X

Beliebte Themen

Freizeit

Die Wahrheit über die lieben Murmeli

Rund um Juf, dem höchstgelegenen Dorf Europas, leben mehr Murmeltiere alsanderswo im Alpenbogen. Im nahen Bergalga-Tal ist ihnen ein Weg gewidmet.

FOTOS
Yannick Andrea
19. August 2013

Sina, Monika und Julia mit ihren Eltern Therese und Dölf Menn auf dem Murmeltierweg im Bergalga-Tal.


Auch ohne Murmeltiere wäre das Tal einen Besuch wert.

Und würde hier kein einziges Murmeltier wohnen, die Fahrt an den Rand der Schweiz, ins Avers, hat sich gelohnt. Kurz vor Juf, dem auf 2126 m ü. M. höchstgelegenen Dorf Europas, biegt der Weg rechts ab. Ein Hinterrhein-Zufluss mäandert durchs breiteBergalga-Tal, bildet immerwieder Schwemmebenenund kleine Inseln. Kuhherden ruhen wiederkäuendim Gras. Ein Maler würde ein solches Bild wohl mit Ruhe betiteln.

Murmeltiere sind nicht nur herzig, sie können auch knallhart kämpfen.

Doch im Bergalgawohnen mehr Murmeltiere als in jedem anderen Bergtal. Das hat eine Studiengruppe der Universität Wien herausgefunden. Sie hat hier oben über ein Jahr lang das Leben der Murmeltiere erforscht. Diese Murmeltiere also verpfeifen uns an diesem schönen Sommermorgen wobei, sie pfeifen nicht wirklich, sie schreien. Das erfahren die Besucher auf dem Murmeltierweg, der sozusagen als Nebenprodukt dieser Forschungstätigkeit entstanden ist. Der Weg räumt mit vielen Vorurteilen und Fehlinformationen über die Murmata auf, wie hier die Tiere genannt werden. Jöh, sagt etwa Julia Menn, die uns mit ihren Schwestern und Eltern auf den Murmeltierweg begleitet. Aber mit dem Jöh ist das so eine Sache: Murmeltiere sehen putzig aus, doch wenn sie etwa ihr Revier verteidigen, das sie täglich neu markieren, fliegen die Fetzen und fliesst auchmal Blut. Das kann bis zum Tod führen, wie den Infotafeln zu entnehmen ist. Übrigens: Bei der Verteidigungdes Reviers kämpfen Bären gegen Bären und Katzen gegen Katzen, wie die männlichen und weiblichen erwachsenen Murmata genanntwerden. Ein feindlicher Bärtötet auch gern mal die säugenden Jungen, wenn er bei der Eroberung des Reviers obsiegt: Die Katze kann dann ihre Kräfte schonen und ist bereit für seine Brut. Aber erst im nächsten Frühling. Empfängnisbereit ist so eine Murmeltierfrau nur gerade 24 Stunden. Nicht im Monat. Im Jahr!

Die Bio-Bauernfamilie Mennaus Juf, die uns ihr Tal zeigt, kommt aus Goodwill mit. Wegen der Murmata müssten sie nicht ins Bergalga. Vor allem im Frühjahr haben sie die Tiere direkt vor, manchmal auch hinter der Haus- oder Stalltüre: Wenn sie aus ihren Bauen kommen, sind sie irgendwie irritiert, sagt Vater Menn. Oft tauchen sie dann mitten im Dorf oder eben im Stall auf. Therese Menn fiel vor Schreck mal fast der Kochlöffel aus der Hand: Ich stand am Herd, als ein Tier unten im Haus so laut schrie, dass es durch Mark und Bein ging. Irgendwie müssen die Murmata auch grosse Menschenkenner sein. Wenn Dölf Menn am Mähen ist, kommen sie bis auf zwei Meter an ihn heran. Sie wissen offenbar genau, dass er ihnen nichts tut: Ich gehe auf die Gams- nicht auf die Murmeljagd, meint er trocken.

Trotzdem werden jährlich etwa 10000 Murmeliim Alpenbogen geschossen. Ihr Fleisch wird zu Braten oder Ragout. Begehrt ist heute noch das ausgelassene Fett der Tiere. Eingerieben oder getrunken soll es gegen Rheumatismen aller Art gut sein. Das ist offenbar nicht so weit hergeholt: Murmeltierfett enthält Cortison-ähnliche Wirkstoffe. Das wiederum ist auf ihr Futter, Alpenkräuter reich an essenziellen Fettsäuren, zurückzuführen.

Für den Murmeltierweg brauchts hin und zurück etwa zwei Stunden.

Kommt der Herbst,gehen die Murmata also in ihren Bau. Dort lassen sie winters die Körpertemperatur auf drei Grad fallen, um sie in einem 12-Tages-Rhythmus auf 34 Grad ansteigen zu lassen.

Eines der schlimmsten Vorurteilegegen die Tiere muss hier auch noch aus der Welt geschafft werden: Nein, wenn die Murmeli im Herbst in ihren Bau gehen, lassen sie nicht die Grossmutter oder sonst ein gebrechliches Familienmitglied, das es eh nicht über den Winter machen wird, als Wächter vor der Türe. Einen Wächter brauchts auch nicht: Der Eingang wird von innen geschlossen. Adieu, Murmata. Bis zum nächsten Frühling im lieblichen Bergalga-Tal.

Region: Graubünden
Ort: Juf
Typ: Wanderung
Dauer:2 Stunden
Natur: *****
Kultur: ** ***
Abenteuer: *****
bewertet von Coopzeitung

So kommen Sie hin

Ins Bergalga-Tal fährt man am besten via Chur und Andeer mit dem Zug und dem Postauto. Sagt man dem Postautochauffeur in Andeer Murmeltierweg, ist alles klar. Er lässt sie genau am richtigen Ort aussteigen. Der Weg selber ist breit und auch mit Kinderwagen gut machbar. Dauer: etwa zwei Stunden. Empfehlenswerte Unterkunft: Hotel Bergalga hoch über dem Eingang zum Murmeli-Tal.

Weitere Informationen auf der Internetseite des Murmeltierwegs