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Wandern

Fernsicht auf dem Fernwanderweg

Der Chasseron ist nicht der höchste und vielleicht nicht der schönste Berg des Juras. Aber die Aussicht vom imposanten Gipfel ist atemberaubend.

FOTOS
www.bailly-photo.ch, Karte Janina Noser
26. Mai 2019

Steckbrief

Buttes–Les Rasses–Vuiteboeuf

An-/Abreise: Mit dem Zug via Neuchâtel bis Buttes, zurück ab Vuiteboeuf via Yverdon-les-Bains.
Schwierigkeit: mittel
Technik: 2 von 5
Kondition: 3 von 5
Strecke:  14,5 km 
Aufstieg: 500 m
Abstieg: 1100 m
Dauer: 4,5 Std.

Hier geht's zur digitalen Wanderroute.

Nicht nur nach Rom, auch auf den Chasseron führen viele Wege. Filmemacherin Andrea Meier (48) und ich haben uns für den Start auf der Neuenburger Seite entschieden, im Val-de-Travers, der Wiege des Absinths. Weil wir morgens um 9 Uhr losmarschieren, interessieren wir uns allerdings mehr historisch für den Kräuterschnaps aus dem Wermutskraut, der hier im 18. Jahrhundert als Heilmittel erfunden wurde. Die hochprozentige Spirituose, auch grüne Fee genannt, wird mit einem Alkoholgehalt von 45 bis 85 Prozent gebrannt und mit eiskaltem Wasser verdünnt genossen. 1910 bis 2005 war der Absinth in der Schweiz verboten, weil man ihm eine gesundheitsschädigende Wirkung nachsagte. Für den Wanderer ist die Geschichte insofern interessant, als er in den Wäldern des Val-de-Travers noch heute versteckte Absinth-Brunnen finden kann, an denen sich die Jurassier während des Absinth-Verbots gütlich getan haben. Wo sich diese Brunnen befinden, wissen nur die Einheimischen. 

Unser Ziel ist der Weg auf den Chasseron im Waadtländer Jura, der nicht zu verwechseln ist mit seinem jurassischen Bruder, dem Chasseral, der weiter nördlich oberhalb des Bielersees liegt. Die knapp 450 Höhenmeter von Buttes NE zur Alp La Robella lassen wir uns bequem vom Sessellift hochfahren. Von dort geht es dann zu Fuss zuerst über Alpstrassen ein paar Höhenmeter hinauf. Nach etwa einem Kilometer überqueren wir die Grenze zum Kanton Waadt. Ein Kuhrost verhindert den Grenzübertritt des weidenden Alpviehs. Etwas später, beim Alprestaurant Les Preisettes, führt uns der Weg quer über Kuhweiden, auf denen wir etwas «slalomwandern». Wir wollen weder auf die Krokusse von diesem, noch auf die Kuhfladen vom letzten Jahr treten. Bald treffen wir auf den Jura-Höhenweg, der eine herrliche Sicht auf Alpen, Schwarzwald, Vogesen und den französischen Jura bietet. Die nationale Fernroute wurde 1906 markiert und ist damit der älteste einheitlich markierte Weitwanderweg Europas. Er startet bei Zürich, endet kurz vor Genf und führt unter anderem über den Chasseron, den wir nach etwa eineinhalb Stunden Marschzeit erreichen. 

Blick vom Chasseron Richtung Süden und Genfersee. Die nächste Erhebung links sind die Petites Roches.

Auf dem Chasseron geniessen wir zuerst den Blick auf den Neuenburger- und den Genfersee. In der Ferne hebt sich der Mont Blanc über den Nebelstreifen. Der Gipfel des Chasseron ist mit seinen 1607 Metern der fünfthöchste Berg des Schweizer Juras: von Osten her ein sanfter Hügel, nach Westen aber eine senkrechte Klippe. Im Gipfelrestaurant könnte man einkehren, hätte man nicht einen Ruhetag des Hôtel du Chasseron erwischt. Also machen wir uns auf die Suche nach dem anderen Höhepunkt des Gipfels, dem «Pierre de la Paix», dem Friedensstein. Der geschliffene Findling mit den Symbolen der Weltreligionen wurde vom Rhonegletscher in die Region und 2002 von einem Raupenfahrzeug an seinen jetzigen Standort gebracht. Ihn soll ein positives Energiefeld umgeben.

Das Hôtel du Chasseron liegt auf über 1600 Metern über Meer.

Sicher ist: Der Friedensstein markiert den Start des Abstiegs. Vom Chasseron könnte man nach Ste-Croix VD absteigen und dort den Zug nach Yverdon-les-Bains VD nehmen. Wir wollen aber noch in die Gorges de Covatannaz, die Schlucht zwischen Ste-Croix und der Orbe-Ebene, und schlagen den Weg Richtung Les Rasses VD ein. Dort kommen wir am Grand Hôtel des Rasses vorbei. Wer wenig Zeit hat, trinkt einen Kaffee. Wer sich Zeit nehmen kann, verbringt hier die Nacht. Die Schweizer Sektion des internationalen Rats für Denkmäler und historische Stätten hat dem mondänen Bau aus der Jahrhundertwende die Auszeichnung «Historisches Hotel des Jahres 2019» verliehen. Sie würdigt damit die Bemühungen um den Erhalt der historischen Bausubstanz. «Natürlich freut mich das sehr», sagt Hoteldirektor Patrice Bez (38), der das Hotel seit 2015 leitet. Er führt die Besucher in den grossen Salon, in dem es früher eine Männer- und eine Frauenseite ab. Heute darf ich mich mit Andrea Meier an denselben Tisch setzen. «Aber sonst sieht der Salon noch so aus wie 1913, als er gebaut wurde», sagt Bez. Um den grossen Kamin stehen Polsterstühle, der Kronleuchter strahlt von der Decke und auch der Boden aus kleinen Kacheln ist noch original. Weiter geht es noch einige Höhenmeter steil bergab in die Covatanne- Schlucht: eine fast mystische Umgebung mit Moos bewachsenen Bäumen und imposanten Felsen. Wir durchwandern die Schlucht bis Vuiteboeuf VD. Hier, nach gut vier Stunden Wanderzeit, kann man den Zug nach Yverdon nehmen. Wer auslaufen mag, folgt dem sanft absteigenden Weg bis Valeyres-sous-Montagny VD oder Yverdon-les-Bains.