Szenen aus dem Schweizer Ländli | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Lifestyle

Szenen aus dem Schweizer Ländli

Besuchen Sie Jungfraujoch, Matterhorn und Rheinfall am selben Tag! Möglich ist dies in der Miniaturwelt Smilestones in Neuhausen am Rheinfall.

FOTOS
Philipp Funke
25. November 2019
Unspunnen-Fest im  Massstab 1:87.

Unspunnen-Fest im Massstab 1:87.

Fast vom Sofa gefallen sei er, sagt Raphael Meyer (60), als er beim Zappen an einem Film über das Miniatur-Wunderland Hamburg hängengeblieben sei. «Was heute in Sachen Modellbau möglich ist – einfach unglaublich», fand er und kann es offenbar auch heute noch kaum glauben – dabei war er sich als Goldschmied im Umgang mit Winzigkeiten so einiges gewöhnt. «So etwas mache ich auch in der Schweiz», beschloss er, als er aus dem Staunen einigermassen herausgekommen war. Die Idee für Smilestones war geboren: Swiss Milestones, Schweizer Meilensteine. Das war 2010. Raphael Meyer schaute sich in der Folge viele mögliche Standorte in der ganzen Deutschschweiz an, sagte ab, wenn ihm die Voraussetzungen ungünstig erschienen und musste selber Absagen entgegennehmen. Bis er in Neuhausen am Rheinfall SH landete und beschloss, hier, in einer Halle der Schweizerischen Industrie-Gesellschaft SIG, seinen Traum von der Miniaturwelt zu verwirklichen. Meyer fand nicht nur geeignete Räume, sondern gleich auch noch Partner, die den organisatorischen und betriebswirtschaftlichen Teil abdeckten. Gemeinsam gründeten sie eine Aktiengesellschaft, erstellten Business- pläne, verhandelten mit Banken und Behörden, besichtigten ähnliche Anlagen, stellten die passenden Leute an. «Handwerklich begabte, teamfähige Leute – aber keine Modelleisenbahnfreaks.» Unter Anleitung von zwei externen Fachleuten machte sich schliesslich ein 14-köpfiger Bautrupp an die Arbeit.

Alles im Massstab 1:87

Smilestones

Die wichtigsten Infos

  • Adresse: Industrieplatz 3, Neuhausen am Rheinfall
  • Anreise: mit der S-Bahn bis Haltestelle Neuhausen Rheinfall, von dort 50 m zu Fuss; mit dem Bus Linie 1/Herbstäcker ab Bahnhof Schaffhausen bis Neu- hausen Zentrum, von dort 50 m zu Fuss.
  • Eintritt: Fr. 19.– für Erwachsene, Fr. 12.– für 6- bis 16-Jährige, bis 6 Jahre gratis
  • Rheinfall: ab Smilestones keine 10 Minuten zu Fuss
  • Öffnungszeiten: ganzjährig geöffnet
Weitere Informationen hier: https://www.smilestones.ch

Anfangs 2018 war «Spatenstich», elf Monate später Eröffnung von zwei der fünf geplanten Modellwelten im Massstab 1:87. Nachempfunden sind sie der Ostschweiz von Säntis bis Rheinfall und dem Berner Oberland mit Interlaken BE als Zentrum. «Die Modelle bilden nicht die Realität ab», sagt Raphael Meyer. Und: «Wir präsentieren keine Modell- eisenbahn, sondern eine Miniaturwelt.» Dennoch wurden auf der bislang 250 Quadratmeter grossen Anlagefläche bis heute 1300 Meter Schienen der Spurweiten HO und HOm verlegt, auf denen 120 Züge verkehren – allerdings immer nur etwa 30 gleichzeitig, die restlichen stehen irgendwo hinter der Kulisse in einem Schattenbahnhof und kühlen sich ab. Auf der Anlage verkehren im Weiteren 700 Autos, stehen 23 000 Figürchen und 550 Häuser, brennen 8000 Lämpchen. Letztere kommen vor allem in den Nachtphasen zur Geltung: neun Minuten simuliert die Anlage den Tag, eine Minute die Nacht.

Durch die Reparaturluken hat Raphael Meyer Zugriff auf die Anlage.

Nacktwanderer im Appenzellischen.

Die Flucht des Bräutigams.

Viel mehr Gewicht als auf einen detailgetreuen Nachbau legen Raphael Meyer und seine Modellbauer auf die Liebe zum Detail. Doch viele der eingebauten Gags entdeckt nur, wer ganz genau hinschaut. Da schreitet ein Nacktwanderer einher, vorbei an den Dreharbeiten mit den drei das Käsegeheimnis hütenden Appenzellern, dort flüchtet ein potenzieller Ehemann vor der weiss gekleideten Braut aus der Kirche; hier steht ein Bett im Kornfeld, dort ein Hirsch hinter dem nach Wild Ausschau haltenden Jäger; hier geht ein Elefant durch den Porzellanladen, dort eine Schulklasse mit Tigerfinkli auf Wanderschaft. Von den beiden Polizisten, die die nackig sonnenbadende Nixe vom Felsen im Rheinfall herunterholen wollen, nicht zu sprechen. Oder von der Szene mit den drei Eidgenossen, die während ihrer Ferien im Jahr 1290 für den Rütlischwur proben.

Eigentlich hatten Raphael Meyer und seine Mitstreiter vor, drei der sechs geplanten Milestones zu realisieren und dann eine Phase der Konsolidierung einzulegen. Nun haben sie die Pause vorgezogen, weil sich die Besucherzahlen in den Sommermonaten nicht ganz nach ihren Vorstellungen entwickelten; dadurch verloren einige Modellbauer ihre Arbeit. «Erst wenn die Finanzierung gesichert ist, bauen wir die nächsten Szenen», sagt Meyer: erst eine zum Thema Wintersport im Bündnerland, dann eine rund um die Themen Energie, Zukunft, Wohnen, Stadtleben, Verkehr, Logistik. Die weiteren Themen sind noch offen. Und die SIG-Halle ist noch gross. «Eigentlich wünsche ich mir, dass die Anlage immer weiterwächst», sagt Raphael Meyer. «Doch dazu müssen wir noch bekannter werden! Wenn es uns gelingt, jeden zehnten Besucher des Rheinfalls in unsere Miniaturwelt zu locken, sind wir fein raus.» Das wären dann 150 000 Eintritte pro Jahr – so viele wie der Businessplan nach fünf Jahren vorsieht. Im ersten Jahr sinds 50 000 statt der geplanten 80 000. Und Meyer ist zuversichtlich: «Wir haben die ideale Lage», sagt er. «Wo sonst können Touristen innerhalb von zwei Stunden den Rheinfall, ein Schwingfest vor der Jungfrau und das Matterhorn sehen?» Letzteres übrigens als Teil des Hintergrundes der Berner-Oberland-Szene – die künstlerische Freiheit! – modelliert aus dreieinhalb Tonnen Gips.