X

Beliebte Themen

Wandern

Der Reiz des Weissen

Bis zu 65 000 Franken und 150 Kilogramm Sprengstoff wendet Hansruedi Tresch für den Unterhalt des Winterwanderwegs auf. Und das nur, damit wir zum Hotel Tiefenbach wandern können.

FOTOS
Andrea Meier
VIDEO
Andrea Meier
25. Februar 2019

STECKBRIEF

Realp–Hotel Tiefenbach–Realp

An-/Abreise: mit dem Zug bis Realp.
Schwierigkeit: einfach
Technik: 1 von 5
Kondition: 3 von 5
Strecke: 14 km (hin und zurück)

Aufstieg: 560 m
Abstieg: 560 m
Dauer Aufstieg: 2 Std. 15 Min.
Schlittenabfahrt: 30 Min.

Mit dem Schnee lebt Hotelier Hansruedi Tresch (52) vom Hotel Tiefenbach seit 13 Jahren – und auch mit seinen Gefahren. Das Präparieren des Weges von Realp UR zum Hotel kostet ihn jeden Winter viel Zeit und Geld: Treibstoff für das Pistenfahrzeug, Sprengstoff und ständige Kontrollen. Es ist so viel, dass sich der Betrieb des Hotels im Winter wirtschaftlich nicht wirklich lohnt. Tresch hält den Betrieb dennoch aufrecht: «Wenn ich das Hotel das ganze Jahr über offen halte, kann ich mein Personal behalten. Das ist mir wichtig.» Und so präpariert er den Weg nach Realp als Winterwander- und Schlittelweg.

Rund zweieinhalb Stunden Aufstieg stehen Filmemacherin Andrea Meier (48) und mir bevor, als wir am späten Vormittag in Realp aus dem Zug steigen. Der Ort ist in gleissendes Weiss gehüllt und die Sonne steht an einem stahl-blauen Himmel. Schöner kann Winter nicht sein. Der Winterwanderweg zum Hotel Tiefenbach ist konditionell nicht ohne: Man bewältigt über 500 Höhenmeter. Immerhin: Oben locken Mietschlitten und Fat-Trottinett, mit denen man die sieben Kilometer lange Strecke wieder hinunterschlitteln beziehungsweise -fahren kann.

Sonne, Schnee und ein gepflegter Wanderweg: Redaktor Thomas Compagno und Filmemacherin Andrea Meier auf der Furkapassstrasse.

Keine Autos stören auf der Strasse

In Realp stossen wir nach wenigen Metern schon auf die für den Verkehr gesperrte Furkapassstrasse. Kein Auto wird uns in den nächsten Stunden begegnen, nur Wanderer, Skifahrer oder Ausflügler auf Schlitten. Die Gegend ist beliebt für Wanderungen, zum Schneeschuhlaufen und für Skitouren. Wir bleiben auf der als Wanderweg präparierten Passstrasse und marschieren aufwärts. Vor uns präsentiert sich ein Panorama, das seinesgleichen sucht: die Landschaft des Urserentals mit dem Reuss-Quellgebiet. Nach etwa eineinhalb Kilometern erreichen wir die erste Haarnadelkurve, die sogenannte James-Bond-Kurve. Sie wurde in den 60er-Jahren zur Filmberühmtheit, als sich James Bond, Bösewicht Goldfinger und Bond-Girl Tilly im Bond-Film «Goldfinger» eine wilde Verfolgungsjagd lieferten.

Diese und viele weitere Geschichten kennt Bänz Simmen (54), Cafébetreiber in Andermatt UR, Snowboard-Lehrer und Local Guide im Urserental. Simmen kontrolliert an diesem Tag gerade seinen James-Bond-Trail, den er für die Schneeschuh-Läufer markiert hat. Er ist einer der wenigen, die das Thema James Bond touristisch ausnutzen: «2014 versuchten wir sogar, Sean Connery nach Andermatt zu bringen zum 50. Geburtstag von Goldfinger», erzählt Simmen. Doch der schottische Schauspieler sei nicht zu überzeugen gewesen. Aber vielleicht hatte er auch einfach Angst, sich zu verfahren, denn die geografische Abfolge der Orte auf der Furkastrasse stimmt im Film überhaupt nicht. Weil die Dreharbeiten Anfang der 60er-Jahre mitten im Kalten Krieg und im Reduit der Schweizer Armee erfolgten, mussten die Macher des Films die ganze Geografie vertuschen, erklärt Simmen. Im Film sieht das dann so aus: «Kurz nachdem Bond mit seinem Aston Martin Realp verlassen hat, befindet er sich laut seinem Navigationsgerät in einem Vorort vor Genf.» Apropos Navi: Das war eines der witzigen und für die damalige Zeit unrealistischen Gadgets, die Bond nutzen durfte.

Malerisches Realp. Am Dorfausgang beginnt die Passstrasse.

Dann halt über den Umweg

Die nächste Überraschung erwartet uns gut einen Kilometer vor dem Hotel Tiefenbach. Dort, wo der Weg flacher wird, ist ein Seil über den Weg gepannt: Wegen Lawinengefahr gesperrt! Später im Hotel wird uns Wirt Hansruedi Tresch erklären, dass die Temperaturen gestiegen seien und er den Weg sicherheitshalber sperren musste. Gleitschneelawinen seien im Moment eine grosse Gefahr. Weil der Boden nach dem heissen Sommer und dem schönen Herbst zu wenig tief gefrieren konnte, kommt jetzt die Wärme nach oben. Das führt dazu, dass an einzelnen Stellen die ganze Schneedecke abrutscht. Das Hotel ist in solchen Fällen noch immer zu erreichen, aber der Umweg führt oberhalb der betroffenen Passage durch. Drei zusätzliche Kilometer und 200 Höhenmeter muss man dafür in Kauf nehmen.

Wir haben jedoch Glück: Tamàs Mihàly (34) vom Hotel Tiefenbach holt uns mit dem Snowmobil ab – ein Service, den das Hotel ab Realp oder auch nur für Teilstücke anbietet. Der komplette Weg von Realp zum Hotel kostet für fünf Personen zum Beispiel 60 Franken.

Nach einem Kaffee und einem hausgemachten Nussgipfel treten wir den Rückweg an. Vor dem Hotel werfen wir einen letzten Blick auf die Bergwelt mit den teilweise bis 3600 Meter hohen Gipfeln der Urner Alpen. Unten im Talboden erkennt man einen Viadukt der Furka-Panoramabahnlinie, die im Winter ebenfalls eingestellt ist. Statt zu Fuss geht es nun mit dem Mietschlitten und wesentlich rasanter hinab Richtung Realp – wie einst James Bond. 

Mit einem Klick auf die Karte gelangen Sie zur Route der Wanderung: