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«Oh, tgei bialla schibetta per Bianca»

Wenn in Dardin GR brennende Holzscheiben durch die Dunkelheit fliegen, ist der Frühling nicht mehr weit. Der alte Brauch schweisst das Dorf zusammen und ist so etwas wie der Vorläufer von Parship.

FOTOS
Yannick Andrea, Keystone, zvg
25. Februar 2019

Die Spätwinternacht hat den Dardin, einen Teil der Gemeinde Breil/Brigels, in der Surselva im Bündnerland verschluckt, ein bisschen Helligkeit geben nur brennende Holzscheiben, die an Sternschnuppen erinnern. Und schon kommt die nächste angesegelt, begleitet vom Ruf «Oh, tgei bialla schibetta per Bianca» fliegt sie heran, zu Deutsch: «Oh, was für eine schöne Scheibe für Bianca.» In einem weiten, schön gezogenen Bogen hat sie Yanick Volken (28) durch die Dunkelheit katapultiert. Ob Bianca (28) errötet, kann man im Dunkeln nur erahnen. Aber sie bedankt sich mit einem lauten «Grazia fetg per la bialla schibetta – vielen Dank für die schöne Scheibe». Volken freuts: «Sie ist meine Verlobte, und es ist wohl das letzte Mal, dass ich beim Trer Schibettas, beim Scheibenschlagen, mitmache», sagt er. Und das hat seinen Grund.

Vereinspräsident Micha Volken teilt mit dem Schindelmesser die Erlenblöcke in Scheiben und …

… bohrt anschliessend ein Loch in die Mitte.

Beim Brauch, der von der Jungmannschaft, der Giuventetgna, organisiert wird, gelten strenge Regeln. Die brennenden Scheiben auf eine Haselstaude stecken, sie ähnlich wie beim Hornussen zum Fliegen bringen und dann auch noch einen Frauennamen rufen, dürfen nur ledige, männliche Dardiner. Und die Frauen? «Für die gelten dieselben Regeln – nur Scheiben schlagen dürfen sie nicht», erklärt Vereinspräsident Micha Volken (26), der Bruder von Yanick. In früheren Zeiten verwöhnten die Mädchen ihre Verehrer nach dem Scheibenschlagen mit Patlaunas – selbst gemachten Fastnachtsküchlein. Heute gibts beim Fest, das einer mal als erstes Partnervermittlungssystem der Welt bezeichnet hat, heisse Suppe und Getränke. Für die Verehrer und Gäste.

Das Scheibenschlagen ist aber mehr als ein Vorläufer von Parship. «Es ist ein Höhepunkt im Dorfleben», sagt Micha Volken. Wie andere Bergler müssen viele Dardiner ihr Glück im Unterland suchen. «Doch wer kann, kommt auf diesen Tag hin heim. Jungmannschaft und Scheibenschiessen tragen viel zum Zusammenhalt unseres Dorfes bei.»

Tod und Leben

Jeweils kurz vor Weihnachten geht der Präsident der Giuventetgna mit seinen Jungs in den Wald, um Erlen zu fällen und diese in kleine Blöcke zu sägen. Im Januar kommen wieder alle zusammen, und an mehreren Wochenenden werden die Blöcke mit dem Schindelmesser geteilt, mit dem Beil behauen und dem Zugmesser bearbeitet, bis eine pyramidenartige, Männerhand grosse Scheibe mit einem Loch in der Mitte entstanden ist. «Die Kunst des Schibetta-Machens wird von Generation zu Generation weitergegeben, die Werkzeuge vom Vater auf den Sohn vererbt», sagt stolz der 22-jährige Jan Spescha. «Ich hoffe sehr, dass dereinst auch meine Buben mitmachen.» Hoffentlich, denn der Brauch, der früher in halb Europa bekannt war, ist fast ausgestorben. Heute sind es noch wenige Bündner Orte wie Untervaz, Danis oder eben Dardin, die diese Tradition weiterführen.

Mit Beil und Säge bringen die Mitglieder der Jungmannschaft die Holzscheiben in die flugfähige Form.

Fertig! Stolz präsentiert Enrico Carvelli die fixfertigen Schibettas.

Noch bis im letzten Jahrhundert versuchten diverse Pfarrherren dem einfachen Volk das heidnische Scheibenschlagen auszutreiben. Und sie hatten ja recht! Zumindest was das Heidnische betrifft: Der Brauch wurzelt in grauer Vorzeit, als noch Mond, Sonne und Sterne den Lauf des Lebens bestimmten. «Die kalten Winter waren gefürchtet», sagt Micha Volken. «Sie galten als todbringende Zeit, in der nichts gedieh, in der die Vorräte knapp wurden oder ganz ausgingen.» So sehnten sich die Kelten und später die Räter nach dem Frühling, der neues Leben versprach.

Seit Jahrtausenden also vertreiben die Dardiner bei Tagundnachtgleiche mit brennenden Scheiben den Winter. Doch nicht jede Scheibe fliegt gekonnt dem Frühling und der (heimlich) Liebsten entgegen. Aber das ist kein Problem, wie Volken erklärt. «Wenn ein Schlag abverheit, ertönt dann halt kein Mädchenname. Dann widmet man die Scheibe einem unbeliebten Lehrer oder Politiker.» 

Trer Schibettas

Suppe für die Gäste

Zuschauer sind willkommen
Das Programm der Trer Schibettas in Dardin beginnt für Zuschauerinnen und Zuschauer dieses Jahr am Samstag, 9. März, um 19.45 Uhr. Exakt um 20 Uhr fliegen die ersten Feuerscheiben, beim Platz «Dadens Baselgia», also nach der Dorfkirche. Für die Zuschauer wird ein Pavillon mit Suppen- und Getränke­stand errichtet. Am Schluss mischen sich die Mitglieder der Giuventetgna unter die Gäste.

 

Schibettas braten: An massiven Stecken, ähnlich wie beim Cervelatbraten, halten die Werfer die Holzscheiben vor dem Wurf ins Feuer, bis sie glühen.