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Anic Lautenschlager: Das will ich machen

Persönlich. DRS-Virus-Moderatorin Anic Lautenschlager über ihr Engagement für Jeder Rappen zählt, den Krieg in Kolumbien und die Box auf dem Bundesplatz.

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Tina Steinauer
30. November 2010

Impressionen aus Kolumbien

Impressionen aus Kolumbien

Coopzeitung: Sie kommen aus Kolumbien zurück und haben dort Hilfsprojekte besucht, welche mit Geldern der Glückskette unterstützt werden. Was sind Ihre Eindrücke?

Anic Lautenschlager: Ich bin glücklicherweise ein pragmatischer Mensch, der nicht sehr nahe am Wasser gebaut hat. Angesichts von Kindern auf der Flucht oder von Müttern, die ihre Kinder im Krieg verloren haben, könnte ich sonst nur noch weinen.

Was ist denn der Grund für den Krieg?
Vor über 40 Jahren brach der Konflikt aus politischen Gründen aus und immer mehr Parteien kämpften um die Vorherrschaft. Mittlerweile geht es oft nur noch um Macht, um Drogen und um Geld. Ein Ende ist nicht absehbar. Und jene, die am meisten darunter leiden sind die Kinder. Sie haben kaum noch Perspektiven. Zum zweiten Mal führen nun DRS 3,SF und die Glückskette die Aktion Jeder Rappen zählt (JRZ) durch. Der Erlös kommt diesmal kriegsgeschädigten Kindern zugute.

Haben Medien eine besondere Verpflichtung, Benachteiligten zu helfen?
Es ist ein Anliegen von SF und DRS 3, auf ein sogenanntes vergessenes Problem aufmerksam zu machen. Auf Tragödien, die sich abseits der medialen Aufmerksamkeit abspielen. Für solche Spendenziele zu sammeln, ist normalerweise sehr schwierig. Gerade deshalb wollen wir für eine Woche das Hauptaugenmerk auf ein Thema setzen, das normalerweise nicht in den Schlagzeilen ist.

Zugleich aber profitieren die Medien auch vom Elend anderer: Sie machen es zum Event. Darf man das?
Wir haben die Möglichkeit, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln die Bevölkerung umfassend zu informieren. Mit der Glasbox und der 24-Stunden-Übertragung können wir die Menschen auf ein bestimmtes Problem aufmerksam machen und den Hilfsbedürftigen mit dem gesammelten Geld eine Perspektive geben.

DRS Virus ist primär ein Musiksender. Hat Musik die Kraft, etwas zu verändern?
Jein. Ein Bewaffneter in Kolumbien oder anderswo wird nicht sein Maschinengewehr zur Seite legen, nur weil er ein bestimmtes Lied hört. Doch Musik beeinflusst Gefühle, Musiker können mit ihren Songs Botschaften transportieren.

Nun gehen Sie also in den Glaskasten auf dem Bundesplatz. Wie viel Masochismus und/oder wie viel Exhibitionismus ist dafür nötig?
Also masochistisch bin ich ganz sicher nicht veranlagt. Exhibitionismus? Nein, auch nicht wirklich. Aber ein Stück Egoismus ist dabei. Schon als ich letztes Jahr vor der Glasbox in Bern stand, wusste ich: Das will ich auch machen!

Und warum?
Neben dem Engagement für Kinder in Kriegs- und Konfliktgebieten ist es für mich ein Selbstversuch: Wie halte ich die Woche durch, ohne richtig zu essen, mit wenig Schlaf, mit den Besuchern und Zuschauern, die mich in der Glasbox rund um die Uhr beobachten können?

Was genau ist die Funktion des Teams in der Glasbox?
Wir sind das Bindeglied zwischen der Glückskette und den Menschen draussen in der ganzen Schweiz. Wir wollen so viele dieser Menschen wie möglich erreichen. Sie sollen dranbleiben, sich für das Thema und die Betroffenen in den Kriegsgebieten interessieren. Dann haben wir schon einiges erreicht. Noch besser ist es, wenn die Menschen spenden. Und eigene Aktionen aus der Bevölkerung freuen uns natürlich besonders.

Welche Projekte haben Sie in Kolumbien besucht?
Zum einen Projekte, die die Lebensqualität der Menschen in den Konfliktgebieten auf dem Land verbessern. Zum anderen Schulprogram-me in den Elendsvierteln der Hauptstadt Bogotá, wo viele Flüchtlingskinder leben.

Warum sind Schulprogramme so wichtig?
Wer zur Schule geht, einen Beruf erlernt oder studiert, hat eine Alternative zu Militär, Guerilla oder Milizen und kann eher aus dem Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt ausbrechen.

Im letzten Jahr kamen über 9 Millionen Franken zusammen. Sind Sie sicher, dass das Geld auch richtig und gerecht verwendet wird?
Ja absolut. Die Glückskette arbeitet mit erfahrenen Schweizer Hilfswerken zusammen. Das Geld wird nicht einfach verteilt, sondern für Projekte gesprochen, die von Experten geprüft werden. Die Glückskette kontrolliert dann die Fortschritte und erst, wenn das Projekt erfolgreich abgeschlossen ist, wird der ganze Betrag ausbezahlt.