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Wandern

Alpental mit legendären Trunk

Im Val d’Anniviers leisten sich die Walliser einen besonderen Luxus: den Gletscherwein. Ein Wein mit langer Tradition, der aber nicht vermarktet wird.

FOTOS
Romain Daniel/Sierre-Anniviers Marketing
14. Oktober 2019

Blickfang im Walliser Val d?Anniviers ist der markante Zwillingsgipfel des Berges Besso (rechts im Bild).

Wenn man von Zinal VS weiter ins Val d’Anniviers hineinblickt, ragt der Gipfel des Besso mit seinen Zwillingszacken mächtig in die Höhe. Er wirkt ein bisschen wie das Matterhorn in Zermatt, ist aber nur 3667 Meter hoch. Ein Blickfang ist er gleichwohl, und zu sehen ist er praktisch von jedem Ort des Dorfes, zum Beispiel auch vom Reka-Feriendorf, das vor Kurzem renoviert wurde. Die meisten 4000er, von denen es zahlreiche gibt, sieht man aber erst, wenn man die Wanderschuhe schnürt und in die Höhe steigt.

Die vielen Viertausender der Umgebung locken die Bergsteiger ins Val d’Anniviers. Dennoch gilt das Tal als idealer Ferienort für Familien. Hier, im Paralleltal des Mattertals, gehen die Uhren etwas anders, gemächlicher als im Mattertal. «Diese entschleunigte Lebensweise ist es, die die Gäste hier suchen», stellt Damian Constantin (53) fest, Direktor Valais/Wallis Promotion, der touristischen Dachorganisation des Kantons.

VAL D'ANNIVIERS

Tipps für schöne Ferien

Was tun?

  • Das Val d’Anniviers ist im Sommer ein beliebtes Wander- und im Winter ein Familien-Skigebiet.
  • Ausgangspunkte für Wanderungen sind Grimentz, Vissoie, Ayer oder Zinal. Via Zinal verläuft auch der Alpenpässe-Weg.
  • Biker finden im Val d’Anniviers ebenfalls schöne Routen.
  • Ski fahren kann man in Grimentz, Zinal, St-Luc, Chandolin und Vercorin.
  • Vin du glacier können Besucher in Grimentz kosten.

Wo übernachten?

  • Ferienwohnungen bieten viele Private an, aber auch die Mitglieder der IG Parahotellerie Schweiz, darunter etwa das Reka-Feriendorf Zinal.
  • Im Sommer beliebt ist der TCS- Campingplatz Sion, wo man ohne Zelt und Wohnwagen anreisen und fertige Unterkünfte mieten kann.
  • Architektonisch spannend, und auf der nördlichen Talseite des Wallis gelegen, ist die Jugendherberge Crans-Montana.
  • Zu finden sind diverse Bed-and- Breakfast-Unterkünfte, darunter das auf Ökotourismus ausgerichtete, malerische Castel de Daval, bei Siders (Sierre).

Weisswein der besonderen Art

In dieser ruhigen Ecke der Schweiz haben sich die Walliser eine ganz besondere Weintradition erhalten, den Vin du glacier. Kaufen kann man den geheim- nisumwitterten Saft nicht, denn der Gletscherwein wird nie in Flaschen abgefüllt. Man trinkt ihn nur in den dafür gebauten Weinkellern direkt ab Fass, etwa bei einer Beerdigung, einem Geburtstag oder sonst einer feierlichen Gelegenheit. Und in den Genuss kommen eigentlich nur die Walliser selber, die Mitglieder der Bürgergemeinden sind, sagt Jean-Yves Melly (57), Präsident der Bürgergemeinde von Ayer VS.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft für das Wallis ist klein, auch wenn man das Wallis gerne mit Weisswein assoziiert. Nur ein Prozent der Wirtschaftsleistung des Kantons erbringt die Landwirtschaft. Der Hauptteil stammt aus Industrie und Tourismus. Emotional trägt der Wein allerdings sehr viel zum Walliser Lebensgefühl bei, denn Hand aufs Herz, liebe Üsserschwyzer, ein Wallis ohne Weisswein wäre nicht mehr unser Wallis. «Nicht umsonst gilt die Regel, dass man sich den ersten Schluck genehmigen darf, sobald die Uhrzeit aus zwei Ziffern besteht», erklärt Chloé Vuilliomenet (25). Die Mitarbeiterin von Sierre-Anniviers Marketing hat dies von den Dorf- ältesten aus Grimentz erfahren: So beginnt der Apéro nicht allzu früh … Ausgeschenkt wird Ermitage (aus Marsanne-Trauben), Malvoisie (Pinot Gris), Petite Arvine, Chasselas, Humagne Blanche und wie die vielen, oft autochthonen Traubensorten im Wallis alle heissen. So manche steckt auch im Vin du glacier.

Reifung im Lärchenfass

Mit dem Gletscher hat dieser besondere Wein aber wenig zu tun, erklärt Melly, so hoch oben wachsen keine Trauben mehr. Diese bauen die Landwirte des Val d’Anniviers seit jeher unten im Tal bei Sierre an. Den fertigen Wein lagern sie dann bei gleichmässig tiefen Temperaturen in ihren Kellern in Lärchenfässern. Dort entwickelt er sich nur schwach weiter. Der Zucker kristallisiert aus und legt sich als Innenschicht ans Fass. Während der ganz langsamen Reifung gibt das Lärchenfass dem Wein seine Harzaromen ab, viele Jahre lang.

Jean-Yves Melly mit den zwei Schlüsseln, die es zum Öffnen des Weinkellers von Ayer braucht.

Der Vin du glacier aus dem Val d'Anniviers reift im Lärchenfass, das nie ganz leer getrunken wird.

Weine mit einem Jahrgang gibt es vom Vin du glacier keine. Die Fässer werden nie leer getrunken, sondern jedes Jahr mit jüngeren Weinen aufgefüllt und vermischt. Das älteste Fass im Bürgerkeller von Ayer trägt die Jahreszahl 1751. In der Assemblage sind somit Hunderte von Jahrgängen vereint und Chemiker würden wohl auch noch Spuren von über 250 Jahre altem Wein finden.

Diese Tradition des Weinkelterns kennen neben den Wallisern übrigens auch die Spanier, die den berühmten Wein aus Jerez, den Sherry, genauso herstellen. Der Geschmack des Vin du glacier erinnert daher ein wenig an Sherry. Aber natürlich ist es nur eine Erinnerung, denn Vin du glacier sei ein ganz besonderer Nektar, sagt Jean-Yves Melly. Er selber trinke davon, wann immer Besuch nach Ayer komme. Für Ehrengäste wird dann der Keller geöffnet. Die zwei Schlüssel – es braucht zwei, um die Kellertür aufzusperren – tragen der Präsident und der Vize-Präsident der Bürgergemeinde auf sich. 

PARAHOTELLERIE

Schwer zu fassen, aber gross

Die IG Parahotellerie Schweiz wurde 2011 von der Schweizer Reisekasse Reka, Interhome, TCS Camping, Schweizer Jugendherbergen und Bed and Breakfast Switzerland gegründet. Sie vertritt die Interessen der Parahotellerie in tourismuspolitischen Fragen. Die fünf Partner generieren in der Schweiz jährlich rund fünf Millionen Logiernächte.

Die gesamte Parahotellerie, zu der alle Unterkunftsarten zählen, die nicht der Definition «Hotel» entsprechen, ist schwer zu erfassen, weil vieles unter dem Radar der Statistik läuft. Zudem entstammt die letzte Erhebung dem Jahr 2003, als es etwa Airbnb noch nicht einmal gab. Aufgrund der Erhebung und der Logiernächte-Entwicklung schätzt man, dass das Volumen der Logiernächte in der Parahotellerie mit gut 36 Millionen Übernachtungen etwa gleich gross ist wie das der Hotellerie (etwa 37 Millionen Übernach- tungen pro Jahr).