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Vom Gratweg zum Baden

Alpstein klingt so harmlos. Als wärs ein Stein im Vergleich zu den richtigen Felsen der Hochalpen. Aber das kleine Massiv zwischen St. Gallen und Appenzell hat es in sich.

FOTOS
Andrea Meier
26. Juli 2019

STECKBRIEF

Hoher Kasten–Saxerlücke–Brülisau

An-/Abreise: mit Bahn, Bus, Luftsteilbahn bis Hoher Kasten. Zurück ab Brülisau mit Bus und Bahn. Anspruchsvolle Tour für einen Tag. Empfehlung: zwei Tage mit Übernachtung.
Schwierigkeit: mittel
Technik: 3 von 5
Kondition: 4 von 5
Strecke: 17,7 km
Aufstieg: 1035 m
Abstieg: 1900 m
Dauer: 7 h
Seilbahn Hoher Kasten: Fr. 13.–*

*Bergfahrt mit Halbtax/GA für Erwachsene

Das Alpsteingebiet ist das Wandergebiet von Appenzell Innerrhoden. Doch das ist nicht ganz korrekt. Nur 40 Prozent des Alpsteins liegen wirklich in Appenzell Innerhoden, mehr als die Hälfte gehört zum Kanton St. Gallen. Das hat in der Vergangenheit zur einen oder anderen Unstimmigkeit zwischen den beiden Nachbarn geführt, weiss Hans Inauen (68). So war lange Zeit nicht klar, ob der Hohe Kasten von Appenzell oder vom St. Galler Rheintal aus mit einer Bahn erschlossen werden soll. Schliesslich haben sich die Appenzeller durchgesetzt, die Bahn fährt heute von Brülisau AI hoch. Inauen macht dort sogenannte Rondom-Führungen. Dabei berichtet er seinen Gästen über die Geologie des Gebiets, über die Anfänge des Tourismus und die ersten Hotels auf dem Hohen Kasten. 

Das Alpsteingebiet ist ein relativ junges Kalkstein-Massiv mit vielen schroffen und abschüssigen Passagen. Weil es nicht hoch ist, der Säntis als höchster Gipfel bringt’s nur auf 2500 Meter, werde es gerne unterschätzt, sagt Inauen. «Viele Wanderer geben sich der trügerischen Sicherheit hin, dass Berge unter 3000 Meter Höhe unproblematisch seien – und das kann im Alpstein gefährlich sein.» Der Gratweg ist zwar gut ausgebaut und technisch nicht schwierig zu gehen, aber abseits vom Weg fällt das Gelände steil ab. 

Doch Inauen warnt seine Gäste nicht nur vor Gefahren, vor allem weist er sie auf Besonderheiten hin, etwa auf den Europaweg auf dem Hohen Kasten. Der sei nicht etwa Ausdruck einer besonderen Europafreundlichkeit der Appenzeller, sondern man könne von ihm aus nicht weniger als sechs europäische Länder sehen: Deutschland, Österreich, Liechtenstein und die Schweiz sind leicht zu erraten. Man sieht aber auch, so man gute Augen hat und sich mit Berggipfeln auskennt, den Grossen Belchen, den höchsten Berg der Vogesen (Frankreich), und die Spitze des Monte di Zocca, eines Grenzbergs im Bergell GR zu Italien.

Nach so viel Geologie und Geografie schnüren Filmemacherin Andrea Meier (49) und ich uns nun definitiv die Schuhe fester und marschieren los Richtung Stauberenkanzel. Vorbei am Alpengarten mit blühender Winterkresse, Berg-Hahnenfuss, Alpen-Ampfer und Alpen-Vergissmeinnicht führt der Weg vermeintlich in die falsche Richtung. Aber wir müssen zuerst gute 100 Höhenmeter hinunter, damit wir die Felswand des Hohen Kastens umlaufen können. Dann erst sind wir auf dem Gratweg. Weit kommen wir allerdings nicht. Das Panorama bremst uns. Man kann sich fast nicht sattsehen am malerischen Talkessel, in tiefes Grün gehüllt und dekoriert mit den letzten Schneefeldern vom vergangenen Winter. Ganz unten glitzert der Sämtisersee, ein Karstsee ohne oberirdischen Abfluss. Das Wasser sickert durch den Felsen und tritt auf beiden Seiten des Alpsteins, in Appenzell und im Sanktgallischen, wieder zutage.

Der Blick vom Hohen Kasten auf den Furgglenfirst, unten der Sämtisersee.

Wir wählen nicht den direkten Weg zum See, sondern wandern dem Grat entlang Richtung Stauberenkanzel. Weil der Weg nicht den Höhenlinien entlangführt, zwingt er uns zu einigen giftigen Auf- und Abstiegen. Stellenweise ist der Weg in den Felsen geschlagen, aber immer gut gesichert. Nur wer hochgradig schwindelanfällig ist, sollte diesen Gratweg meiden. Die meisten Wanderer aber haben ihre helle Freude an den leicht exponierten, aber einfach zu meisternden Stellen.

Nach der Querung des Furgglenfirsts, der bei heissem Wetter eine echte Herausforderung ist, beginnt der Abstieg via Saxerlücke Richtung Bollenwees. Gute 300 Höhenmeter weiter unten erreichen wir den Fählensee, dem wir nicht mehr widerstehen können: Badehose an und rein ins Vergnügen. 16 bis 17 Grad Wassertemperatur – das war Ende Juni – sind eine willkommene Abkühlung. 

Wer genug gewandert ist, kann hier im Gasthaus übernachten. Wir haben uns jedoch für eine weitere Marschstunde entschieden und verbringen die Nacht im Gasthaus Plattenbödeli oberhalb vom Sämtisersee, einem ganz neu renovierten Berggasthaus, das Schlafplätze im Massenlager, aber auch Doppelzimmer mit Dusche und WC anbietet. 

Am zweiten Tag steigen wir als erstes rund 400 Meter hoch zur Alp Sigel. Der Weg führt mehrheitlich durch den Wald, was das Gehen angenehm macht. Nach gut einer Stunde erreichen wir den kleinen Passübergang – und stehen quasi vor dem Nichts: Nach Norden fällt das Gelände steil ab. Diesen Ausblick auf Brülisau und Appenzell hat im Jahr 1904 der Heimatmaler Carl August Liner (1871–1946) in einem Ölbild festgehalten. Carl August und sein Sohn Carl Walter Liner (1914–1997) haben mit ihren Bildern die Ansicht des Appenzellerlandes in ästhetischer Sicht geprägt. Wer weitere Blickwinkel der beiden Appenzeller Maler finden will, erhält im Kunstmuseum Appenzell ein kleines Wanderset. Es führt Interessierte auf vier Routen zu den Standpunkten, von wo aus sie die Bilder gemalt haben. 

Nach so viel Kultur geht es für uns weiter. Abwärts. Und zwar heftig. Unser Weg führt über einen Felskamin, der mit Seilen versehen ist und netterweise «Zahme Gocht» heisst. Nicht auszudenken, wie es aussähe, würde die Stelle «Wilder Gocht» heissen. Der Ausdruck leitet sich vermutlich vom Ostschweizer Ausdruck für einen Durchgang oder Aufgang ab und bedeutet, dass dieser «gebändigt», also gezähmt ist. Andrea Meier wird es trotzdem «gschmuch» angesichts der Steilheit des Geländes, was im Film besonders gut zur Geltung kommt. Mit einer Portion Vorsicht und ohne Hektik überstehen wir diesen Abstieg letztlich unbeschadet und erreichen nach sieben Wanderstunden, verteilt auf die beiden Tage, die Talstation der Seilbahn auf den Hohen Kasten in Brülisau.

Wanderset Liner (Fr. 7.–/Ex.) erhältlich im Kunstmuseum Appenzell oder in der Kunsthalle Ziegelhütte.