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Bhutan

Überflieger in den Bergen

Gerade hat der «Lonely Planet» Bhutan, das kleine Königreich in den Bergen, zum Top-Reiseland für 2020 gekürt. Eine herausfordernde Ehre für das Land voller Traditionen, das sich dem Tourismus erst seit einigen Jahren öffnet.  

11. November 2019

Bhutan ist das Land der vielen Feste. Überall werden rituelle Maskentänze aufgeführt, wie hier beim «Druk Wangyel Tshechu»-Festival.

Für eine Sekunde scheint er wie ein Buddha schwerelos im Schneidersitz in der Luft zu schweben, dann fällt der Mann mit Maske auf die bunte Matte zurück. Nach zwei, drei Minuten stösst er sich erneut mit den Beinen vom Boden ab und fliegt in die Höhe. Dieses Schauspiel, das er zu den Tönen von buddhistischen Gesängen und Melodien vorführt, wiederholt sich wieder und wieder. Es dauert sicher eine Stunde und verlangt dem Mann im Röckchen unglaubliche Kraft sowie höchste Körperbeherrschung ab. Mit ernsten Mienen bestaunen um den Festplatz herum die angereisten Menschen das Geschehen. Sie haben Hochachtung vor der Leistung des Tänzers.  

Die Himalaja-Gipfel schauen zu

Der «Sprungtanz» ist jedes Jahr am 13. Dezember am «Druk Wangyel Tshechu»-Festival zu sehen. Vor der atemberaubenden Kulisse der sich am Horizont aufreihenden, schneebedeckten Himalaja-Gipfel wird es beim Dochula-Pass auf einer Höhe von über 3000 Metern durchgeführt. Zum Fest gehören aber auch andere Vorführungen – bekannt sind vor allem die vielen bunten Masken und Kleider, in denen die Menschen ihre rituellen Tänze und Gesänge präsentieren. 

In einem Tal liegt Thimphu, die Hauptstadt Bhutans. Mitten in der Stadt regelt ein Polizist den Verkehr – Ampeln gibt es im ganzen Land keine.

 Mit Leidenschaft webt Karma Choden aufwendige Stoffe aus Seide und Baumwolle. Sie ist glücklich: «Ich durfte mein Hobby zum Beruf machen!»

Im Gegensatz zu den anderen Festen im Land, die vor allem religösen Ursprungs sind und bei denen der Buddhismus gefeiert, um eine gute Ernte gebetet wird oder böse Geister ausgetrieben werden sollen, ist das Festival in luftiger Höhe eine weltliche Veranstaltung. Die Protagonisten sind Mitglieder der königlichen bhutanischen Armee – und gefeiert wird vor allem die Unabhängigkeit des Königreichs, dessen Fläche ein wenig kleiner ist als die Schweiz. Die Eigenständigkeit ist nämlich alles andere als selbstverständlich.

Eingeklemmt zwischen China und Indien, war das Land im Lauf der Jahrhunderte immer wieder das Objekt der Begierde der beiden Grossmächte. Doch konnten sich die stolzen Bhutaner diesen Begehrlichkeiten bisher widersetzen. Zu verdanken haben sie diesen Umstand auch der geografischen Lage des Landes: Wegen der mächtigen Bergriesen des Himalaja ist es schwierig zu erreichen – und zu erobern.

Zögerliche Öffnung des Landes 

Nicht nur geografisch war Bhutan lange abgeschirmt vom Rest der Welt: Erst seit 1974 sind für Touristen Reisen nach Bhutan möglich. Allerdings wurde gleichzeitig eine Tagespauschale von damals 200 Dollar festgesetzt, die man zahlen muss, um ins Land zu kommen. Das hinderte jahrzehntelang vor allem die reisehungrigen Backpacker, das Land zu besuchen. Was auch seine Vorteile hatte.

1994 wurde das Limit von 3000 Touristen pro Jahr aufgehoben; im Jahr 2007 waren es dann schon 20 000 Menschen, die das Land des Donnerdrachens besuchten. Dass der Tourismus anstieg, liegt auch am Ausbau der Infrastruktur. «Wir haben die wichtigsten Verbindungen von Schotterpisten zu geteerten Strassen ausgebaut», erzählt Nima Duptho. 

Der 41-Jährige ist Touristenguide in Bhutan und spricht ein sehr gutes Deutsch, das er in der Schule gelernt und im Kontakt mit fremden Besuchern verfeinert hat. «Früher hatten wir auch nur wenige, sehr einfache Unterkünfte – das ist jetzt anders.» Und er erzählt weiter, dass es erst seit 1999 offiziell Fernsehen und seit 2004 Handys in Bhutan gibt. 

Auch wenn vor allem letzteres auch hier mittlerweile zum Alltag gehört – selbst die Mönche in den Klöstern sieht man mit Handys hantieren –, der Fortschritt wird von den Bhutanesen nicht immer geschätzt. So steht bis heute in der Hauptstadt tagein, tagaus an einer belebten Kreuzug ein Polizist, der lässig mit weissen Handschuhen den Verkehr regelt. «Vor Jahren waren hier die einzigen Verkehrsampeln des Landes installiert», erzählt Nima. «Den Leuten war das zu unpersönlich, deswegen kam der Polizist wieder.» Ob das heute noch genauso wäre, wenn man eine Umfrage bei den einheimischen Autofahrern machen würde, ist fraglich. Doch das Häuschen, in dem der Verkehrspolizist steht, ist ein viel fotografiertes Motiv für die Besucher.

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Traditioneller Wickelrock

Wie die meisten Leute auf der Strasse trägt Nima ein traditionelles Gewand. Bei den Männern heisst dieses Gho, sieht ein bisschen aus wie ein Bademantel mit weiten Ärmeln und besteht bei einigen aus einem einfarbigen, bei anderen aus einem reich gemusterten Stoff. Durch Wickeln, Krempeln und Binden entsteht aus einem bodenlangen Stoffteil eine Art Rock. Darunter zieht Mann knielange Strümpfe an. «Der Gho ist praktisch», sagt Nima. «Oberhalb des Stoffgurtes an der Taille haben wir viel Stauraum für diverse Utensilien.» War das früher vor allem Kautabak und ein Dolch, klingelt es heute ab und zu aus dem Wulst, den die bhutanischen Männer vor sich her tragen. «Für wichtige Anlässe schlagen wir ein farbiges Tuch, die Kabney, um Schulter und Körper.» Die Farbe dieses Tuches zeigt die gesellschaftliche Stellung an. «Rot bedeutet, dass jemand vom König ausgezeichnet wurde», verrät der Fremdenführer. «Weiss tragen normale Bürger, Safrangelb bleibt dem obersten Mönch und dem König höchstpersönlich vorbehalten.» Frauen tragen übrigens eine Kira, ein knöchellanges Kleid, das ebenfalls aus einer langen Stoffbahn gewickelt wird. «Sie wählen etwas farbenfrohere Stoffe – auch im Arbeitsalltag», weiss Nima, der selbst verheiratet ist und einen sechsjährigen Sohn hat.

 Deftige Gerichte sind in Bhutan beliebt. Eine Spezialität ist grüner oder roter Chilisalat, der einem Tränen in die Augen treibt. 

 Nima im traditionellen Alltags-Gho. Die Wickeltechnik ist kompliziert. 

 Bei der Bhutanreise wird man oft von einer lokalen Familie zum Essen eingeladen. Dabei lernt man die Lebensweise der Einheimischen kennen.

Gewebt werden die Stoffe in einem aufwendigen Webverfahren. «Für einen Gho mit komplizierten Mustern brauche ich gut sieben Monate», erzählt Karma Choden, eine Frau, die in einer kleinen Weberei in der Hauptstadt arbeitet. «Die kleinsten Müsterchen halten am meisten auf», erzählt die 41-Jährige. Gelernt hat sie ihr Handwerk von ihrer Mutter und Grossmutter, die auch schon schöne Stoffe aus Wolle und Seide hergestellt haben. «Vor 17 Jahren habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht – das ist ein grosses Glück.» Die Mutter dreier Kinder ist diejenige, die die Familie versorgt. «Mein Mann verdiente als Maurer weniger und so haben wir entschieden, dass er zu Hause bleibt und sich um die Erziehung der Kinder kümmert.»

Das Bruttonationalglück

Reiseangebot

Bhutan

Mit Begeisterung fürs Reisen kreiert Cotravel mit Sitz in Basel hochwertige Studienreisen in alle Winkel dieser Welt, unterstützt durch das Expertenwissen der begleitenden Fachreferentinnen und Fachreferenten. Im kommenden Jahr bietet Cotravel zwei Gruppenreisen in Begleitung des Buddhismus-Kenners Helmut Köllner nach Bhutan an: 28. April bis 14. Mai und 26. September bis 12. Oktober 2020 zum Bumthang-Fest. Das Detailprogramm und Erlebnisberichte gibt es in allen Kuoni-Filialen oder unter: www.cotravel.ch

Glück ist in Bhutan übrigens Staatsangelegenheit – spätestens seit 1979. Hier hatte ein indischer Journalist den damaligen König von Bhutan, Jigme Singye Wangchuck, nach der Höhe des Bruttoinlandprodukts gefragt. Dieser antwortete dem verdutzten Reporter, dass das Bruttonationalglück in seinem Land wichtiger sei. Seitdem ist die «General National Happiness» (GNH) erklärtes Ziel der Wirtschaftspolitik des Landes. 

«Wir haben definiert, dass das Glück unserer Bevölkerung auf vier Säulen steht», sagt Sangay Phurka, Dozent am Institut für nationale Studien in Thimphu. «Diese sind zum einen die Bewahrung der kulturellen Werte, zum zweiten eine soziale und gerechte Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, dann eine verantwortungsvolle Staatsführung und zu guter Letzt der Schutz der Umwelt.» Besonders der Umweltschutz ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. «Schon früh haben wir in der Verfassung festgeschrieben, dass mindestens 60 Prozent unseres Landes mit Wald bedeckt sein müssen», so der 51-Jährige, der sich auch als Mitglied der oppositionellen Partei dem Glücksprinzip verschrieben hat. «Heute sind es 72 Prozent.» Vor allem dadurch ist Bhutan eines der wenigen klimanegativen Länder. Bis jetzt scheint die staatlich verordnete Glückseligkeit zu funktionieren – vor allem, weil die Regierung die Lebenssituation ihrer Bürger deutlich verbessert hat. So haben sie freien Zugang zu Bildung und Gesundheitseinrichtungen. 

Tradition und Moderne

Zur Verbesserung der Lebenssituation trägt auch die langsame Öffnung des Landes für westliche Errungenschaften wie Autos, TV und Internet bei. 

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Auch wenn man heute in den Strassen Jeans und Lederjacken an manchen Jugendlichen sieht: Bisher funktioniert das friedliche Nebeneinander von Tradition und Moderne. Der Buddhismus, dem drei Viertel der Bevölkerung folgen, prägt mit seinen Ritualen nach wie vor das Alltagsleben. Die Dzongs, die Klosterburgen, von denen das Tigernest auf über 3000 Metern Höhe und der Punakha Dzong (oben) die wohl bekanntsten sind, werden von den Einheimischen fleissig besucht. Religiöse Feste haben nach wie vor grossen Zulauf und die Klöster beklagen bisher keine Nachwuchsprobleme. 

Bleibt zu hoffen, dass das Nebeneinander noch lange im Gleichgewicht bleibt und sich Bhutan diese Ursprünglichkeit bewahren kann.

Diese Reportage entstand auf Einladung des Bhutan-Reise-Spezialisten Cotravel sowie Qatar Airways.

Wissenswertes Von A bis Z

Alles, was man über Bhutan wissen muss

  • Anreise: Bhutan ist derzeit nur via Kathmandu, Bangkok oder Delhi erreichbar. Die Reise dauert gut und gerne 20 Stunden.
  • Bevölkerung: ca. 750 000.
  • Einreise: Mindestens 4 Wochen vor Reisebeginn muss man bei einer Spezial-Agentur ein Visum beantragen. Man erhält eine Genehmigungsnummer und bei Ankunft dann das Visum.
  • Essen: Die bhutanische Küche ist vielfältig, verschiedene Gemüse werden in Tontöpfen zubereitet serviert. Aber Achtung: Mit Chili wird überall reichlich «gewürzt». Als Beilage sind Reis, Mais und Buchweizen allgegenwärtig. Interessant schmeckt Seudja-Tee – er wird mit Butter und Salz «verfeinert».
  • Fotografieren: Die Leute in Bhutan sind freundlich, aber wenn sie von Touristen mit Fotoapparat oder Handy «überfallen» werden, kann es sie verständlicherweise nerven. Am besten, man fotografiert unauffällig oder fragt höflich, ob man knipsen darf. 
  • Hauptstadt: Thimphu mit circa 100 000 Einwohnern.
  • Höhenlage: Über 80 Prozent des Staatsgebiets liegt auf über 2000 Metern Höhe, einige Pässe noch höher. Am Anfang sollte man die Dinge also ruhiger angehen lassen. 
  • Kleidung: Wegen der Höhe brauchts warme Kleidung, das ganze Jahr über. Unerlässlich sind Regenjacke sowie ein Sonnenschutz. 
  • Klosterbesuch: Besucher sind willkommen, aber oft sind nur wenige Räume für ausländische Besucher geöffnet. Beim Betreten muss man die Schuhe ausziehen. Tipp: warme Socken im Tagesrucksack mitnehmen, die Steinböden sind oft kalt. Ansonsten müssen Knie und Schulter bedeckt sein. Alle religiösen Bauwerke sind immer im Uhrzeigersinn zu umgehen – das bringt Glück.
  • Klima: Von Juni bis August fällt der grösste Teil des Regens. Der Süden ist subtropisch, in Zentralbhutan herrscht gemässigtes Klima und im Norden sind in der Höhe die Temperaturen kühler. Die beste Aussicht auf die Himalaja-Berge gibts von September bis Dezember. Aber dann sind die Felder nicht grün.
  • Regierungssystem: Konstitutionelle Monarchie.
  • Sicherheit: Bhutan gilt als sicher. 
  • Sprache: Die Amtssprache ist Dzongkha, eine tibeto-birmanesische Sprache. Im Süden des Landes ist Nepali verbreitet. Englisch sprechen aber alle.
  • Touristenabgabe: Alleine durch Bhutan zu reisen, ist fast unmöglich. Einreisen darf nur, wer bei einem lizensierten Veranstalter eine Reise gebucht hat. Im Reisepreis ist eine Tagespauschale von 250 Dollar enthalten, die mit Guide, Transport, Übernachtungen, Vollpension verrechnet wird.
  • Währung: Die Landeswährung ist Ngultrum (BTN). 100 Ngultrum entsprechen derzeit etwa Fr. 1.40. Kreditkarten sind wenig verbreitet. Nur in Thimphu gibt es einige Geldautomaten, die aber nicht immer funktionieren.
  • Zeitverschiebung: Im Winter plus 5 Stunden, während der Sommerzeit plus 4 Stunden.