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Wandern

Mystischer Murgsee

Das Gelände ist zerklüftet, schroff und am Zerbröckeln. In der Tektonik-Arena Sardona sieht man, wie Gebirge entstehen – und wie sie zerfallen.

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Andrea Meier; Karte: Janina Noser
24. September 2018

Sonnenschein wird überbewertet: Der Blick auf den Murgsee ist im Nebel genauso schön.

Steckbrief

Ennenda–Murgsee–Filzbach

An-/ Abreise: Zug und Bus bis Ennenda Seilbahn, Bus ab Filzbach.
Schwierigkeit Tag 1: mittel / Tag 2: mittel
Technik 3 von 5 / 2 von 5
Kondition 4 von 5 / 2 von 5
Strecken 8,5 km / 12 km
Dauer 4 Std. / 4 Std.
Aufstieg 950 m / 530 m
Abstieg 570 m / 1100 m


Die Gesteinsschichten am gegenüberliegenden Hang liegen waagrecht übereinander. Dann ziehen sie sich in einem weiten Bogen hinauf und stehen etwas weiter östlich plötzlich senkrecht nebeneinander. Sehr typisch für die Tektonik-Arena Sardona. «Da kann man richtig sehen, welche Kräfte bei der Alpenbildung gewirkt haben und noch immer wirken», erklärt Maya Kobi Largo (54). Das macht das Gebiet im Kantonsdreieck Glarus, Graubünden und St. Gallen so besonders, dass die Unesco es vor zehn Jahren als Weltnaturerbe ausgezeichnete. «Nirgends sonst auf der Welt sieht man so schön, wie die Gebirgsbildung vor sich geht.»

Maya Kobi Largo ist Geoguide und Wanderleiterin. Sie begleitet Filmemacherin Andrea Meier (48) und mich auf einer zweitägigen Tour durch die Tektonik-Arena Sardona. Wir wollen von der Aeugstenbahn-Bergstation oberhalb von Ennenda GL via Schwarzstöckli zum Berggasthaus Murgsee wandern und nach einer Nacht in der Murgseehütte nach Filzbach GL. Total etwa 20 Kilometer mit rund 1600 Höhenmetern in zwei Tagen, vorbei an diversen Seeli und ganz speziellen geologischen Formationen.

Segen und Fluch des Nebels

Nebelschwaden ziehen um den Schafleger und den Hächlenstock, als wir beim Bärenboden starten. Wir sind froh, dass die Sonne nicht herunterbrennt, denn der Weg geht gleich happig aufwärts. Nach knapp eineinhalb Stunden erreichen wir die Krete beim Schafleger auf 1970 m ü. M. Bei gutem Wetter sieht man von hier die Tschingelhörner, an denen man die imposante Glarner Hauptüberschiebung nachvollziehen kann: grünliche, alte Verrucano-Gesteine liegen dort über Kalken und viel jüngeren schiefrigen Flysch-Gesteinen. Wir sehen nichts im Nebel und müssen uns mit den Schautafeln begnügen, die auf dieses geologische Phänomen aufmerksam machen.

Das Verrucano-Gestein, das man im Welterbe Sardona an vielen Stellen findet, stammt aus der Permzeit, ist also gegen 300 Millionen Jahre alt. Benannt ist es nach einem Ort bei Pisa, wo man ebenfalls rotes Gestein fand. Der Glarner Verrucano ist geologisch zwar völlig anders entstanden als das Gestein am Monte Verruca in Italien, «aber er ist halt auch rot», erklärt Maya Kobi Largo. Man habe mal versucht, für das rote Gestein im Glarnerland die geologisch exaktere Bezeichnung Sernifit einzuführen, sei aber gescheitert. «Der Begriff Verrucano hat sich schon zu fest eingebürgert.»

Der Bergflanke entlang steigen wir weiter hinauf bis zum 2383 Meter hohen Schwarzstöckli. Der Wanderweg führt hier tatsächlich über die Bergspitze und auf der Rückseite wieder hinunter. Hier könne man manchmal Steinböcke sichten, erklärt Geoguide Maya Kobi – keine zehn Minuten später sehen wir uns einer ganzen Gruppe von Steinböcken gegenüber. Ein halbes Dutzend dieser prächtigen Tiere beobachtet uns – vermutlich wollen sie sichergehen, dass auch wir wissen, dass hier ein Jagdbanngebiet ist.

Auf dem Schwarzstöckli haben wir den höchsten Punkt der Tour nach fast 1000 Höhenmetern Aufstieg erreicht. Dann gehts abwärts Richtung Murgseefurggel. Wir verlassen die Verrucanozone und befinden uns plötzlich in einer Landschaft aus weissen Kalk- und Dolomitgesteinen. Das Gebiet um die Murgseen ist ein richtiger Hotspot verschiedenster Gesteine. Auf der Murgseefurggel sehen wir das Ziel, die Murgseehütte und den Oberen Murgsee: bei Sonnenschein eine traumhafte Aussicht, bei Nebel hat die Stimmung etwas Mystisches. Fast meint man, Nessie würde jeden Moment aus dem See auftauchen.

Der Obere Murgsee im Morgenlicht, im Hintergrund die Widersteiner Furggel.

Der Mürtschenstock zerfällt

Die zweite Etappe ist konditionell etwas weniger anspruchsvoll. Sie beginnt mit einem kurzen Aufstieg auf die Murgseefurggel. Ab hier geht es praktisch nur noch bergab. Schon bald begegnen uns die ersten Tagesausflügler, die vom Parkplatz Merlen herkommend den Murgsee-Rundweg machen. Eine schöne Eintages-Tour, die durchs Mürtschental zum Murgsee und durchs Murgtal zurückführt. Wir überqueren die Mürtschenfurggel und wandern am Fuss des Mürtschenstocks entlang. Auch hier zeigt sich die Gebirgsbildung. Auf der ganzen Flanke findet man Geröllkegel, die die Vergänglichkeit der Berge ins Bewusstsein bringen. Der Berg sieht so spröde und verklüftet aus, wie er ist. «Hier kann jederzeit Material herunterkommen», warnt Geoguide Maya Kobi.

Maya Kobi Largo (hier mit Hündin Mila) ist Geoguide und Wander-leiterin in der Tektonik-Arena Sardona.

Wir hören die Warnung und machen uns zügig auf den Abstieg. Unterwegs stossen wir auf eine weitere Besonderheit der Tektonik-Arena, eine Riesen-Doline. Sie entsteht, wenn das Wasser den Kalk aus dem Gestein unterirdisch herauslöst und die so langsam entstandene Höhle einstürzt. Via Talalpsee erreichen wir schiesslich die Habergschwänd-Sesselbahn, die uns nach Filzbach bringt.