasse» diejenige mit Fahrtwind im talseitigen Teil.
Fr. 5.– pro Person und Fahrt.
 

 

Tann–Schweiben, Saastal VS

Baujahr: 1971
Talstation: Zum Tann, Eisten, 1312 m ü. M.
Bergstation: Schweiben, 1683 m ü. M.
Länge: 706 m
Kapazität: 4 Pers./Fahrzeit: 9 Min.
Schweiben war früher ganzjährig bewohnt. Dank der Seilbahn erlebte der Berg einen neuen, lebenserhaltenden Aufschwung.
Fr. 10.– pro Person und Fahrt.