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Hansjörg Schertenleib: Wir hatten noch Feindbilder

Persönlich. Hansjörg Schertenleib hat einen Roman über die Freundschaft von zwei 17-jährigen Jungen geschrieben und lässt die 70er-Jahre wieder erstehen.

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Christian Lanz
05. Oktober 2010

Coopzeitung: Ihr Buch spielt in den 70er-Jahren. Es war sehr eng damals. Wie viel der Enge lag an der Zeit, wie viel an der Schweiz?
Hansjörg Schertenleib: Ich habe Zürich oder die 70er- Jahre eigentlich nicht als eng erlebt. Wenn es eng war, dann habe ich die Ursache eher bei mir selbst gesucht. Übrigens habe ich Zürich auch nicht als spiessig erlebt. Ich bin mir höchstens selber spiessig vorgekommen.

Sie selbst sind 1996 nach Irland geflüchtet und leben heute im County Donegal in Irland. Hat Sie das befreit?
Ich habe mich lange gegen den Ausdruck geflüchtet gewehrt. Man entzieht sich als Schriftsteller der Verantwortung, teilzunehmen. Ich habe die Reibung mit der Schweiz als langweilig empfunden und sie hat mich gestört. Ein guter Freund warf mir damals vor, dass ich mich im Wandschrank Irland verstecken würde.

Na und?
In diesem Wandschrank habe ich zumindest die Ruhe, mich ganz auf meine Arbeit konzentrieren zu können.

Einer der Schlüsselsätze in Ihrem Buch lautet: Ich wartete darauf, endlich erwachsen zu werden, ich Idiot.
Es ist eine der zentralen Erinnerungen an die Jugend: Dass ich wollte, dass sie so schnell wie möglich vorbei geht. Man begreift erst später, dass das ein Fehler ist. Es ist ja bei vielen Menschen so, dass sie mit Wehmut ins verlorene Paradies der Kindheit zurückblicken. Die Wehmut hat auch mit der Ungeduld zu tun, weil man es nicht besser weiss. Vielleicht ist es ja mit jeder Lebensphase so und ich begreife erst mit 70, wie toll es war, 50 zu sein.

Sie schreiben vom schalen Gefühl, auf etwas Unbestimmtes zu warten ...
Das ist sehr typisch für die Jugend. Man weiss nicht genau, was einen erwartet, man weiss nur, dass etwas kommt. Und man geht davon aus, dass es viel aufregender ist als das, was man gerade erlebt.

Die Fantasie hatte nur die Kraft, eine Unzufriedenheit in mich zu pflanzen, die ich noch nicht nutzen konnte.
Das ist ein direkter, biografischer Hinweis. Heute kann ich die Fantasie nutzen, indem ich sie einsetze, die Welt zumindest zwischen zwei Buchdeckeln so zu verändern, wie ich das möchte. Damals war das anders. Ich spürte eine Kraft in mir, die nach aussen drängte, die ich aber nicht einsetzen konnte. Dadurch wurde sie störend.

Boyroth, der Freund im Buch, ist verehrtes Vorbild, Blutsbruder und Verführer zugleich. Hatten Sie selbst so einen Freund?
Ja, Boyroth hat es gegeben. Die Geschichte ist autobiografisch, sie ist in weiten Teilen so passiert. Ich wusste damals schon, dass ich die Geschichte irgendwann erzählen muss, aber ich brauchte 30 Jahre, um sie aufschreiben zu können.

Den tragischen Motorradunfall, auf den das Buch zusteuert, den hat es also tatsächlich gegeben?
Den hat es gegeben. Damals gab das einen rechten Wirbel. Mein damaliger Freund Boyroth hat die Tragödie nicht verarbeitet: Er hat sich danach zu Tode gesoffen.

Sie haben 30 Jahre Distanz benötigt, um das Geschehen zu beschreiben?
Nicht 30 Jahre Distanz, sondern 30 Jahre Zeit. Die Geschichte geht mir zu nahe, als dass sie verschwinden konnte, das ahnte ich immer. Aber es brauchte Zeit, um sie zu verarbeiten und um sie niederzuschreiben.

Die Erinnerungen an frisierte Töffli, das erste Open Air, an die Musik und den ersten Joint da ist auch viel Nostalgie dabei.
Die Nostalgie hat mehr damit zu tun, dass die Geschichte beim Leser nostalgische Erinnerungen weckt. Im Text selbst steckt kaum Nostalgie. Es werden auch die Dinge nicht verschwiegen, die nicht schön sind. Die Lebensphase der Jugend ist ja unglaublich aufgeladen. Mit Sexualität, der Unruhe und dem unbändigen Wunsch, jemand zu werden, jemand zu sein. Es war mir wichtig, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen den schönen Erinnerungen und der Schrecklichkeit der Jugend.

Die schreckliche Einsamkeit angesichts von Rudi Carrell
Genau. Man fühlt sich nirgends einsamer als am Samstagabend, wenn man gemeinsam mit den Eltern und der jüngeren Schwester Rudi Carrell schauen muss.

Wie nehmen Sie heute die Schweiz, Zürich, hier Albisrieden, wahr?
Der Blick ist ein interessierter, mit sehr viel Nachsicht. Dass ich ausgewandert bin, hat dafür gesorgt, dass ich sanfter bin mit der Schweiz. Dafür habe ich mit Irland weniger Nachsicht. Dort schaue ich heute sehr viel kritischer hin.

Haben es die 17-Jährigen heute einfacher?
Ich glaube, sie haben es schwerer. Die Eltern und Lehrer haben, als ich 17 war, wirklich auf der anderen Seite gestanden. Von was, konnte ich damals nicht genau sagen. Sie haben die Welt anders gesehen, haben andere Musik gehört und andere Bücher gelesen. Dieser Graben ist heute weg. Die Eltern und Lehrer hören dieselbe Musik und wollen die besten Freunde der Jugendlichen sein. Ich glaube nicht, dass das für die Jugendlichen gut ist, weil es die eigene Identitätsfindung enorm erschwert. Wir hatten damals Feindbilder, und das ist nicht schlecht, weil man sich an ihnen abarbeiten kann und sich dadurch selber definiert. Man steht dadurch unter dem Zwang, etwas zu werden. Mit der heutigen Freiheit muss man erst mal umgehen können.