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Ausflugstipp

Wir bauen eine Klosterstadt

Nördlich des Bodensees realisieren mittelalterlich gekleidete Menschen mit mittelalterlichen Methoden den mittelalterlichen Plan der St. Galler Klosterstadt. Fertig werden könnte das Werk ums 2070 – doch das ist nicht das Ziel.

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Daniel Kellenberger
17. Juni 2019

Schreiner Nikolaj Feldbusch schält eine Tanne. Sie wird Teil des Dachstocks der neuen Scheune.

Wenige Gehminuten vom Eingang zum Gelände der Karolingischen Klosterstadt Messkirch (D) entfernt, sitzt Schreiner Nikolaj Feldbusch (65) auf einem Schemel vor seiner Holzhütte: zerknittertes Gesicht, wildwüchsiger Bart, massives Schuhwerk, Kleider aus Leinen. Vor ihm liegt ein beindicker Fichten-Stamm, in den Händen ein Ziehmesser. Mit kräftigen Zügen schält er den Stamm.

Ein Blick zurück, wir schreiben die Zeit um 825 n. Chr. Auf der Bodensee-Insel Reichenau (D) stecken zwei Mönche ihre Köpfe zusammen und bringen den Plan einer ihrer Ansicht nach idealen Klosterstadt zu Pergament. Das Produkt ihrer Überlegungen schicken sie an Abt Gozbert im Kloster St. Gallen.

1200 Jahre später. In einer warmen Sommernacht des Jahres 2005 geben sich die Schweizerin Verena Scondo (damals 57) und ihr bester Freund Bert Geurten (damals 59) auf einem Campingplatz in der Bretagne (F) philosophischen Diskussionen hin. Mindestens eine Flasche Roter soll schon leer sein, als sie sich in den Kopf setzen, den Klosterplan umzusetzen. Und zwar im Massstab 1:1.

Holz, Wasser, Lehm und Stein, Ruhe

«Die Kirche war unser Lehrstück, unser Testobjekt.»

Verena Scondo, 71

Von da weg haben die beiden eine Mission. Acht Jahre lang arbeiten sie sich systematisch von Aachen, wo Geurten wohnt, südwärts durch die Republik. Sie suchen ein Waldstück, in dem sie die Bäume roden und als Baumaterial verwenden dürfen, in dem es aber auch Wasser, Lehm und Steine gibt. Alles, was es zum Leben und Bauen einer Stadt halt so braucht. «Und Ruhe», sagt Verena Scondo heute, «eine Klosterstadt unmittelbar neben der Autobahn wäre ja nicht gerade stimmig.»

Rund 50 Mal lehnen Bürgermeister oder Gemeinderäte das Ansinnen der beiden ab. Erst in Messkirch, rund 50 Kilometer nordöstlich von Schaffhausen, findet man sich. Ein Waldstück, 28 Hektaren gross, stellt die Gemeinde zur Verfügung. Sie erhofft sich von der neuen Attraktion nicht zuletzt einen touristischen Aufschwung für die Gegend. Am 22. Juni 2013 öffnen sich die Tore für die Besucher.

Für jedes Gebäude eine Bewilligung

Doch die beiden Initianten wollen nicht einfach den St. Galler Klosterplan nach- und eine Klosterstadt aufbauen. Sie wollen dies mit den technischen Mitteln und Materialien der damaligen Zeit tun. Sprich: keine Maschinen wie Motorsägen, Betonmischer, Lastwagen oder Kräne, keine Baustoffe wie Zement, Kunststoff, Armierungseisen oder Stahlnägel. Dafür vor allem Muskelkraft, Holz und Steine. «Das allein ist schon eine Herausforderung», sagt Verena Scondo, «aber wir müssen mit der Technik von damals den Bau- und Sicherheitsauflagen von heute genügen.» Das bedeutet zum Beispiel: Für jedes Gebäude muss eine Baubewilligung vorliegen. Eine solche zu erhalten war insbesondere für die zehn auf zwanzig Meter grosse Scheune schwierig. «Niemand traute sich vorauszusagen, wie schwer das Strohdach sein wird, insbesondere, wenn es nass ist», sagt Verena Scondo. Erstaunlich, doch nun, nach mehreren abgelehnten Gesuchen, kanns losgehen, die Waldfläche ist bereits gerodet.

Nikolaj Feldbusch schält nicht nur Fichten-Stämme, sondern auch Eichenäste. Diese schneidet er dann zu Nägeln. Wie viele für den Bau der Scheune nötig sind, wird sich zeigen. Die Scheune ist erst das zweite grössere Gebäude, das die Bauleute in Messkirch in Angriff nehmen. Das erste war, von den Werkstatthütten der Handwerker und dem Stall für die Schweine abgesehen, die Holzkirche. Sie wurde im letzten Jahr fertiggestellt. Nach fünfjähriger Bauzeit, notabene. Hier wurden 12 000 Holznägel verarbeitet, vor allem für die Befestigung der Dachschindeln. «Die Kirche war unser Lehrstück, unser Testobjekt», sagt Verena Scondo. Beispielsweise für den Transport schwerer Lasten: Wie transportiert man allein mit Manneskraft eine 450 Kilogramm schwere Altarplatte vom Steinbruch in die Kirche? Oder für das Giessen der Glocke: Erst der dritte Versuch gelang.

Es bleibt noch viel zu tun

Und nun also die Scheune. Wann sie fertig sein wird, weiss niemand. Und wann die ganze Stadt, erst recht nicht. Die beiden Reichenauer Mönche haben auf ihrem Klosterplan über 50 Gebäude und andere Einrichtungen eingezeichnet, beispielsweise eine Kirche, ein Gästehaus, ein Hospital, Schulen, Ställe oder Werkstätten, dazu ein als Obstgarten gestalteter Friedhof oder ein Arzneigarten. Wie hoch die Bauten sein sollen und wie weit sie auseinander stehen, geht aus dem Plan nicht hervor: Der Plan ist zweidimensional und Pergament war teuer, weshalb man die Gebäude möglichst nahe beisammen zeichnete.

«Fertig zu werden ist nicht das Ziel», sagt Verena Scondo, die einst – die Liebe! – als 22-Jährige aus dem Bernbiet in die Nähe von Stuttgart zog. In der Tat ist das Klosterstadt-Gelände eine Mischung aus Freilichtmuseum und ewiger Baustelle. Das ist gut, denn das Areal verändert sich dauernd. Wechselausstellungen erübrigen sich. Die Wiederholungstäter unter den Besuchern erleben und sehen immer wieder Neues.

Auf dem Campus arbeiten von April bis Oktober um 35 Festangestellte. Ihnen zur Seite stehen Fronarbeiter, die zwischen ein paar Tagen und mehreren Wochen an der Klosterstadt mitarbeiten. Alle sind sie mittelalterlich gewandet, Uhren und Handys auf dem Bauareal tabu. Die Kurzzeitarbeiter sind Menschen wie Arne Wilder (29). Der gelernte Zimmermann schmiss vor Kurzem sein Studium und arbeitet bis zum Antritt seiner neuen Stelle in Messkirch. Zurzeit als Schindelmacher.

Hoffen auf gute Gene

Die Arbeit nach Art unserer Vorfahren ist mühsam. Dies erfuhren auch die 30 Steinmetze auf Wanderschaft, die ihre Arbeitskraft drei Wochen in den Dienst des Projekts stellen wollten. Man übertrug ihnen den Bau der Mauer rund um den Obstgarten. «Und danach?», fragten sie in der Befürchtung, ihr Werk in Kürze abzuschliessen und dann nichts mehr zu tun zu haben. Doch nach den drei Wochen hatten sie erst eine halbe Seite der Umfriedung fertiggestellt. Das Schleppen der Steine vom Steinbruch bis zur Mauer braucht halt seine Zeit …

Hauptattraktion und grösste Herausforderung der Karolingischen Klosterstadt wird dereinst die rund sechzig Meter lange und mit zwei Türmen bestückte Steinkirche sein. Veranschlagte Bauzeit: «Etwa 40 Jahre», sagt Verena Scondo und lächelt, «vielleicht auch 50 – oder 60.» Dass sie die Fertigstellung noch erleben wird, ist nicht sehr wahrscheinlich. «Vorsicht», wendet sie ein und hebt schalkhaft den Zeigefinger: «Mein Vater wurde 103 Jahre alt, meine Mutter 95 – die Gene scheinen gut zu sein.»

Der Campus Galli ist von April bis Oktober täglich (ausser Montag) von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt: 11 € (Erwachsene), 8 € (ab 16 J.), 6 € (6 bis 16 J.).