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Tourismus

Schöner Reisen fängt im Web an

Die Digitalisierung bringt uns die Welt ins Wohnzimmer. Dank Virtual-Reality-Brillen wirken die Bilder unglaublich echt. «Doch die Brille wird uns das reale Reisen nie ersetzen», sagt Martin Nydegger (47), Direktor von Schweiz Tourismus.

04. Juni 2019

Die Virtual-Reality-Brille erlaubt einen spektakulären Blick auf die Schönheiten der Schweiz (auf dem Bild der Creux du Van im Waadtland).

Die Website von Schweiz Tourismus zeigt seit rund einem Monat ein völlig neues Bild. In schönen Drohnenaufnahmen schwebt der Besucher über Gipfel, Seen, Städte und Gletscher. Mit einer Virtual-Reality-Brille (VR-Brille) betrachtet, wirken die Filme so echt, dass sie von wahren Bildern phasenweise kaum mehr zu unterscheiden sind. Da kommen auch in der heimischen Stube Feriengefühle auf.

Die digitale Welt wird immer realistischer. Man spricht heute von Virtual Reality. Da brauchen wir eigentlich nicht mehr zu verreisen. Wir könnten uns doch einfach die entsprechenden Filme mit einer VR-Brille ansehen.

Wohl kaum. Das sind höchstens ein paar Nerds, denen ein digitales Erlebnis das analoge ersetzen kann. Reisen beinhaltet immer auch den Ortswechsel. Man will weg sein von dort, wo man immer ist, wir reisen mit allen unseren Sinnen. Das findet auf einer Ebene statt, die man digital nicht nachproduzieren kann. Und schliesslich: Ein Selfie vor dem eigenen Computer ist ja auch nicht lustig.

Dennoch produziert Schweiz Tourismus immer mehr Material für digitale Erlebnisse.

Das schon, aber das ist die Vorstufe des Reisens. Die physische Verschiebung wird dem Reisen erhalten bleiben. Das Recherchieren davor und die Inspiration finden jedoch immer häufiger digital statt, auch die Planung und der Buchungsvorgang. Dazu müssen und wollen wir Inhalt liefern. Früher haben wir mit Text kommuniziert, dann kamen der Ton, das Bild, das bewegte Bild. Und heute sind wir in der 3-D-Umgebung. Das waren und sind technische Fortschritte, die den Gästen die Möglichkeit geben, sich noch besser zu informieren.

Was bringt die neue Website mir als Kunde?

Inspiration. Schöne Aufnahmen, die zum Reisen animieren sollen.

Das war so aufwendig? Der neue Online-Auftritt soll das Ergebnis einer mehrjährigen Arbeit sein.

Das Aufwendige an der neuen Website ist nicht das, was man vordergründig sieht, sondern was dahinter abläuft: Es werden viele ganz verschiedene Quellen miteinander verknüpft. So entstand ein komplexer Organismus, den die ganze Branche wieder nutzen kann. Eine Touris- musregion kann zum Beispiel ihren Text eingeben. Dieser wird redigiert und übersetzt. Den so aufbereiteten Text kann die Tourismusregion dann wieder abholen und selber verwenden. Das klingt vielleicht banal, aber wir übersetzen alles in 16 Sprachen. Das können die Regionen nicht leisten. Wir arbeiten auch mit starken Kontrasten, sodass User mit eingeschränkter Sicht die Seiten besser erkennen. Zudem ist die Seite so aufgebaut, dass ein automatisches Leseprogramm alles lesen und den Sehbehinderten vorlesen kann. Das hat einen angenehmen Nebeneffekt: Auch Google kann die Seite so besser lesen und belohnt dies mit einer besseren Positionierung.

Wie hat die Digitalisierung den Tourismus verändert?

Die Gäste sind anspruchsvoller geworden, und sie sind viel besser informiert. Alles ist schnelllebiger – ungeduldiger, wenn man es etwas böse formulieren will. Wenn man auf eine E-Mail nicht innerhalb von zwei Stunden antwortet, wird der Gast nervös. Und schliesslich hat die Digitalisierung auch viel mehr Transparenz gebracht. Heute kann niemand mehr seine Angebote und Preise verstecken. Und auch nicht seine Bewertungen.

Wirkt das motivierend auf die Anbieter?

Ja, das hat seine guten Seiten, das stimuliert den Wettbewerb enorm. Der Gast hat alle Informationen vor sich. Der Nachteil: Er muss sich durch die Masse an Informationen navigieren und immer überlegen, wem kann ich glauben?

Eine schwierige Frage in Zeiten von Fake News und Gefälligkeitslob.

Deshalb sind wir überzeugt, dass unsere Marke mit der Goldblume eine Ankerfunktion hat. Diesem Zeichen kann man vertrauen. Wenn etwas auf unserer Website steht, soll es schön und modern sein, aber vor allem vertrauenswürdig.

Was braucht es, damit die Gäste in die Schweiz kommen?

Wir müssen auffallen. Das können wir hier vielleicht schwer verstehen, aber die Gäste kommen nicht automatisch auf die Idee, in die Schweiz zu reisen. Bei den Schweizerinnen und Schweizern, die die Hälfte aller Übernachtungen ausmachen, ist das zwar zum Glück der Fall, aber im Ausland sind wir ein Bewerber unter vielen – und zwar ein kleiner. Da stehen wir in Konkurrenz zu anderen Ländern, im Winter nicht nur zu unseren Nachbarländern, sondern auch zu Badedestinationen. Und zu Anbietern wie Kreuzfahrtunternehmen. Vermutlich machen alle Kreuzfahrtschiffe der Welt zusammen mehr Logiernächte als die Schweiz.

Wie bringen Sie die Gäste, die in die Zentren wie Luzern, Zürich, Bern, Basel oder Interlaken fahren, dazu, auch die Surselva oder das Goms zu besuchen?

Wir bewerben den Weltmarkt, den Nachbarländer-Markt und den Schweizer Markt unterschiedlich; letzterer ist für uns der wichtigste. Auf dem Weltmarkt ist Tourismus-Marketing auch immer ein wenig Geografie-Unterricht. Die einheimischen Gäste jedoch wollen keine Käse-Schokolade-Kuh-Schweiz präsentiert bekommen. Sie sind an Regionen interessiert, die man als Geheimtipp oder als verstecktes Tal präsentieren kann. Aber auch das findet man auf der neuen Website. 

Martin Nydegger (47), Direktor von Schweiz Tourismus