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La Réunion
Die Unbekannte Insel

Schatzinsel wie aus einem Fantasy-Film

Mitten im Indischen Ozean liegt La Réunion. Die Insel vulkanischen Ursprungs bietet eine immense Vielfalt für Wanderer und Naturliebhaber, für Badenixen und Wassermänner, für Feinschmecker und Freunde eines einzigartigen Kulturmixes. Sieben Gründe, warum sich eine Reise dorthin mehr als lohnt.

FOTOS
IRT/Laurent BECHE, IRT/Studio Lumiere, Alamy, zvg
18. Februar 2019

 Am Cirque de Mafate: Beim Wandern auf La Réunion kommt man kaum aus dem Staunen heraus. 

1. Zauberberge

Mund zu, Augen auf! Wer zum ersten Mal diese üppig grün bewachsenen Berge zu Gesicht bekommt, kann sich nicht satt sehen an der zauberhaften Märchenlandschaft. Und fragt sich verwirrt: Hat man das falsche Flugzeug erwischt und ist am anderen Ende der Welt gelandet? Es scheint, als würde gleich Frodo Beutlin mit einem fröhlichen «Bonjour!» um die Ecke biegen.  Nein, das ist nicht Neuseeland, wo die Fantasy-Trilogie «Der Herr der Ringe» abgedreht wurde. Das ist das Innere von La Réunion, dem französischen Übersee-Département. Wie ein ovaler Klecks liegt die Insel in direkter Nachbarschaft zu Madagaskar und Mauritius – mitten im Indischen Ozean.

Spektakuläre Aussichten

Wandervögel sind auf La Réunion klar im Vorteil: Viele Naturschönheiten können nur per pedes oder aus der Luft erreicht werden. So gelangt man zum Beispiel zum  Cirque de Mafate, einem grossen vulkanischen Talkessel im Inselinnern, per Hubschrauber – oder man erwandert sich die grandiose Berglandschaft auf Schusters Rappen. Entlang einer alten Wasserleitung bietet die dreitägige Tour vom Örtchen Sans Souci nach Cilaos grandiose Ausblicke in tiefe Täler und auf die gegenüberliegenden Berggipfel. Auch Abstiege ins Tal gehören dazu – dort kann man seine heiss gelaufenen Füsse im herrlich kühlen und klaren Wasser der Bergbäche erfrischen. 

2. Oberwasser, Unterwasser

Auch wenn La Réunion eher bekannt ist für Aktivferien, dürfen ihre tropischen Strände auf einer Länge von über 30 Kilometern nicht vergessen werden. Denn die sind traumhaft und brauchen Vergleiche mit der Nachbarinsel Mauritius keinesfalls zu scheuen. Schliesslich ist das Küstenklima das ganze Jahr tropisch, von Mai bis September vielleicht einen Tick angenehmer als im Dezember oder Januar. 

Vor allem im Westen laden palmengesäumte Strände mit smaragdgrünem, badewannenwarmem Wasser zum Relaxen ein. So können Urlauber von Boucan Canot bis zum Strand von L’Étang-Salé les Bains an weissen und schwarzen Sandstränden baden und sonnenbaden. Wer einen Hauch Grandezza erleben will, ist im Badeort Saint-Gilles-les-Bains gut aufgehoben – die Gegend wird als Côte d’Azur im Indischen Ozean bezeichnet.

Mit Buckelwalen unterwegs
 

Aber Achtung: Baden Sie nicht überall, sondern achten Sie auf die Ausschilderung an den Stränden: Denn in den Gewässern rund um La Réunion tummeln sich ab und zu Haie. Gehen Sie also nur ins Wasser, wenn Baden erlaubt ist, die Strände überwacht oder Schutznetze gespannt sind. 

Der Grund, warum sich die Raubfische hier so pudelwohl fühlen, ist die vielfältige Unterwasserflora und -fauna. Dank eines Korallenriffs entlang der Westküste besitzt die Insel La Réunion eine natürlich geschützte Lagune mit einer faszinierenden Unterwasserwelt – für Anfänger wie für Profis gibt es tolle Tauchgründe. Und wer  von Juni bis Oktober die Insel besucht, kann vielleicht gar mit vorbeiziehenden Buckelwalen eine Runde drehen. 

3. Tausend exotische Genüsse

Man nehme: etwas von der berühmten Cuisine française, eine Prise madagassische Tradition, einen Löffel indisches Curry und eine Messerspitze chinesische Aromen – fertig ist ein einzigartiges Menu, das seinesgleichen auf der Welt sucht. So schmeckt La Réunion!

Kulinarischer Garten Eden

Das Zmorge auf der Insel beginnt französisch mit Croissants und Café. So weit, so wenig speziell. Dann geht es aber los: Als bekannteste Vorspeise bei einem Mittag- oder Nachtessen gelten Samoussas. Die allgegenwärtigen frittierten Teigtaschen werden mit Gemüse, Fleisch und Käse gefüllt und sind eine Köstlichkeit. Die dreieckigen Appetithäppchen gibts auch gern zwischendurch. Hauptnahrungsmittel auf der Insel ist Reis, der fast zu jedem Gericht gehört. Typisch ist das «Cari» – eine Variation des indischen Currys. Dieser Eintopf besteht aus Gemüse, Bohnen, Linsen und ab und zu auch aus Fleisch. In vielen Gerichten der kreolischen Küche findet man Chouchous, eine tropische Kürbisart, die auf der Insel wie Unkraut wächst. 

Beliebt ist auch Rougail, eine Sauce, die aus Zwiebeln, Tomaten und einheimischen Peperoni gekocht wird. Achtung: sauscharf! Als Ergänzung werden erfrischende Salate aus tropischen Früchten und exotischem Gemüse angeboten. Und als Dessert gibt es frisch ab Baum Passionsfrüchte, Victoria-Ananas, Papayas, Mangos, Litchis, Drachenfrüchte, Sternfrüchte, Kokosnüsse, Goyavier-Beeren und Guaven. 

4. Liebenswürdig und warmherzig

Santa Apollonia, England’s Forest, Île de Bourbon und La Réunion – je nach Entdecker und Eroberer trug die Insel im Lauf der Geschichte unterschiedliche Namen. Spannendes Detail: Auf dem Eiland wurde früh Vanille von hoher Qualität angebaut. Weil dieses von der Île de Bourbon (Insel der Bourbonen, ein französisches Königsgeschlecht) stammte, nannten es die Gewürzhändler kurzerhand Bourbon-Vanille.

 Zuerst etwas schüchtern, dann taut Julie Carrou aber auf. Sie ist Chefin eines «gîte» im Cirque de Mafate.  

 Gesprächiger ist Jean-Michel Mandalfen. Vom Busfahrer kann man alles erfahren, was auf der Insel gerade so läuft.

 Mit Liebe kümmert sich Florineige Roulof um ihre Vanillepflanzen, die zur Orchideen-Familie gehören.

Auf einer kleinen Farm in Saint-André im Norden der Insel baut auch Florineige Roulof (53) mit ihrem Mann Vanille an – bereits in vierter Generation. «Jeden Morgen stehe ich um vier  Uhr morgens auf und bestäube jede einzelne Vanilleblüte per Hand und Wattestäbchen», erklärt sie Besuchern freundlich. «Weltweit gibt es nur eine Bienenart, die das auf natürliche Weise kann – und die lebt nur im Hochland von Mexiko. Leider!» Übrigens sei der Moment wichtig: Trifft ein Sonnenstrahl auf die Blüte, schliesst sich ihr Kelch. Für immer.

Auf dem Land und in der Stadt
Die Inselbewohner sind ausgesprochen liebenswürdig. Sie bieten den Besuchern keinen aufdringlichen, aber einen warmherzigen Empfang. Wie Julie Carrou (26). Sie ist Pächterin der Auberge du Bronchard. In den einfachen Berghütten, genannt «gîtes», erhalten  Wanderer ein Bett und am Abend meist tolle lokale Gerichte serviert. «Das will aber gut geplant sein», erzählt Julie. «Denn wir bekommen Nachschub nur einmal im Monat per Helikopter.»

In einer solchen Abgeschiedenheit könnte Jean-Michel Mandalfen (44) nicht leben. Der lebenslustige Busfahrer aus Saint-Paul braucht das Stadtgetümmel: «Ich tanze mehrmals in der Woche und auf Festen ‹Séga› und da benötige ich immer mal wieder neue Partnerinnen», grinst er verschmitzt. Lesen Sie drei weitere gute Gründe für eine Reise nach La Réunion. 

5. Mondland

Wer durch die feuchten Regenwälder beim Trou de Fer oder die sattgrün bewachsenen Berge am Cirque de Mafate gewandert ist, traut seinen Augen kaum, wenn er sich auf den Weg zum Piton de la Fournaise, zu Deutsch «der Gipfel der Glut», macht. Erreicht man eine Höhe von 2000 Metern, hört die Vegetation schlagartig auf. Hier sieht es aus wie auf dem Mond, kein Grashalm schaut neben den schwarzen Steinen hervor und keine Ameise kreuzt den Weg. Willkommen auf dem Vulkan! 

 Ein Wow-Blick bietet sich vom Kraterrand des Piton de la Fournaise aus.

 Wenn sich flüssige Magmaströme den Weg nach unten bahnen, ist die Wanderung auf den Piton de la Fournaise nur eingeschränkt möglich. Von Weitem kann man dem eindrücklichen Schauspiel beiwohnen. 

Achtung: Der Vulkan furzt
Der Piton de la Fournaise ist der letzte aktive Vulkan auf La Réunion. Er ist vor 380 000 Jahren an der Südseite des höchsten Berges, dem Piton des Neiges, einem erloschenen Vulkan, entstanden. Letzterem verdankt die Insel übrigens ihre Existenz. Denn vor drei Millionen Jahren erhob sich dieser aus dem Indischen Ozean und bildete die Insel. Da er vom Meeresboden eine Höhe von über 7000 Metern und dort einen Umfang von etwa 800 Kilometern besitzt, gilt er als einer der grössten Vulkane der Erde. Doch zurück zum Piton de la Fournaise. Dieser ist alles andere als erloschen. Im Schnitt bricht er nämlich alle neun Monate aus – und ist damit einer der aktivsten Vulkane der Welt. Das tönt gefährlich. Ist es aber gar nicht. Denn die Magma entleert sich relativ ruhig und schnell in einer vorhersehbaren Schneise. Solchen versteinerten Lavaströmen begegnet man bei Wanderungen im Gebiet häufig. Sie sehen aus, als wären sie erst vor ein paar Stunden erstarrt. Faszinierend. Das «Observatoire Volcanique» weiss übrigens früh, wenn eine Eruption im Anmarsch ist und gibt Infos heraus. Die Einheimischen scherzen dann nur auf Kreolisch «Volcan i pet» – der Vulkan furzt. 

6. Tanzverrückt 

Mit der Ankunft der ersten Sklaven aus Madagaskar kommt der «Maloya» auf die Insel, ein ganz besonderer Tanz- und Musikstil. Unter dem Takt und Rhythmus der Trommeln bieten sich Vorsänger und Chor einen teils munteren, teils klagenden Wechselgesang, der vom Klatschen des Publikums begleitet wird. Thematisiert wird bis ins 19. Jahrhundert vor allem der harte Alltag der Sklaven. Das Wort «Maloya» bedeutet auf Madagassisch so viel wie «j’en ai marre» (ich habe die Nase gestrichen voll). Als die Sklaverei aufgehoben wird, geht der «Maloya» zeitweise vergessen. Die Leute verbanden die Musik mit der schweren Zeit und wollten nicht daran erinnert werden. 

 Beim «Séga» dreht sich alles um die Trommeln – sie bestimmen den Takt. 

Getanzt wird vor allem bei Festen, hier beim Karneval «Le Grand Boucan» in Saint-Gilles-les-Bains.

Stillsitzen verboten!
Mitte des 19. Jahrhunderts breitet sich ein bescheidener Wohlstand auf der Insel aus. Die Menschen feiern und tanzen. Auf europäischen Instrumenten gespielt, entsteht eine neue Version des «Maloya». Tänze wie Polka und Quadrille fliessen ein, alles klingt lebendiger und fröhlicher. Der «Séga» ist geboren. 
Aber die erste Hochphase des «Séga» dauert nicht allzu lange. Wegen wirtschaftlicher Probleme schliessen die meisten kreolischen Tanzsalons, man hat andere Probleme. Erst in den 1970er-Jahren wird er wiederentdeckt. Heute gibt es eine bunte Mischung verschiedener «Séga»- und «Maloya»-Ausprägungen – vor allem die Jugend peppt die traditionelle Musik mit fetzigen Reggae-Elementen und Synthesizerklängen auf. Egal, ob traditionell oder neu interpretiert: Beim «Séga» werden Sie nicht still sitzen können. Tanzen Sie mit! 

7. Friedliches Miteinander

La Réunion ist ein Schmelztiegel der  Nationalitäten, Hautfarben, Kulturen und Religionen. Die Menschen, die hier leben, stammen von französischen Kolonialisten, ehemaligen afrikanischen Sklaven, indischen Flüchtlingen oder chinesischen Einwanderern ab. Sie sind Christen, Muslime, Hindus, Buddhisten. Das Eindrucksvolle: Ihr Zusammenleben ist friedlich.  

 Auf La Réunion stehen oft Moscheen in direkter Nachbarschaft von Kirchen und hinduistischen oder buddhistischen Tempeln.

Künftiges Gesellschaftsmodell?
Zweibeiner sind auf La Réunion eher eine Novität. Bevor französische Siedler im 17. Jahrhundert landeten, war die Insel gänzlich unbewohnt. Mit den neuen Bewohnern kamen auch Sklaven aus Madagaskar und dem übrigen Afrika nach La Réunion – sie «dienten» als billige Arbeitskräfte. Ein dunkles Kapitel der «histoire réunionnaise» (Inselgeschichte). Nach der Aufhebung der Sklaverei 1848 wurden Arbeiter aus Tamil Nadu, einem südindischen Bundesstaat, nach La Réunion geholt. Diese brachten den Hinduismus mit bunt bemalten Tempeln mit. Aus Westindien stammen Muslime, die auf La Réunion eine neue Heimat fanden. Ebenfalls im 19. Jahrhundert kamen die ersten Chinesen auf die Insel – sie stammten aus dem südchinesischen Guangdong.

Weil sich die verschiedenen Gemeinschaften durch Heirat und Familiengründung zu einem friedlichen Bevölkerungs-Cocktail, der in dieser Form einmalig ist, vermischt haben, gilt La Réunion gar als Vorbild für zukünftige Gesellschaftsmodelle. 

Der Autor reiste auf Einladung von Imbach Reisen und Air Austral nach La Réunion.

Insel-Wandern

Tipps für Touren

  • Starten Sie möglichst früh zu Ihren Wanderungen in den Bergen von La Réunion. Gegen Mittag ziehen oft Wolken auf. Dann kann es ungemütlich werden. Regenschutz darum immer einpacken.
  • Auch wenn es am Startpunkt an der Küste tropisch warm sein mag: Bei Ihren Wanderungen sind Sie rasch auf über 2000 Metern Höhe. Und da kann es kalt und zugig zugehen. Nehmen Sie deswegen auch wärmende Kleidung mit, die Sie im Zwiebelprinzip an- und ausziehen können. 
  • Stabile und feste Wanderschuhe sind Pflicht, auch auf La Réunion geht es über Stock und Stein.
  • Ein guter Startpunkt für Touren ist Hell-Bourg, ein Dörfchen mit farbenfrohen kreolischen Villen. Es gehört zu den «Les Plus Beaux Villages de France», den 150 schönsten Dörfern Frankreichs.  
  • Auf Wanderreisen hat sich Imbach Reisen spezialisiert. Das Reisebüro aus Luzern bietet eine 15-tägige Reise nach La Réunion ab Fr. 5450.– an (inkl. Flug), auf der Aktivität, Genuss und Erholung grossgeschrieben werden. Termine: 19. Oktober bis 2. November sowie 2. bis 16. November 2019.  www.imbach.ch