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Ausflugstipps

Ein Tag in Solothurn

In ihren Brunnen fliesst längst kein Wein mehr, doch bis in unsere Tage hat die Stadt etwas vom französischen Charme der Ambassadorenzeit behalten.

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Joel Schweizer, Andreas Thut
17. Juli 2019

So könnte Ihr Tag aussehen

Vormittag: Vom Bahnhof via Kreuzackerbrücke durch die Altstadt schlendern. Jeweils mittwochs und samstags ist dort Wochenmarkt.

Mittag: Sehr gut essen (und trinken) lässt es sich hier an vielen Orten. Die Einkehr im Kreuz ist Kult nicht nur für Bichsel-Fans.

Nachmittag: Ausflug in die Verenaschlucht oder zum Weissenstein. Kunst- oder Naturmuseum. Danach zum Apéro in «Die Grüne Fee» oder ins «Solheure». Übernachten: Günstig in der Jugendherberge oder gediegen in der renovierten Krone, die jetzt «Hotel de la Couronne» heisst beide in der Altstadt.

Mehr unter: www.solothurn-city.ch

Lebensfroh

Dass die Botschafter des französischen Königs in der Alten Eidgenossenschaft von 1530 bis 1792 in Solothurn residierten also über 250 Jahre, von Franz I. bis zu den Wirren der Revolution hat die Stadt nachhaltig geprägt. Denn mit den Ambassadoren kamen barocke Pracht und rauschende Feste, bei denen Wein statt Wasser aus den Brunnen geflossen sein soll. Das ist nur eine der vielen Geschichten, die Roger Liggenstorfer über die berauschenden Seiten der Stadt zu erzählen weiss.

Damit kennt sich der 58-Jährige aus: Seit mehr als 30 Jahren engagiert er sich für einen aufgeklärten Umgang mit Drogen, unter anderem mit dem Nachtschatten-Buchverlag. Erste Erfahrungen hatte er schon als Kind gemacht: «Bei meinem Grossvater im Jura wurde sonntags nach dem Kirchgang Absinthe getrunken, und oft waren der Pfarrer oder der Dorfpolizist dabei, obwohl die Brennerei damals illegal war.» Als 2005 das Verbot in der Schweiz fiel, eröffnete Liggenstorfer in Solothurn die erste Absinthe-Bar, Die Grüne Fee, in der die Stadtführung Berauschendes Solothurn mit einer Degustation endet.

Roger Liggenstorfer, der den Touristen gern vom berauschenden Solothurn erzählt. Sein Grossvater war fahrender Absinthe-Händler.

Sprichwörtlich betrunken

Doch so weit sind wir noch nicht. Zuvor geht es hinunter zur Aare. Hier legten einst die Schiffe an, auf denen die Weinfässer von den Gütern der Bürgergemeinde am Neuenburger- und Bielersee in die Stadt gebracht wurden. Die Schiffer durften unterwegs vom Wein trinken, und das taten sie so fleissig, dass man im Welschland noch heute von einem Trunkenbold sagt: il a chargé pour Soleure, er hat für Solothurn geladen.

Wo sich einst die Jugend traf, lagern heute die Weine der Domaine de Soleure.

Wo man sich heute trifft – im «Solheure» – und den Tag ausklingen lässt.

Den Wein der Domaine de Soleure gibt es immer noch. Er lagert heute in einem Kellergewölbe der Vorstadt, wo in den 1970er-Jahren eines der ersten autonomen Jugendzentren der Schweiz betrieben wurde. Da haben so manche aus meiner Generation ihren ersten Rausch erlebt, erzählt Liggenstorfer. Die Partykultur hat sich gewandelt: Aus dem verr(a)uchten Kellerloch ist sie aufgestiegen in die Trendlokale, die in den vergangenen Jahren am Aareufer neu entstanden sind. Geradezu eine Institution dagegen ist das Kreuz: Die urchige Genossenschaftsbeiz beim Landhaus gilt als intellektuelles Zentrum und Geburtsstätte der Solothurner Filmtage.

Stadt mit vier Namen

Ein besonders rauschendes Fest, an dem die Ambassadoren ihre Freude hätten, ist jedes Jahr die Fasnacht. Dann gibt es kein Solothurn, Soleure oder Soletta: Als Zeichen des Ausnahmezustands nennt sich die Stadt Honolulu. Wer nun meint, Solothurn sei nur eine Festhütte, der irrt: Auf Schritt und Tritt kann man hier Geschichte und Kultur begegnen oder in den engen Gassen zauberhafte Lädeli entdecken. Und denen, die sich zum Abschluss noch Zeit für das Absinthe-Ritual nehmen, begegnet vielleicht sogar die Fee aus dem Jura.