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Ein Tag in Olten mit Alex Capus

Der Oltner Schriftsteller Alex Capus zeigt dem Oltner Journalisten die Lieblingsplätze in seiner Heimatstadt.

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FOTOS
Visualimpact.ch / Rainer Eder
25. April 2016

Alex Capus auf dem Tiefpunkt der Stadt im Aare-Bistro vor der Oltner Postkartenansicht mit Holzbrücke und Stadtturm.


Literatour-Stadt

Das Aare-Bistro, kurz vor der Alten Brücke. Wenn du hier am Aare-Ufer sitzt, hast du den Tiefpunkt erreicht, sagt Alex Capus (55) mit dem intellektuellen Understatement, das für die Bevölkerung dieser Stadt so typisch ist. Für alle andern: Wasser fliesst abwärts, und dort, wo es sich sammelt, in diesem Fall in der Aare, ist der Tiefpunkt. Geografisch. Oder hydrologisch. Oder wie auch immer. Aber sicher nicht optisch. Dem Fotografen jauchzt das Herz. Im Sucher seiner Kamera sieht er Oltens Postkartenansicht: die majestätische Holzbrücke (Baujahr: 1803), den kirchenlosen Stadtturm (Baujahr: 1521) und im Vordergrund die Aare. Und noch weiter im Vordergrund Alex Capus auf seinen Espresso wartend. Vor exakt 50 Jahren zog der Schriftsteller mit seiner Mutter von Paris in das schmucke Städtchen und liess sich von hier nicht mehr vertreiben. Das Aare-Bistro liege auf der Achse zwischen seinem Haus und seinem Arbeitsort, sagt er. Diesen Weg lege ich täglich mehrmals zurück.

Wirtshaus zum Gryffe in der autofreien Oltner Innenstadt.

Zuerst ein bisschen Billard

Ausgangs- oder Endpunkt des Weges, je nach Tageszeit, ist die Galicia Musik Bar. Sie liegt an der Unterführungsstrasse, dem vermutlich meistbefahrenen Verkehrsweg der Stadt. Gegründet haben sie 1969 Fabrik- und Bauarbeiter aus Galicien. Capus kaufte das Restaurant vor drei Jahren und steht am Montag ab 17 Uhr jeweils selber hinter der Theke. Im Galicia beginnt er sein Tagwerk. In der Regel mit einer Partie Billard gegen Studi, DJ und Hauswart in Personalunion. Im Obergeschoss des Galicia hat der Schriftsteller seine Schreibstube eingerichtet. Dahin flüchte ich, wenn ich Ruhe vor Frau und Kindern brauche. Von Letzteren hat er in der Zwischenzeit deren fünf. Das Älteste arbeitet im Keller des Galicia und produziert dort Oltner Bier. 300 Hektoliter pro Jahr, die in fünf Restaurants der Stadt und im benachbarten Aarburg ausgeschenkt werden.

Selbstbewusstes Bürgertum

Capus Heimweg führt von der Galicia Bar nach dem Zwischenhalt im Aare-Bistro über die alte Holzbrücke, vorbei an der Kult-Beiz mit Namen Rathskeller, die (ausser im Lokalblatt) schweizweit Kübel genannt wird, durch die Altstadt zum Hübeli-Schulhaus. Seit 20 Jahren nehme ich hier regelmässig an Elternabenden teil, erzählt Alex Capus selbstironisch. Der Bau, 1872 eingeweiht, gefalle ihm. Er stammt aus einer selbstbewussten Phase des Oltner Bürgertums, einer Zeit, als die Regierung noch Visionen hatte. Gleich hinter dem Hübeli macht Capus dieser Tage gerne einen auf Baustellen-Tourist. Bis vor Kurzem befanden sich hier, mitten in der Stadt, die Treibhäuser einer Gärtnerei. Als diese aufgehoben und mit dem Aushub für ein neues Gebäude begonnen wurde, stiess man auf Reste einer römischen Siedlung aus der Zeit zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert, wie Ausgrabungsleiterin Simone Mayer erklärt. Überraschend ist das nicht, sagt der historisierende Schriftsteller, wir befinden uns hier in der Fortsetzung der Römerstrasse, und die hat ihren Namen ja nicht von ungefähr. Im Mai ist Schluss mit Graben dann fahren wieder die Baubagger auf.

Stolperstein Brockenstube

Seit bald zwei Jahren ist Oltens Innenstadt autofrei. Buchhandlungen, Confiserien und natürlich alle Restaurants: Wer etwas auf sich hält, stellt seither ein paar Tische und Stühle vor seine Eingangstür. Natürlich auch das Restaurant Gryffe. Hier macht Alex Capus auf dem abendlichen Heimweg oft ein letztes Mal halt, sieht die Menschen entspannt flanieren und ein paar Geschäftsbesitzer, deren Kunden nicht mehr direkt vor den Laden fahren können, über gesunkene Umsätze lamentieren. So ein Blödsinn, entfährt es ihm, der vor politischen Statements nicht zurückschreckt und 2009 bis 2012 die SP-Stadtpartei führte. Nach dem Gryffe gehts dann endgültig nach Hause zu Frau und Kinderschar. Meistens jedenfalls, aber dazwischen liegt ja noch das Brockenhaus Hammer. Hier kann er seine Passion für teils kuriose Gebrauchtwaren ausleben. Eine Passion, so verrät er uns in seinem Meisterwerk Léon und Louise, die seit Generationen in der Erbmasse des männlichen Teils seiner Familie verankert ist. In den Regalen der Brocki findet er oft Bücher aus eigener Feder. Dass die Leute sie nicht mehr aufbewahrten, sondern ins Brockenhaus brächten, beunruhige ihn nicht, sagt er. Beunruhigend fände ich es erst, wenn die Bücher dort liegen blieben. Und einmal war er darob sogar richtig froh: Da musste ich zu einer Lesung und hatte das Buch, aus dem ich lesen sollte, gerade nicht zu Hause. In der örtlichen Buchhandlung fand ich es nicht im Brocki schon. Die Lesung wurde ein Erfolg. So ist Olten: vom Tief- zum Höhepunkt in kürzester Zeit. Und umgekehrt. Olten, es sei zum Abschluss erwähnt, das im Kanton Solothurn liegt auch wenn Aargau Tourismus die Stadt mit ihren Literaturwegen als einen von 15 Höhepunkten der Tour of Aargau anpreist.

So könnte Ihr Tag aussehen

Ihr Tagesablauf:

Hübeli-Schulhaus

Vormittag: Begehung einer oder mehrerer Oltner Literatour-Wege.

Mittagessen: In der autofreien Innenstadt, zum Beispiel im Restaurant Gryffe, oder für verwöhnte Gaumen im Salmen (13 Gault-Millau-Punkte).

Nachmittag: Besuch der ebenfalls in der autofreien Innenstadt gelegenen Museen, Spaziergang entlang der renaturierten Dünnern oder Stadtführung.

Wer Olten besser kennenlernen möchte, bucht eine Stadtführung: 0622131616

Hier finden Sie alle weiteren Informationen