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Marco Bligg Bliggensdorfer: Tolpatschig wie Spiderman

Persönlich. Marco Bligg Bliggensdorfer ist stolz auf seine Männlichkeit und macht dies zumThema seines neuen Albums Bart aber herzlich.

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Christian Lanz, Keystone
18. Oktober 2010

Coopzeitung: Als ich Ihr Lied Annie May hörte, erinnerte es mich sofort an Steve Lees Schicksal. Wie ist es Ihnen ergangen?

Bligg: Ich war sehr betroffen, als sich die Nachricht von seinem Tod verbreitete, und dachte auch gleich an meinen Song über eine junge Frau, die wegen eines betrunkenen Autofahrers ums Leben kommt. Bevor wir ihn abends an unserem Showcase in Bern spielten, legten wir eine Schweigeminute ein um Steve Lee als Person und Musiker Respekt zu zollen.

Was hat Sie zu diesem Lied inspiriert?
Das Thema Alkohol am Steuer ist mir wichtig, weil ich deswegen selbst schon mit dem Gesetz in Konflikt gekommen bin. Zuerst nervte mich, dass ich meinen Führerschein abgeben musste, aber als ich darüber nachdachte, was man in diesem Zustand anrichten kann, fand ich es richtig, dass mir der Ausweisentzug wehtat.

Sie selber setzen den Tod in Ihrem Song Rendez-vous mit einem rechten Haken ausser Gefecht.
Ich sage ja auch, dass Popstars nicht vor dem Tod gefeit sind. Aber ich habe einfach noch keine Zeit für den Sensenmann, weil ich noch so viel erledigen will! Das ist schwarzer Humor, aber den kann ich mir erlauben, da ich mich schon öfter ernsthaft mit unserer Endlichkeit auseinandergesetzt habe, etwa auf der letzten CD in 1 Tag, das davon handelt, was ich tun würde, wenn ich noch einen Tag zu leben hätte.

Hat Ihr sensationeller Erfolg mit dem Album 0816 Ihr Leben verändert?
Nein. Gut, wirtschaftlich kann ich mir das eine oder andere leisten, was in den zehn Jahren davor nicht drin lag, als ich mit 2000 Franken im Monat auskommen und jeden Rappen umdrehen musste. Den Grossteil meines Verdienstes habe ich jetzt gleich wieder in die Platten- und Bühnenproduktion investiert, weil die Musik für mich das Wichtigste ist.

Das entspricht nicht dem Rapper-Klischee, das Ihre amerikanischen Kollegen geprägt haben.
Das ganze Star-Getue wird in meinen Augen total übertrieben. Ich habe Legändä & Heldä ursprünglich auch nicht fürs Schwingfest geschrieben, sondern als Hymne auf die Helden des Alltags: alleinerziehende Mütter, die zwei Jobs haben, um ihre Kinder zu ernähren, Arbeiter, die neun Stunden pro Tag in den Stollen gehen und sich Konzertkarten trotzdem vom Mund absparen müssen, oder Chirurgen, die Menschenleben retten.

Und Sie selber, sind Sie auch ein Held?
Ich bin da, um Leute zu unterhalten, aber ich bin nichts Besseres. Ein ganz normaler Mensch mit Emotionen, der verletzlich ist und sein Altglas entsorgt. Im Album-Opener Exklusiv Introview fragt mich Rapper Samurai, welche Comicfigur mir am ehesten entspricht. Meine Antwort lautet Peter Parker alias Spiderman, weil der von der Masse als Held gefeiert wird, privat jedoch eher tollpatschig ist.

Inwiefern?
Ich bin sehr vergesslich. Ich weiss nicht, ob das ein Konstruktionsfehler ist oder ob es daran liegt, dass auf meiner Harddisk schon extrem viele Sachen abgespeichert sind. Obwohl es ja technische Hilfsmittel gäbe, verpasse ich Termine, vergesse Geburtstage oder stehe mit der Kollegin in der Videothek und suche einen Film aus, den wir uns schon vor zwei Monaten zusammen angesehen haben!

Haben Sie in den zwei Jahren seit 0816 auch vergessen, Ihren Dreitagebart zu stutzen?
Die Vermutung liegt nahe, aber der Urschweizer Sennenbart ist natürlich eine Visualisierung des Titels meines neuen Albums Bart aber herzlich. Das ist ein an die 80er-Jahre-Fernseh-serie Hart aber herzlich angelehntes Wortspiel, das ich gewählt habe, weil es meinen Charakter ziemlich auf den Punkt bringt.

Weshalb tragen Sie noch immer einen Bart, wo sich doch heute selbst Männer ihre gesamte Körperbehaarung entfernen lassen?
Ich komme aus dem Hip-Hop, in dem man grossen Wert auf seine Männlichkeit legt. Ich bin aber nicht der Typ, der dies in Videoclips mit halbnackten Frauen und fetten Autos dokumentiert, ich zeige dies viel lieber mit einem Bart. Ich finde das sympathischer. Überhaupt sollten Frauen Frauen und Männer Männer bleiben. Es hat schon seine Richtigkeit, wenn wir unsere Brusthaare wachsen lassen und Frauen den Babys die Brust geben und nicht umgekehrt!

Apropos Frauen: Mit Romeo und Julia gibt es auf der Platte eine augenzwinkernde Paar-Hymne. Haben Sie Ihre Julia gefunden?
Nein, noch nicht. Ich werde nun zuerst einmal Vater eines Kindes und das heisst Bart aber herzlich. Ich war mit ihm ein Jahr schwanger und freue mich, dass es jetzt endlich auf die Welt kommt!