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Wandern mit Wellness-Abschluss

Das Verzascatal, das Maggiatal, diese beiden Talschaften kennt man auch nördlich der Alpen gut. Das Onsernonetal jedoch steht ein wenig im Schatten seiner bekannten Nachbarn. Dabei ist es sooooo schön.

FOTOS
Andrea Meier; Karte Janina Noser
VIDEO
Andrea Meier
23. September 2019

STECKBRIEF

Alpe Saléi–Pilone–Spruga

An-/Abreise: Mit dem Postauto ab Locarno nach Vergeletto-Funivia Saléi. Zurück mit dem Postauto ab Spruga.
Schwierigkeit: mittel
Technik: * * * * *
Kondition: * * * * *
Höhenlage in m ü. M. 975/2190
Strecke: 13,3 km
Dauer: 4 Std. 40 Min.
Aufstieg: 600 m
Abstieg: 1250 m

Wild ist es, das Valle Onsernone, geografisch wild und emotional ruhig. Eine Oase des Friedens, nannte es der Taxifahrer, der uns vom hintersten Dorf nach Locarno TI fahren musste. Wir hatten den letzten Bus um 16.35 Uhr verpasst, weil ... nun ja, weil das Tal eben geografisch wild und unberechenbar ist. Den Spesenbeleg für die einstündige Taxifahrt hat die Buchhaltung akzeptiert, was zeigt: Die wissen, was es heisst, im Onsernonetal den letzten Bus zu verpassen.

Aber auch wenn Filmemacherin Andrea Meier (49) und ich die Taxifahrt selber hätten bezahlen müssen: Die Ausgabe hätte sich gelohnt, denn wir wissen nun, welche Route Sie, liebe Leserin, lieber Leser, im Onsernonetal NICHT nehmen sollten. Passiert ist uns das Malheur beim Abstieg vom Pilone zur Alp Pian Secco, von wo wir weiter zur Mini-Therme Bagni di Craveggia wollten. Der einfache – und im Nachhinein empfehlenswerte – Weg führt nach Spruga TI und von dort dem für den Verkehr gesperrten, asphaltierten Strässchen entlang weiter ins Tal hinein. Dort, wo das Strässchen in einen Pfad übergeht und man sich am Fluss Isorno wiederfindet, ist die Therme. Von Pian Secco kann man aber auch der Bergflanke entlang wandern und ganz hinten durch den Wald zur Thermalquelle absteigen. Doch das ist eine ganz schlechte Idee. Der Pfad wird immer unwegsamer und ist zum Schluss fast gar nicht mehr zu finden. Dank GPS-basierter Karte auf dem Smartphone sind wir am Ende den steilen Wald schnurgerade abgestiegen und sind, nach manchem Zurücksteigen und Umdrehen, schliesslich bei der Therme gelandet. Wanderzeit für dieses Teilstück: 2 ½ statt 1 ½ Stunden. Nachmachen ist nicht zu empfehlen! Was hingegen zu empfehlen ist, ist ein Besuch der kleinen Thermalquelle.

«Das Valle Onsernone ist eine Oase des Friedens.»

Luciano Piras (57), Taxifahrer Locarno

Malerische Kulisse der Mini-Therme

Schon die Querung des Isorno, barfuss und an einer der seichteren Stellen, ist ein Erlebnis. Das Wasser des Flusses, der hier noch ein Bach ist, ist so kalt, dass einem die Thermalquelle gleich warm vorkommt, obschon sie zwar mit konstanten, aber doch bescheidenen 28 Grad sprudelt bzw. tröpfelt. Die Therme selber befindet sich auf italienischem Boden. Ihren Betrieb nahm sie, so zeigt es eine eingravierte Zahl am Beckenrand, 1821 auf. Aber die Quelle soll schon im fünften Jahrhundert genutzt worden sein. Dem Wasser, das ein harmloses bisschen radioaktiv ist, wird seit jeher eine heilende Wirkung zugesprochen.

Baden mit Aussicht: Die Bagni di Craveggia, ganz hinten im Onsernonetal, auf italienischem Boden.

Das Dorf mit der Popcorn-Tradition

Doch zurück zum Beginn unserer Wanderung in Vergeletto TI, wo wir mit der Seilbahn zur Alp Saléi hinauffahren. Vergeletto ist übrigens das Dorf, in dem Ilario Garbani (59) sein Farina Bóna herstellt. Der frühere Primarlehrer hat die uralte Tradition des gerösteten Maismehls wieder zum Leben erweckt, denn viele Jahre war sie in Vergessenheit geraten. Ins Grab gestiegen mit Nunzia, der letzten Müllerin Vergelettos, die 1958 starb. Garbani stellt inzwischen rund zehn Tonnen Farina Bóna pro Jahr her, ein Mehl mit einem unvergleichlichen Popcorn-Geschmack. Im Tessin ist das Mehl in vielen Coop-Läden erhältlich, in der Deutschschweiz bekommt man es einer Polenta Onsernone beigemischt, die dadurch auch den typischen Popcorn-Geschmack erhält – ein Genuss nicht nur für Kinogänger. Und Garbani hat noch viele weitere Ideen für sein gutes Mehl.

Auf dem Gipfel des Grenzbergs

Die klassische Wanderung ab der Seilbahn ist die Route von der Alp Saléi zum Laghetto dei Saléi und weiter hinauf zum Pilone, einem 2192 Meter hohen Grenzgipfel zwischen der Schweiz und Italien. Von der Seilbahn weg sind rund 500 Höhenmeter zu bewältigen. Der Weg ist gut zu finden und führt über den Grat zum Gipfel. Dort überblickt man gegen Süden eine von Bergen eingerahmte wilde Landschaft.

Gipfel erreicht. Vom Pilone haben Wanderer einen fantastischen Rundblick.

Wer den Pilone besteigen will, kommt jedoch kurz vor dem Gipfel nicht um ein paar Kraxlereien herum. Schwindelfreiheit ist dabei ebenso von Vorteil wie Trittsicherheit. Wer das lieber anderen überlässt, der macht die kleine Wanderung zum bezaubernden Laghetto dei Saléi und kehrt auf dem Rückweg in der Alp Saléi ein. Oder er biegt vor dem Gipfelweg links ab Richtung Spruga und freut sich schon auf die Thermalquelle. Aber eben. Ab Pian Secco nicht den heiklen Weg nehmen, sondern nach Spruga absteigen. Dass sich die Quelle lohnt, zeigt der Film, den man mit dem QR-Code unten direkt aufrufen kann.

Das Mehl der Ahnen

Auf einer alten Kaffeeröstmaschine röstet Ilario Garbani (59) die Maiskörner. Der Röstvorgang dauert so lange, bis etwa ein Drittel der Maiskörner zu Popcorn aufpoppt. Dass nicht alle Körner aufpoppen, liegt an der Sorte, die keine typische Popcornsorte ist.

Die gerösteten Maiskörner bringt Garbani danach in die restaurierte alte Mühle zum Mahlen. Das Popcorn wird dabei mitgemahlen und gibt dem Mehl den typischen Popcorn-Geschmack. Der Mahlvorgang ist aufwendig. Die Menge

In dieser Mühle in Vergeletto TI (Bild links) mahlt Ilario Garbani (rechts) sein Farina Bóna. Zuvor wird es geröstet.

Ilario Garbani beim Mahlen seines Farina Bóna. Zuvor wird es geröstet.

der Körner, die Garbani in die Mahlsteine rieseln lässt, und der Druck der Mahlsteine bestimmen die Feinheit des Mehls. Nach dem Mahlen wird dieses durch ein Sieb gestrichen. Dann erst bekommt Garbani das fein gemahlene Mehl, das die Onsernoneser schon immer mochten und dem sie deshalb den Namen Farina Bóna gaben, das gute Mehl.

Angebaut wird der Mais heute nicht mehr im Onsernonetal. Er stammt zumeist aus der Magadinoebene.