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Schweizer Geschichte zum Anfassen

Der Ballenberg ist wahrscheinlich das lebendigste Museum der Welt. Es zeigt den Besuchern die schöne und harte, genuss- und entbehrungsreiche Welt unserer Vorfahren.

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Philipp Zinniker
05. Juli 2013

Wie in alten Zeiten: Der Hutmacher Kurt Wismer näht passend zum Sommer Strohhüte für Damen und Herren. Zwei Gänse watscheln durch das Museum, sie gehören zum Inventar. Schönheit anno dazumal: So sah es früher in einem Coiffeursalon aus. Und zack: Nicht nur beim Schindelmacher kann man auch selbst Hand anlegen. Knoten für Knoten entsteht ein Kunstwerk: Marlies Schmocker beim Klöppeln.

Zwei Gänse watscheln durch das Museum, sie gehören zum Inventar.

Schönheit anno dazumal: So sah es früher in einem Coiffeursalon aus.

Und zack: Nicht nur beim Schindelmacher kann man auch selbst Hand anlegen.

Knoten für Knoten entsteht ein Kunstwerk: Marlies Schmocker beim Klöppeln.

Zwei Gänse watscheln schnatternd und so schnell es ihre etwas gross geratenen Füsse eben zulassen vor dem Haus des Hutmachers vorbei: Müssen wohl noch einkaufen, bevor der Laden zumacht, grinst ein Ballenberg-Besucher. Die Gänse gehören wie die Kühe, Wollschweine, Hühner, Chüngel und was auf Bauernhöfen sonst noch kreucht und fleucht sozusagen zum Inventar des Freilichtmuseums. Wobei das Wort Museum irgendwie fehl am Platz ist. Dem Ballenberg haftet jedenfalls nichts Museal-Verstaubtes an, alles quillt über vor Leben. Erst recht in diesem Jahr, das unter dem Thema Handwerkerleben Handwerk erleben steht. Ballenberg das ist zunächst mal eine wunderschöne Gegend im Berner Oberland.

Hier haben über 100 Häuser, Ställe, Werkstätten und andere Gebäude samt Inhalt aus der ganzen Schweiz sozusagen Asyl gefunden. Die 400-jährige Trotte aus dem Schaffhausischen, die Knochenstampfi aus dem Knonauer Amt, die Gattersäge, das Mühlrad, der Siedherd für Blacken alles Dinge, die für unsere Grosseltern im Alltag unabdingbar waren wie heute ein Computer; Dinge, die nun für viele kein Begriff mehr sind; Dinge, die an ihrem ursprünglichen Standort ihre Daseinsberechtigung verloren haben. Und das Schönste daran: Die Besucher können jedes Gebäude betreten, die (meisten) Dinge berühren. Aber das Spritzen-, das Wasch- oder das Dörrhaus wurden nicht gerettet, damit sie anstatt an ihrem ehemaligen Standort jetzt im Berner Oberland vergammeln. In einigen der Häuser, so sagt man, leben die alten Geister ihrer ehemaligen Bewohner weiter. In den meisten aber sind Menschen zugange, die einem Handwerk frönen und so die alten Gebäude mit neuem Leben füllen.

Es sind Menschen wie Marlies Schmocker. Die Klöpplerin ist mit 28 Fäden beschäftigt und verklöppelt diese zu kostbaren Bändern, die früher Tischdecken, Nastücher und sie errötet fast dabei Unterwäsche zierten. Ich habe das Handwerk von meinem Mueti, sie hat es von ihrem Mueti, erzählt sie. Damals, im Lauterbrunnental, klöppelten die Frauen, um ein paar Franken zu verdienen. Um Brot zu kaufen und die wenigen Dinge, die man nicht selber aus Garten und Stall hatte. Wenn die Frau ungestört klöppeln kann, schafft sie in zwölf Stunden einen Meter des filigranen Bandes. So wie Marlies Schmocker zeigen 25 Fachfrauen und -männer ihr Handwerk in der originalen Umgebung. Der gelernte Hutmacher Kurt Wismer ist gerade mit der Strohwalze beschäftigt und stellt neben Filz- eben auch Strohhüte her. Einen Besuch ist die Bäckerin Sandra Bürcki schon alleine wegen ihres fröhlichen Wesens wert. Man kann sie gar nicht verfehlen der verführerische Duft von frisch gebackenem Brot leitet einen von weit her zu ihrem Haus mit dem Holzbackofen. Überhaupt wird die Kulinarik auf dem Ballenberg gross geschrieben. Ist auch gut so, denn das Gelände erstreckt sich über 66 Hektaren.

Darum sollte man mindestens einen Tag Zeit mitbringen, um all die landschaftlichen und kulturellen Reichtümer zu geniessen. Vielerorts, so etwa beim Schindelmacher oder beim Stricken, kann man selber Hand anlegen. Auf jeden Fall macht das Hunger. Ob man nun im Emmentaler Alten Bären einkehrt, in der Tessiner Osteria oder einem der anderen Restaurants überall kann man sich nach der jeweiligen Art der Region verköstigen, nein, verwöhnen lassen. Eine Art Schlaraffenland ist der Dorfladen: Von der Decke hängen die unterschiedlichsten Würste, die Tische biegen sich unter Käse, Brot, Confi und Schoggi. Letztere gehört ja auch zum kulturellen Erbe der Schweiz und wird ebenfalls im Dorf selber zubereitet. Falls die eingangs erwähnten Gänse tatsächlich auf dem Weg in den Dorfladen waren, kann man sie sehr gut verstehen

Region: Zürich/Ostschweiz/Liechtenstein
Ort:Hofstetten
Typ:Museumsbesuch
Dauer:individuell
Natur:* * ***
Kultur:**** *
Abenteuer:*****
bewertet von Coopzeitung

Ballenberg: Das Erlebnis

Das Freilichtmuseum ist bis Ende Oktober geöffnet. Kinder, Familien, Gruppen und Schulen erhalten teils starke Ermässigungen. Gegen einen Aufpreis werden auch Führungen angeboten.

Weitere Infos: www.ballenberg.ch