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FREIZEIT

Götti von 40 Wander-Kilometern

65 000 Kilometer Wanderwege hat die Schweiz. Und alle in gutem Zustand. Das ist weniger der Topografie oder einem Zufall zu verdanken als vielmehr vielen freiwilligen Wanderweg-Göttis.

FOTOS
THOMAS COMPAGNO
12. August 2019

 Bernhard Mani pickelt auf dem Wanderweg eine Rinne aus, damit das Schmelz- und Regenwasser ablaufen können.

Rüstig ist er mit seinen 80 Jahren, Bergführer Bernhard Mani. Und Götti ist er auch, Götti von rund 40 Kilometern Wanderwegen im hinteren Kiental BE. Die führen von der Griesalp hinauf über das Hohtürli Richtung Blüemlisalphütte, in der anderen Richtung zur Gspaltenhornhütte und auf der rechten Talseite über die Sefinenfurgge. Etwa einmal im Monat besucht Mani seine «Patenkinder», räumt Geröll weg, das Gämsen auf die Wege haben kullern lassen, und macht mit dem Pickel kleine Rinnen, damit Schmelz- und Regenwasser ablaufen können. Er mäht auch die Brennnesseln, «damit Wanderer in Shorts die Erinnerungen an den Wandertag nicht auf den Beinen mit nach Hause nehmen müssen», sagt Mani.

Gemeinden sind verantwortlich

Der Unterhalt der Wanderwege ist in der Schweiz Sache der Gemeinden. Doch viele Gemeinden, gerade in den Alpen, haben nicht die finanziellen Mittel, die Wanderwege von ihren Angestellten unterhalten zu lassen. Sie sind auf Freiwillige wie Bernhard Mani angewiesen, die für ihr Engagement eine kleine Entschädigung erhalten. Zu Manis Aufgaben gehört auch die Beurteilung der Lage. Er stellt fest, ob der Weg begehbar ist, und er warnt vor Hochwasser, Murgängen oder unstabilem Gelände: «Im Frühling, der bei uns bis weit in den Juni hineinreichen kann, rechnen viele nicht damit, dass in den Bergen noch Schnee liegt.»

Mani zeigt auf eine Holzbank mitten in der Landschaft. «Die habe ich hingestellt», erklärt er. Heute sei ja niemand mehr gewohnt, auf den Rucksack zu sitzen. Die Wanderer würden die Sitzbänke daher sehr schätzen. Nicht einmal das Material für die Bank hat er der Gemeinde in Rechnung gestellt, sondern aus dem eigenen Sack bezahlt: «Über das Geld, das ich nicht bekommen habe, müssen meine Erben dereinst nicht streiten», meint er lakonisch.

Zusammen mit Mani ist an diesem nebligen Tag auch Werner Steiner (69) unterwegs. Auch er amtet freiwillig als Mitarbeiter bei den Berner Wanderwegen. Steiner ist für Markierungen und Beschilderungen der Wege zuständig. Zusammen mit Bernhard Mani verankert er einen grossen Wegweiser frisch und richtet die Schilder aus. Im Frühling, wenn der Schnee weg ist, müssen viele Schilder wieder korrekt ausgerichtet oder ganz ersetzt werden. «Schneedruck, Vandalismus, Diebstahl, es gibt alles», sagt Steiner. «Wir geben im Kanton pro Jahr rund 200 000 Franken für neue Beschilderungen aus.»

Wanderzeit – einfache Faustregel

Die grossen Wegweiser stehen ungefähr im Abstand von einem Kilometer. Dazwischen finden Wanderer Wegbestätigungen: aufgemalte oder irgendwo montierte gelbe Rauten für Wanderwege, weiss-rot-weisse

Markierungen für Bergwanderwege oder weiss-blau-weisse Markierungen für Alpinwanderwege. Wo sie schlecht sichtbar sind, malt Steiner diese nach.

Wofür Steiner nicht zuständig ist, sind die Zeitangaben. «Wenn eine Route mit drei Stunden angegeben ist, ist das nicht die Zeit, die ich brauche», schmunzelt Steiner, «die Marschzeiten werden berechnet.» 4,2 Kilometer Distanz ergeben eine Stunde Marschzeit, 300 Höhenmeter ebenfalls. – Und warum stimmen die Zeiten nie? Steiner: «Die Zeiten stimmen immer. Aber Ihr Wandertempo stimmt vielleicht nicht.»