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Wandern

Nasses Schönwetter

In den Alpen müsste man die Tour abbrechen, wenn Regen und Nebel aufziehen. Nicht so im Zürcher Weinland. Da ist das Wandern auch bei Regen richtig schön.

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Andrea Meier
28. April 2019

STECKBRIEF

Truttikon–Ossingen–Truttikon

An-/Abreise: Zug und Bus nach Truttikon, zurück per Bus ab Ossingen.
Schwierigkeit: einfach, auch geeignet mit Kinderwagen und Rollstuhl
Technik: 0 von 5
Kondition: 1 von 5
Höhenlage in m ü. M.: 390/480
Strecke: 16 km
Dauer: 4 Std.
Aufstieg: 280 m
Abstieg: 280 m

Namen sind nie zufällig entstanden. Auch nicht im Zürcher Weinland. Obschon viele Schweizer bei Wein eher ans Wallis, an die Westschweiz oder das Tessin denken, hat auch Zürich sein Weinland. Begrenzt ist es durch den Rhein, den Kanton Thurgau und die Stadt Winterthur. Die Region ist seit jeher trocken und sonnenreich. Das mögen Trauben. Diese klimatisch günstigen Verhältnisse haben Zürich zum grössten Weinbaukanton der Deutschschweiz gemacht. Auf 628 Hektaren wachsen hier Trauben. «Viele Bauern hatten früher neben Getreide und Vieh auch ein paar Aren Reben», erklärt Hans Wiesendanger (56), Winzer in Ossingen ZH. Er bewirtschaftet heute acht Hektaren mit Trauben und keltert diese selber. Neben den klassischen Sorten wie Riesling-Sylvaner und Blauburgunder, die schon lange im Zürcher Weinland gedeihen, experimentiert Wiesendanger auch mit Chardonnay, Pinot Gris, Dornfelder und Zweigelt. Seine Kunden überzeugt er am liebsten bei Degustationen. 

Wandern und Wein degustieren

Das freut unter anderem die Wanderer, die in Ossingen vorbeikommen und bei ihm eine Degustation geniessen. Und weil das nicht nur Wiesendanger macht, hat die Förderorganisation Pro Weinland einen Wanderführer für das Zürcher Weinland herausgegeben, der die schönsten Weinwanderwege beschreibt. Filmemacherin Andrea Meier (48) und ich haben uns auf einen landschaftlich reizvollen Rundweg zwischen Truttikon ZH und Ossingen gemacht. Wir wählen als Startort Truttikon, weil man eine etwa vierstündige Rundwanderung planen kann, die man mehrmals abkürzen kann. Nach Weindegustationen ist das manchmal keine schlechte Option.

Truttikon ist ein schmuckes Dorf an der Grenze zum Thurgau. Die Landwirtschaft dominiert, und in den gepflegten Gärten macht der Frühling mit seiner üppigen Blütenpracht auf sich aufmerksam. Wir kommen an Weinbergen vorbei, in denen die letzten Handgriffe des Winterschnitts angelegt werden. Der Weinwanderweg ist gut ausgeschildert und weist keine grosse Höhendifferenz auf. Es ist eine Mischung aus Wanderung und ausgedehntem Spaziergang. Kurz nach dem Weiler Langenmoos erreichen wir bereits die ersten kleinen der insgesamt sechs Seelein, die eine kleine Seenlandschaft bilden. Die zurückgewichenen Eiszeitgletscher haben sie hier zurückgelassen. Beim grössten der Seen, dem Husemersee, tut sich eine verträumte Landschaft vor uns auf. Spiegelglatt liegt der See da, der im Sommer ein beliebter Badesee ist. So schön, dass man darob sogar die Mücken ignoriere, sagen die Einheimischen.

Ein US-Bomber, der abstürzte

Wir wandern weiter Richtung Ossingen, wo wir nach rund eineinhalb Stunden den Weinbaubetrieb von Hans Wiesendanger erreichen. Die Weinbauern der Region sind stolz darauf, dass sie hier naturnah arbeiten. «Wir produzieren nach ökologischen Vorgaben», erzählt Wiesendanger. Gemäht werde zurückhaltend, denn Gras und (Un-)Kräuter, die stehen bleiben, dienen dem Erosionsschutz. «Was gemäht ist und vom Winterschnitt übrig bleibt, lassen wir gleich als Dünger liegen.» Er zähle bis zu 35 verschiedene Gräser und Kräuter in seinem Weinberg.

Von Ossingen geht es weiter Richtung Schloss Widen. Die idyllisch gelegene Anlage mit grossem Park ist denkmalgeschützt. Ihre ältesten Teile gehen auf das Mittelalter zurück. Heute befindet sich das Schloss in Privatbesitz der Erben von Max Huber (1874–1960), einem Professor für Staats-, Kirchen- und Völkerrecht, der von 1928 bis 1944 Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz war. 1944 wurde das Schloss beim Absturz eines verirrten US-Bombers stark beschädigt. Das führungslose Flugzeug – es kam von einem Einsatz über München – prallte direkt in den Schlossturm.

Von Schloss Wyden führt der Weg wieder zurück nach Ossingen und dann in einem grossen Bogen durch die Weinberge ums Dorf herum und nach Truttikon. Wer genug gewandert ist, kann jederzeit am Bahnhof Ossingen den Zug für die Heimreise besteigen.

Die Broschüre «Das Zürcher Weinland auf Weinwanderwegen entdecken» kann bei admin@proweinland.ch bestellt werden. 

Die Weinwanderwege im Zürcher Weinland