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Tourismus

Von der Schande zur Kulturhauptstadt

Noch vor 70 Jahren galt Matera als Schande Italiens. Heute ist die europäische Kulturhauptstadt 2019 eine der schönsten Städte des Landes. Zu Besuch in Höhlen, bei 1000-jährigen Fresken und in herrlichen Restaurants.

FOTOS
Christian Bauer, Getty Images, Keystone, Bruno Zanzottera
11. März 2019

Matera wirkt wie ein Garten aus Stein. Oben der Dom, vorne der Turm der Kirche San Pietro Barisano.

Matera, die Europäische Kulturhauptstadt 2019, erinnert an eine Schachtel Panettone. Das Äussere ist belanglos, der Stadtkern aber verleitet zu Entzückungsrufen. Wer mit dem Auto nach Matera anreist, wird von einer jener Trabantenstädte begrüsst, die man nach entnervter Parkplatzsuche schnell wieder verlassen will. Was soll also der Hype, der derzeit über die Stadt hereingebrochen ist?

Das Geheimnis lüftet sich beim Blick von der Aussichtsplattform Piazza Vittorio Veneto am Rand der Neustadt. Vor dem Betrachter breitet sich ein Häusermeer aus, das an einen Haufen zusammengewürfelter Bauklötze erinnert. Die Altstadt ist eine Augenweide. Die Einwohner behaupten, Matera sei die schönste Stadt Italiens. Das könnte sogar stimmen: Sie ist eine Zeitkapsel zurück ins Mittelalter und die Renaissance, frei von Zweckbauten der Nachkriegsjahre.

Die Kirche der Santa Lucia alle Malve wurde im 9. Jahrhundert in den Tuffstein der Sassi gegraben. Die Freske links zeigt die Madonna.

Wer auf den Gässchen und Treppen durch die sandfarbenen Häuschen schlendert, vergisst das Heute – und lässt den Stadtplan am besten in der Tasche. Denn in dem Gassen-Wirrwarr ist das Verlaufen Programm, hinter jeder Ecke verbirgt sich Überraschendes: Kirchen, Palazzi und Plätze, auf denen bunte Wäsche zum Trocknen im Wind flattert. Die Kamera hat viel zu tun.

«Es ist gut, dass Matera weltweit bekannt wird, doch vieles geht langsam.»

Expertin Dora Cappiello

Logisch, ist Matera ein Unesco-Welt- erbe. Allerdings hauptsächlich für das, was man als Besucher zunächst nicht sieht: Der Fels, auf dem die Stadt gebaut ist, ist löchrig wie ein alter Fiat. Seit 9000 Jahren haben die Menschen Höhlen in den karstigen Stein gebuddelt: Kirchen (in einigen sind tausendjährige Fresken zu sehen), Weinkeller oder Kühlschränke, und darüber haben sie ihre bescheidenen Häuschen gebaut. Matera gilt als einer der ältesten durchgehend bewohnten Orte der Welt. Verständlich: Die Ebene an Italiens Stiefelabsatz taugt mit ihren Weinstöcken und Olivenhainen zum Paradies.

Schlimmste Wohnsituation Italiens

Anreisen, geniessen

Informationen

Hinkommen
Der nächste Flughafen ist Bari, den man von der Schweiz aus allerdings nur mit Umsteigen erreicht. Direkt geht es von Zürich, Basel und Genf nach Neapel. Von dort sind es drei Auto- oder vier Bus- oder Zugstunden bis Matera. Im Zug ist die Stadt von Mailand aus mit Umsteigen in Salerno in etwa neun Stunden zu erreichen.

Übernachten
Angesichts des zu erwartenden Ansturms sind die Hotelbetten knapp. Rechtzeitig reservieren! Das schönste Höhlenhotel ist das La Grotte della Civita mit 18 Wohnungen.

Führungen
Stadtführerin Dora Cappiello bietet Führungen durch Matera an und organisiert auch Velo-, Wander- und Genussreisen in der Region.

Doch im 19.Jahrhundert verarmte die einfache Landbevölkerung und rückte zusammen, die Tagelöhner waren gezwungen, auch die Höhlen zu besiedeln. Die Lebensbedingungen waren fürchterlich. Die bambini-reichen Familien teilten feuchte, fensterlose Räume mit ihrem Vieh, das wenigstens etwas Wärme spendete. Gut nachzuvollziehen ist dies im Museum Casa Grotto, das eine Wohnhöhle aus der Zeit um 1940 zeigt.

1953 beschloss die italienische Regierung, den «Schandfleck Italiens» zu beseitigen und neuen Wohnraum zu schaffen. In der Umgebung Materas liess sie neue Dörfer aus dem Boden stampfen und siedelte die 30 000 Bewohner um. Ende der 50er-Jahre wurde die Altstadt komplett geschlossen – und so für die Nachwelt konserviert. Heute, nach aufwendigen Renovationen, gleichen die Sassi, wie man die Altstadt nennt, einem Trendviertel mit Boutiquen, Hotels und Restaurants und nur wenigen Bewohnern. Gentrifizierung? Nein: Die Kosten fürs Heizen und Belüften sind für Privatpersonen schlicht zu hoch. Kritiker tönen, die Altstadt sei zu einem Kunstprodukt verkommen. Flaniert man an all den Hotels vorbei, versteht man das. Doch die Sassi gleichen auch einem lebendigen Museum, das seinen Charme behalten hat. Und es ist eine Filmkulisse für das Jerusalem zu Zeiten Jesu. Matera ist Schauplatz von Mel Gibsons «Die Passion Christi» (2004) und der neusten Ben-Hur-Verfilmung (2016).

An gemütlichen Strassencafés fehlt es in der Altstadt von Matera so wenig …

… wie an Läden mit regionalen Spezialitäten. 

Überforderte Behörden

Bei dieser Verquickung von Alt und Neu ist es nur richtig, dass man mit den Aktivitäten zum Kulturhauptstadtjahr unter dem Motto «Open Future» eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft schlagen möchte. Dazu stehen Kunstinstallationen, Theater- und Musikaufführungen ebenso auf dem Programm wie Diskussionsrunden oder Themenwege.

«Es wurde viel geplant, schlussendlich aber nur ein Teil realisiert», beklagt sich Reiseführerin Dora Cappiello (47). «Unsere Mühlen arbeiten viel zu langsam.» Auf einen Besucher-Boom ist das Städtchen nur bedingt vorbereitet. «Natürlich ist es gut, dass Matera weltweit Werbung bekommt», sagt Dora. «Aber wir sind total überfordert. In der Stadt gibt es nicht genügend fremdsprachige Reiseführer und Parkplätze.» Wer in einem der geschmackvollen Höhlenhotels nächtigen will, muss weit im Voraus reservieren. Doch das lohnt sich: Man schläft im Bauch des Berges wie ein Murmeltier.

Auch wenn nicht alles wie am Schnürchen läuft: Das Essen ist göttlich, die Stadt wunderschön und die Gastfreundschaft umwerfend. Da drückt man gerne mal ein Auge zu. 

Geheimtipps

Schön ist auch das Höhlenhotel Il Palazotto.

  • Casa Cava: Ein Veranstaltungsort in einem unterirdischen Steinbruch für Film-, Theater- und Musikaufführungen.
  • Casa Grotta nei Sassi: In der rekonstruierten Höhlenwohnung kann man das elende Leben der einstigen Tagelöhner nachvoll- ziehen.
  • Casa Noha: In dem Höhlen-Haus-Mix wird ein Film über die Geschichte der Stadt und die Lebensrealität der Bevölkerung bis in die 1950er-Jahre gezeigt.
  • Felsenkirchen: Die wichtigsten Bauten sind Felsenkirchen mit teilweise 1000-jährigen Fresken. Die schönste Kirche ist die «Cripta del Peccato Originale» etwa acht Kilometer ausserhalb der Stadt.
  • La Lopa: Das Restaurant in einer ehemaligen Höhlenwohnung hat drei Ebenen, auf einer davon ist ein Kino. Hier wird lokale Hausmannskost aus der Region aufgetischt.
  • Areo 8: Am Rande der Sassi liegt dieser Lounge-Club-Restaurant- Mix, eine der coolsten Adressen der Stadt.
  • Salumeria Il Buongustaio: Der Delikatessenladen am Hauptplatz.