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Reportage

Vom Guldental in alle Welt

Kundinnen wie Queen Victoria sorgten dafür, dass Kämme aus Mümliswil SO bei den Reichen und Schönen begehrt waren. Im Museum lebt diese ruhmreiche Geschichte weiter.

FOTOS
Peter Mosimann
23. September 2019

Kunstvolle Handarbeit: Josef C. Haefely zeigt einen der Zierkämme. Rechts: Rückenpanzer der Karett-Schildkröte ? der Rohstoff Schildpatt war begehrt und teuer.

«HAARUNDKAMM»

Infos zum Museum

Ein Rundgang in Museum und Werkstatt dauert etwa 2 Stunden. Für Gruppen sind Workshops möglich (nach Voranmeldung).

Anreise: Auto oder vom Bahnhof Oensingen per Postauto Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag, 14 bis 18 Uhr, am Wochenende 11 bis 17 Uhr (Winterpause 15. Dezember 2019 bis 22. Januar 2020) Eintritt: Erwachsene zahlen 8 Franken, Kids/Jugendliche bis 20 J. und IV-Bezüger Fr. 4.–, Familienbillett Fr. 20.– (nur bar, keine Kartenzahlung!) 

Wer von Oensingen SO durch die Klus nach Balsthal fährt, kommt in eine andere Welt, von der Hektik des Mittellands in den Jura. Heute Ort der Erholung, war die Gegend des Guldentals in früheren Zeiten geprägt von Armut und Not. Doch einer schaffte es ganz nach oben: Die Kammfabrik, die der Bauernsohn Urs Joseph Walter (1759–1829) in Mümliswil SO begründete, stieg unter seinen Nachfolgern auf zum Lieferanten der Schönen und Reichen, des internationalen Hochadels sowie der Königshäuser von England und Spanien.

«… weil Läuse allzeit wohl geraten»

Wie alles begann, hat dieser Selfmademan des 18. Jahrhunderts, der sich in Nachtstunden selber Lesen und Schreiben beigebracht hatte, in seiner «Läbens-Gschicht» festgehalten. Der Beruf des Strählmachers, den der junge Mann erlernen wollte, erschien ihm einträglich, «weil die Läuse allzeit wohl geraten». Diese und die weiteren Stationen der Fabrikation, vom einfachen Strähl für das Richten der Haare (und Entfernen der Läuse) bis zu den prachtvollen Zierkämmen für die Steckfrisuren des ausgehenden 19. Jahrhunderts, zeigt das Museum «Haarundkamm» in Mümliswil. Kurator Josef C. Haefely (59), ein profunder Kenner der Familien- und Unternehmensgeschichte, zeigt gerne die Schätze aus der Sammlung.

Kunstvolle Handarbeit: Josef C. Haefely zeigt einen der Zierkämme. Rechts: Rückenpanzer der Karett-Schildkröte - der Rohstoff Schildpatt war begehrt und teuer.

Musterbücher dienten als Vorlage für die Zierkämme - bis in die 1920er-Jahre ein wichtiges Accessoire der Damenmode.

Schon unter Urs Viktor, dem ältesten Sohn des Gründers, wurde der Familienbetrieb zu einer Fabrik, die Mitte des 19. Jahrhunderts mehr als 30 Menschen Brot und Arbeit bot. Mit dem Neubau von 1870 stieg die Zahl der Arbeiter auf das Vierfache, und neben dem einheimischen Kuh- und Ochsenhorn verarbeitete man nun auch Büffelhorn aus Brasilien oder Siam (heute Thailand) sowie Schildpatt: Das Material aus dem Panzer der Karett-Schildkröte war wegen seiner Farbgebung besonders begehrt.

Im Takt der Maschinen

Die ursprünglich reine Handarbeit wurde durch Sägemaschinen rationalisiert, erst betrieben mit Wasserkraft, später mit Dampfmaschinen und Elektrizität. Mit der Mechanisierung kam der Wandel vom Handwerk zur Industrie­arbeit. Beim Durchblättern der Dokumente, die als Kopie in der Museumswerkstatt hängen, kann man lernen, wie viel die Menschen damals gearbeitet haben: 65 Stunden pro Woche – von Montag bis Freitag elf, an Vorabenden von Sonn- und Festtagen eine weniger. «Frauen, die ein Hauswesen besorgen, sind mittags 1 ½ Stunden frei», heisst es in der «Fabrik-Ordnung» von 1878.

Adel macht Mode

Unter Otto Walter-Obrecht (1856–1941), einem Urenkel des Gründers, erlebte die Kammfabrik ihre Blütezeit: Um das Jahr 1900 fertigten 240 Arbeiter modische Kämme, die als Kopfputz in aller Welt begehrt waren. Die Firma hatte neben den europäischen Handelsvertretungen in London, Rom, Stockholm, Madrid und Lissabon auch Repräsentanten in New York, Mexiko und Buenos Aires. Eine der prominentesten «Markenbotschafterinnen» war Queen Victoria (1840–1901): Die Nachfrage nach den Mümliswiler Schmuckkämmen, mit denen sich die britische Monarchin auf Abbildungen zeigte, war enorm. Als die Queen starb, kam ein Teil der Produktion als schwarz eingefärbte Trauerkämme in England auf den Markt.

Neben prachtvollen Kämmen zeigt das Museum den Wandel ...

... von der Handarbeit zur industriellen Fertigung mit Maschinen.

Katastrophe und neue Produkte

Der schwärzeste Tag in der Geschichte der Kammfabrik war der 30. September 1915. Das Unternehmen fertigte inzwischen auch Kämme aus dem neuen Kunststoff Zelluloid – billig, aber auch leicht entflammbar. Es kam zu einer Explosion mit anschliessendem Grossbrand, 32 Arbeiter verloren ihr Leben.Zwar wurde die Fabrik rasch wiederaufgebaut und erreichte wenige Jahre später den höchsten Beschäftigungsstand mit 400 Arbeitnehmern. Doch nach dem Ersten Weltkrieg brach der Absatz ein. In den 1920er-Jahren kam bei den Frauen der «Bubikopf» in Mode: Für den Kurzhaarschnitt brauchte es keine Zierkämme mehr.

Eine neue Ära begann in Mümliswil, nachdem der Technische Direktor 1924 erstmals den Kunststoff Bakelit aus Deutschland mitgebracht hatte. Wo man einst edlen Kopfputz für die internationale High Society in Handarbeit hergestellt hatte, sorgte man nun für Komfort am anderen Ende des Körpers: Das 1932 aus der Kammfabrik hervorgegangene OWO-Presswerk, benannt nach Otto Walter Obrecht, wurde zum Schweizer Marktführer bei WC-Brillen.

Diesen neuen Werkstoffen, aus denen in Mümliswil fortan auch Gehäuse für Telefone, Radioapparate und Haushaltsgeräte aller Art hergestellt wurden, ist die aktuelle Sonderschau des Museums gewidmet: «Plastik Fantastik» zeigt die ganze Bandbreite der Fabrikation, die erst 1999 mit der Liquidation des Presswerks im Guldental zu Ende ging. Der Ursprung des Traditionsunternehmens, die Kammherstellung, lebt im Museum auch auf besondere Weise weiter: Neben der Ausstellung beherbergt das Gebäude heute einen Coiffeursalon.