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Ruedi Küng: Gibt es Afrika?

Ruedi Küng hat jahrelang für Radio DRS über Afrika berichtet. Er interessiert sich vor allem für die Menschen hinter den Schlagzeilen.

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Christian Lanz
14. September 2011

Coopzeitung: Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Afrika was fasziniert Sie am Schwarzen Kontinent?
Ruedi Küng:
Vorab: Ich habe mir Afrika nicht ausgewählt. Ich bin vor vielen Jahren vom IKRK nach Afrika geschickt worden. Das war ein Zufall. Aber das hat etwas ausgelöst. Afrika ist immer wieder neu erklärungsbedürftig. Wenn ich nicht in Afrika bin, habe ich immer wieder das Gefühl, dass ich eigentlich gar nichts davon verstehe. Das hält mich auf Trab. Die Faszination hat auch damit zu tun, dass wir hier im Westen ein kompliziertes Leben führen. In Afrika ist es mir immer wieder möglich, Menschen auf eine einfache Art zu begegnen.

Afrika das sind über 50 Länder, 2000 Sprachen, ein halbes Dutzend Religionen. Gibt es überhaupt Gemeinsamkeiten?
Das ist eine schwierige Frage. Ein Amhare im äthiopischen Hochland und ein Dinka im Südsudan haben wenig gemein. Die Gegensätze sind riesig, schon durch die Geschichte des Kontinents. Aber: Afrika sucht die Einheit. Ich konnte einmal Nelson Mandela interviewen und habe ihn gefragt: Gibt es Afrika? Er konnte mit der Frage überhaupt nichts anfangen. Denn entscheidend ist für ihn nicht, dass es Verschiedenheiten gibt. Entscheidend ist, dass Afrika den Willen hat, eine Einheit zu sein oder zu werden.

Die Afrika-Berichterstattung beschränkt sich im Moment auf Schlagzeilen über die Ereignisse in Libyen, Ägypten und Marokko.
Das ist etwas, was mich sehr stark beschäftigt und war auch mit ein Grund, aus dem Tagesjournalismus auszusteigen. Der Kampf um Aufmerksamkeit in unseren Medien hat sich zugespitzt. Es sind Grossereignisse, die Aufmerksamkeit holen. Für das Unspektakuläre hat es keinen Platz mehr. Für den, der etwas mehr weiss, ist es frustrierend, wenn Afrika auf die immer gleichen Stereotype reduziert wird.

Zum Beispiel?
Wenn ich Ihnen sage, dass südlich der Sahara zwei Länder in den letzten 18 Monaten einen erstaunlichen Demokratisierungsprozess durchgemacht haben, haben Sie vermutlich keine Ahnung, welche das sind.

Keine Ahnung. Welche?
Zunächst Guinea-Conakry. Es hat die grössten Bauxit-Vorräte der Welt. Da ist im Moment ein Rennen nach den Ressourcen im Gang zwischen Russen, Chinesenund Franzosen. Das Land hat seit 1960 unter einer schlimmen Diktatur gelitten. Nach langen, zum Teil gewaltsamen Auseinandersetzungen konnte das Land die Diktatur abstreifen. Jetzt hat Guinea zum ersten Mal eine demokratische Wahl durchgeführt, der Oppositionskandidat ist gewählt worden, und der versucht jetzt, das Land voranzubringen. Das zweite Land ist Niger, der viertgrösste Uran-Produzent der Welt. Alle französischen AKWs arbeiten mit Uran aus Niger, und Niger ist immer noch eines der ärmsten Länder der Welt. Auch da gibt es Demokratisierung aber lassen wir das.

Sie haben Bauxit und Uran angesprochen. Welche Rolle spielen Rohstoffe in Afrika?
Das Drama von Afrika ist, dass die riesigen Reichtümer, die im Boden stecken, ohne eigene Wertschöpfung ausgebeutet und exportiert werden. Das ist das Grundproblem der afrikanischen Wirtschaft.

Hat Afrika deshalb so viel Mühe mit der Demokratie?
Es ist ein wichtiger Faktor. Die Industriestaaten haben vor allem wirtschaftliche Interessen. Die Wirtschaft des Nordens hat Interesse an den Ressourcen, nicht an der Demokratisierung. Man arbeitet einfach mit dem zusammen, der die Macht hat, egal, ob es ein gewählter Präsident oder ein Warlord ist.

Was hat sich in Afrika in den letzten Jahren am stärksten verändert?
Afrika ist der jüngste Kontinent. Die Hälfte der über eine Milliarde Menschen ist 19 Jahre alt oder jünger. Ich möchte zwei Veränderungen herauspicken. Die erste ist die Verstädterung. Es findet eine unwahrscheinlich starke Migration vom Land in die Städte statt. Das ist übrigens der erste Schritt der Gesamtmigration. Die zweite ist das Handy. Das Handy zum Telefonieren und SMS verschicken und in Südafrika und Kenia für einfache Bankgeschäfte. Das hat revolutionäre Folgen. Kommunikation hat ohnehin einen hohen Stellenwert in Afrika das Handy potenziert die Möglichkeiten. Beide Veränderungen haben auch ein Abwenden der Jungen von den Alten, von den Traditionen zur Folge.

Wenn Sie sich jetzt ein Ticket wünschen könnten in welches Land würden Sie fliegen?
Mein Lieblingsland ist der Sudan. Die nordsudanesischen Menschen faszinieren mich. Es ist ein Schmelztiegel von afrikanischer und arabischer Kultur, es ist, wie wenn Sie das Beste aus beiden Kulturen herausgeholt hätten. Da fühle ich mich sehr wohl. Schattenseite: das schlimme Regime. Wenn ich ein Ticket ganz frei wählen dürfte, dann würde ich nach Madagaskar fliegen, weil ich noch nie in Madagaskar war. Das wäre ganz wunderbar.

10 gute Informationsquellen über Afrika, die mehr bieten als das tägliche Kurzfutter.

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