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Heisse Luft

Einmal im Jahr füllt sich der Himmel über Château-d’Oex mit Heissluftballons. Für den kleinen Ort im Pays-d’Enhaut ist das kommende Wochenende der jährliche Höhepunkt, dieses Jahr zum 41. Mal.

FOTOS
Peter Mosimann, Chris Berger
21. Januar 2019

Ein Heissluftballon am Himmel löst auch 2019 bewundernde Blicke aus. Die kleinen Menschlein am Boden überkommt sofort eine gewisse Sehnsucht beim Anblick der sanft dahintreibenden Giganten. Für Fotografen ergeben sich am kommenden Samstagmorgen in Château-d’Oex VD tolle Sujets, wenn die Ballons gleich im Dutzend in die Höhe steigen und viele bunte Flecken in den Himmel malen. Manchmal gibts auch Küsschen – so nennt man es, wenn sich zwei Heissluftballons nicht nur nahekommen, sondern berühren. Gefährlich ist das nicht. Die Hüllen touchieren sich und treiben rasch wieder auseinander.

Max Duncomb (48) hat diese Sehnsucht zum Beruf gemacht: Der Engländer ist Berufsballonpilot und Chef der Sky Event AG, die kommerzielle Ballonfahrten in Château-d’Oex anbietet. Er ist dieses Jahr zum 28. Mal am Ballonfestival, seit drei Jahren lebt er sogar in Château-d’Oex. Das will etwas heissen. Wenn er findet, dass es im Pays-d’Enhaut am schönsten sei, ist das nicht nur so dahingesagt. Dahinter steckt die Erfahrung von 3000 Heissluftballon-Fahrten in 32 Ländern auf der ganzen Welt. Der Mann hat schon alles gemacht: Ballonfahrten in Tansania, über die Alpen, bis auf 8000 Meter Höhe hinauf und mit einem Grosskorb mit 32 Passagieren.

Die ganzen Alpen im Blick

Ballonfestival

Château-d'Oex

Vom 26. Januar bis 3. Februar steht Château-d’Oex im Zeichen des Ballonfestivals. 70 Ballonfahrer starten in diesen Tagen. Ergänzt wird das Programm durch eine nächtliche Licht- und Tonschau am Freitag und Ballonfahrten.

Eintritt:

  • Festivalpass Fr. 20.–
  • Wochenende Fr. 15.– (Erwachsene)
  • Mittwochnachmittag Fr. 5.– (Erwachsene)

Ballonfahrten kosten Fr 390.– für Erwachsene und Fr. 195.– für Kinder (Mindestgrösse 125 cm) bis 16 Jahre.

Weitere Informationen hier: https://www.chateau-doex.ch/de/GP416/heissluftballon

Mindestens ebenso sehr wie Festivals liebt Duncomb die Einsamkeit am Himmel. Nur der Ballon, die Passagiere und der Blick von oben auf die Landschaft – und das zeitweilige Fauchen der Gasflamme. Dann ist der Engländer in seinem Element und erklärt den Passagieren das Panorama: Im Osten tauchen Eiger, Mönch und Jungfrau auf, im Westen sieht man den Mont Blanc und etwas näher den Rochers-de-Naye als markanten Gipfel. «Das Matterhorn würde man erst sehen, wenn wir auf 3500 Meter aufsteigen», erklärt er.

Doch so hoch kann er heute nicht gehen. Auch wenn man einen Heissluftballon nicht steuern kann, sondern mit ihm im Wind treibt, kann Duncomb doch mitentscheiden, wenn es um den Ort der Landung geht. Und die soll auch wieder im Pays-d’Enhaut sein. Deshalb bleibt er auf Höhen, die den Ballon an diesem Tag nicht zu weit forttragen. So schwebt der Ballon über Rougemont VD und treibt Richtung Saanen BE. Die Landschaft unter dem Ballon zieht gemächlich vorbei. Wälder, Strassen und die Eisenbahn, die bilden eigentümliche Muster.

Präzisionsarbeit mit Verzögerung

Schon bald kommen diese Muster näher – der Ballon nähert sich dem Boden. Duncomb sucht ein Plätzchen für die Landung. Das ist Präzisionsarbeit mit grosser Verzögerung. Heizt er die Luft im Ballon, dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis der sinkende Korb stoppt oder wieder zu steigen beginnt. «Man muss im Ballon etwas weiter vorausplanen als beim Autofahren», erklärt Duncomb, derweil der Korb nur gut einen Meter über dem Giebel eines Mehrfamilienhauses hinwegzieht. Den Respekt der Passagiere hat Duncomb auf sicher, man glaubt ihm, dass dieses Manöver Kalkulation und nicht einfach Glück war.

Ballonpilot Max Duncomb, hier zusammen mit Partnerin Kate Holzer (30), kann auf 3000 Ballonfahrten in 32 Ländern zurückblicken.

Höhenmesser, Positionsbestimmung, Funk: keine Ballonfahrt ohne Elektronik.

Nach der Landung helfen die Passagiere beim Einpacken.

Dann geht es schnell: Hinter dem Haus ist eine grosse Wiese. Duncomb kommandiert die Passagiere etwas in die Knie, damit sie die Landung abfedern können. Dann rumpelt es kurz, und der Korb steht still. Noch ein paar Minuten verharren die Passagiere im Korb. Würden nach der Landung alle gleich raushüpfen, stiege der Ballon wieder in die Höhe. Duncomb kam 1991 zum ersten Mal nach Château-d’Oex ans Ballonfestival. Er erkannte, welch bevorzugte Lage die Gegend für Heissluftballons war: «Viel schönes Wetter, kaum Nebel, wenig Turbulenzen in der Luft und meist gute Windverhältnisse.» Heute ist der schweizverliebte Engländer zwischen November und April praktisch jeden Tag in der Luft, wenn das Wetter gut ist – entweder mit Passagieren oder mit Werbe-Ballons: Das Fête des Vignerons, das dieses Jahr vom 18. Juli bis 11. August in Vevey stattfinden wird, wirbt mit einem eigenen Heissluftballon für sich, das Museum Chaplin’s World aus Corsier-sur-Vevey ebenso, und die vielen Luxus- uhrenmarken aus der Westschweiz.

Vier Sonnenaufgänge an einem Tag

Zu seinen liebsten Ausflügen zählen die Sonnenaufgangsfahrten. «Wir steigen mit dem Ballon mitten in der Nacht auf», erzählt Duncomb, «sodass wir auf 4000 Metern Höhe den Sonnenaufgang beobachten können.» Dann lässt er den Ballon sinken, bis die Sonne wieder verschwindet, und beobachtet auf 3000 Metern Höhe den Sonnenaufgang ein zweites Mal. Bis zur Landung haben seine Gäste drei bis vier Sonnenaufgänge erlebt – an nur einem Morgen.

Das einzig Anstrengende daran sei der Papierkrieg mit der Flugsicherung, die diese Fahrten bewilligen muss, sagt Duncomb. Doch an die zunehmende Büroarbeit eines Heissluftballon-Piloten hat er sich gewöhnt. «Schliesslich dient das der Sicherheit.» Aus diesem Grund führt heute auch jeder Ballon einen sogenannten Transponder mit, anhand dem die Flugsicherung die Heissluftballons auf dem Radar erkennen kann. «Das verteuert natürlich die ganze Sache», erklärt Duncomb.

Ein Heissluftballon kostet in der Anschaffung, abhängig von der Grösse, 80 000 bis 100 000 Franken. «Dazu kommen der Transponder von 5000 Franken, jährliche Versicherungsprämien von rund 6000 Franken und vieles mehr.» Vom Ballonfahren abbringen konnte dies alles Max Duncomb nicht: «Das passiert erst, wenn der Papierstapel schwerer ist als der Ballon.»