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Wandern an schönster Lage

Wir befinden uns im Jahre 2019 n. Chr. Ganz Gallien, sogar der ganze Mittelmeerraum ist mit Olivenbäumen bewachsen ... Der ganze Mittelmeerraum? Nein! Ein von unbeugsamen Tessinern bevölkertes Dorf hört nicht auf, ebenfalls Oliven anzubauen.

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Andrea Meier
25. März 2019

Steckbrief

Monte Brè - Gandria - Castagnola

An-/Abreise: mit dem Zug und Bus bis Cassarate/Monte Brè, Standseilbahn nach Monte Brè. Zurück mit Bus und Zug.

Schwierigkeit: einfach
Technik: 2 von 5
Kondition: 1 von 5
Strecke: 6,4 km 
Aufstieg: 80 m
Abstieg: 680 m
Dauer: 2 Std.

Gandria TI, einst eine eigene Gemeinde und heute ein Stadtteil von Lugano, zählt knapp 300 Einwohner – und 200 Olivenbäume. Das ist erstaunlich, denn der einst als Schmugglerdorf bekannte Ort liegt nicht am Mittelmeer, sondern in den Voralpen, am Südhang des Monte Brè. Dass hier Oliven wachsen, habe die Gegend dem guten Mikroklima zu verdanken, erklärt Mario Piazzini (69). Er ist Vizepräsident des Vereins «Freunde des Olivenbaums» und stolz auf die Tessiner Oliven: «Dass so weit im Norden die Oliven gedeihen, ist eigentlich erstaunlich.» Im Sottoceneri fühlen sich die Bäume mit den Ölfrüchten offenbar wohl. «Sie mögen die heissen Sommer und die dank des Sees milden Winter», sagt Piazzini.

Da geht es Filmemacherin Andrea Meier (48) und mir gleich wie den Oliven: Auch wir mögen die milden Winter an den Voralpenseen des Tessins. Jetzt, im März und April, wenn in den Alpen noch viel Schnee liegt, ist es hier ideal zum Wandern. Der Wanderweg vom Monte Brè TI via Brè nach Gandria ist ein Klassiker der Tessiner Wanderwege und wie gemacht für eine Frühlingswanderung: Er ist leicht, führt bergab und ist in knapp eineinhalb Stunden zu bewältigen. Wir wandern im Laubwald. Durch die noch kahlen Äste von Ahorn, Buchen und Eichen wärmt die Frühlingssonne. Bis im Sommer haben die Bäume ihr Blätterwerk wiederaufgebaut. Auch dann wird der Wanderweg hier angenehm sein. 

Wer die sportlichere Variante vorzieht, kann in Gandria starten und auf den Monte Brè hinaufwandern. Doch irgendwie ist uns gemütlich zumute: Wir besteigen in Lugano die Funicolare auf den Monte Brè und lassen uns in wenigen Minuten rund 650 Höhenmeter hinauffahren. Von der Bergstation geht die Wanderung zuerst zum Ristorante Vetta Monte Brè. Ein kleiner Umweg, der sich lohnt. Die Aussicht hier ist traumhaft. Vor uns liegen die Stadt Lugano mit dem Monte San Salvatore und der ganze See. 

Begegnung mit der Kunst

In Brè, das eine lange Tradition als Künstlerdorf hat, treffen wir auf den Grafiker und Plastiker Marco Prati (63). «Ich kann mir zum Arbeiten keinen schöneren Ort vorstellen», sagt Prati, der in Brè aufgewachsen ist. Eines seiner Werke eröffnet am Dorfeingang den sogenannten Weg der Kunst, mit Werken einheimischer Plastiker. In Pratis Werken herrschen klare Formen und Schlichtheit vor. Es sei sein Ehrgeiz, zu vereinfachen, sagt Prati und spricht von einer «komplexen Einfachheit», die seine Werke auszeichnet: «Es ist nicht einfach, die Dinge einfach zu machen».

In Brè beginnt der steile Abstieg nach Gandria. Der Weg führt in Serpentinen durch die bewaldete Südflanke des Monte Brè. Nach einer Stunde erreichen wir Gandria. Mario Piazzini von den Freunden des Olivenbaums empfängt uns mit einer Flasche Olivenöl in der Hand. «Von Olivenöl soll man nicht sprechen, ohne zu wissen, wie es schmeckt», sagt er. Das ist eine Einladung zu einer Degustation. 

«Olivenöl verkostet man nicht wie Wein zuerst mit den Augen», erklärt Piazzini, «denn es gibt zu viele Möglichkeiten, dem Olivenöl durch irgendwelche Zugaben eine andere Optik zu geben.» Hingegen sind die Nase und vor allem der Gaumen wichtig. Mit dem ersten kleinen Schluck atmen wir viel Luft in die Mundhöhle, sodass ein leicht schlürfendes Geräusch nicht zu vermeiden ist. Macht aber nichts, unser Gastgeber, Mario Piazzini, schlürft auch. Das gehört offenbar dazu. Jetzt öffnen sich die Aromen. Im Gaumen macht sich ein leichter Bitterstoff breit, der im Abgang eine dezente Schärfe hinterlässt. Jetzt nur nicht den Mund verziehen oder husten, denn – erklärt Piazzini weiter – «das ist guuuut. Genauso muss Olivenöl sein».

Der Verein Freunde des Olivenbaums (AAO, associazione amici dell’olivo) engagiert sich für den Olivenanbau im ganzen Tessin. Die erst 20 Jahre alten Bäume in Gandria und entlang des Olivenwegs nach Castagnola haben letztes Jahr 80 Liter Olivenöl ergeben – nicht gerade viel. Das meiste kaufen die Freunde des Olivenbaums gleich selber. Ein Laden in Gandria bietet ein paar Flaschen zum Kauf an, den Viertelliter für 16 Franken. Ein Geschäft ist das Tessiner Olivenöl nicht, mehr ein Liebhaberprodukt. «Wir wollen damit vor allem die Tradition des Olivenanbaus im Tessin erhalten und natürlich die schönen Bäume», sagt Giandomenico Borelli (59). Der Agronom ist als Berater für die Olivenpflanzung und -pflege in Gandria tätig. In Zukunft werde mehr Olivenöl aus der Presse kommen, so Borelli. So richtig ertragreich sind Olivenbäume erst mit 35 bis 50 Jahren.

Von Gandria folgen wir dem Sentiero dell’Olivo weiter Richtung Castagnola TI. Der malerische Weg führt dem See entlang, immer mit Blick auf den San Salvatore. 18 Tafeln erzählen auf diesem Weg die Geschichte der Oliven und des Olivenanbaus im Tessin. 

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