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Herbert Grönemeyer: Das Private ist ein enormer Wert

Mit seinen Liedern hat er Millionen von Menschen bewegt. Als Lebenselixier half ihm die Musik auch, tiefe Trauer zu überwinden.

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Ali Kepenek, zVg
17. November 2014
Herbert Grönemeyer ein nachdenklicher Optimist.

Herbert Grönemeyer ein nachdenklicher Optimist.


Interview

Er ist Deutschlands grösster Popstar, sammelt Oldtimer und gibt Interviews zu seiner neuen CD Dauernd jetzt in einem Zürcher Nobelhotel. Doch im Grunde seines Herzens ist Herbert Grönemeyer auch mit 58 noch der Junge aus dem Ruhrpott: Er singt euphorische Lieder über WM-Helden und seine neue Liebe und kann im Gespräch herzlich lachen.

Wie kommt es, dass Sie auf der neuen CD vom unbeschwerten Abheben singen?
Obwohl man mich eher zu den Grüblern der Nation zählt, bin ich ein sehr optimistischer Zeitgenosse. Und das hat sich noch verstärkt, seit ich in London lebe. Während grosser Konflikte erlebte ich, dass die Engländer sagten: Heute ist ein Tag, an dem ich mal nicht betroffen bin, vielleicht morgen wieder. Das finde ich einen tollen Ansatz, den wir Deutsche nicht und die Schweizer wahrscheinlich auch weniger kennen. Wir grübeln immer über irgendetwas nach, sind betroffen oder besorgt. Und wenn wirs nicht sind, haben wir ein schlechtes Gewissen...

Half Ihnen dieses Naturell auch in den schwersten Stunden Ihres Lebens?
Ich habe meinen Freund und musikalischen Partner Alex Silva einmal gefragt, wie ich mich verhalten habe, als die Katastrophe (Tod der Ehefrau und des Bruders, Anm. d. Verf.) über mich hereinbrach. Er anwortete: Das Irre war, dass du uns damals mehr aufgerichtet hast als wir dich! Ich glaube, dass es einen für den Notfall stärkt, wenn du mit der Familie oder Freunden auch einmal völlig albern durch den Tag segeln kannst.

Was von dem, was Sie in Wunderbare Leere beschreiben, tun Sie tatsächlich?
Sie meinen Bungee-Springen oder Motorradfahren? (lacht) Nein! Mein Segeln ist, dass ich Musik machen kann. Das bringt Körper und Seele extrem in Bewegung. Und es macht tierisch Laune!

Haben Sie heute Morgen schon geduscht?
Ja, warum?

Sie sagten einmal, Klavierspielen sei für Sie wie Duschen ...
(lacht) Ja, ich habe das immer gemacht wie Duschen, Frühstücken oder Zeitunglesen und nie als Beruf empfunden. Dass es sich dann plötzlich zu meiner Haupttätigkeit entwickelt hat, ist wunderschön, aber ich sehe das trotzdem noch immer nicht als Arbeit. Es ist einfach Glück.

Was ist anders, wenn Sie zuhause für sich spielen oder in einem Stadion?
Das sind zwei völlig verschiedene Dinge: Wenn ich allein bin, kann ich ungeheuer versinken, mich anderthalb Stunden verlieren. Das hat etwas fast Meditatives - oder ich kann dabei richtig Dampf ablassen. Dann singe ich auch wirklich extrem lauthals. Vor Publikum ist es eher der Adrenalinkick oder Euphorierausch durch die Zuneigung, der einen fliegen lässt.

Klavierspielen gehört für ihn zum Alltag wie Duschen, Frühstücken oder Zeitunglesen.

Ihre Liedtexte entstehen wohl nicht so spontan. Oder sind das Geistesblitze?
Das gibt es auch, aber meist schreibe ich zunächst gegen eine grosse weisse Wand an. Wenn ich Texte zu meiner Musik finden muss, versenke ich mich in Sprache, lese wie ein Berserker alles, was ich in die Hände bekomme Zeitungen, Gedichte, Romane und schreibe wild drauflos. Erste Bananentexte dienen vor allem dazu, die richtige Silbenzahl zu finden. Kommen dann nach und nach vernünftige Sätze heraus, beginnt die Sache langsam Spass zu machen.

Wenden Sie besondere Kniffe an?
Ich bediene mich einer langen Liste von Worten, die ich mir notiert habe, weil sie ein Lied durch ihre Schönheit oder Sprengkraft vorantreiben können. Bei diesem Jonglieren mit Worten bin ich aber trotz mehr als 30 Jahren Erfahrung immer noch nervös: Ich weiss, dass es tolle Texte gibt, die sich später leider als nicht singbar erweisen.

Was waren Ihre Themen für die neue CD?
Auf Dauernd jetzt gibt es zwei Texte über das für mich größte Thema zur Zeit: Flüchtlinge, die ihr Überleben suchen. Anderseits schreibe ich von der euphorischen Situation, in einer sehr glücklichen Beziehung zu leben. Das ist Liedern wie Morgen, Fang mich an und Ich liebe mich durch zu dir anzuhören, obwohl sie stilisiert sind.

Eigentlich wollte ich ja Fussballer werden»

Sein Traumauto: Ein Mercedes 300 SL Roadster.

Bei Der Löw liessen Sie sich von der WM-Euphorie in Deutschland mitreissen?
Absolut. Die erste Fassung schrieb ich nach dem unfassbaren Brasilien-Spiel. Fussball war schon immer eine grosse Leidenschaft von mir. Eigentlich wollte ich ja Fussballer oder Gebrauchtwagenhändler werden. Das Wachsen dieser Mannschaft habe ich seit dem Sommermärchen 2006 genau verfolgt. Irgendwie sind mir Spieler wie Klose, Schweinsteiger, Podolski und Lahm ans Herz gewachsen. Und Herrn Löw mag ich besonders gern, weil er so etwas Feines, Kluges und Dezentes hat. Wie der Hitzfeld spielt er sich nicht auf, sondern lässt spielen.

Unser Land thematisiert die Heimatliebe, obwohl Sie in England leben?
25 Jahre nach dem Mauerfall muss es möglich sein, dass man Deutschland liebt. Denn erst, wenn man es mag, übernimmt man Verantwortung und kümmert sich auch. Und das ist wichtig: Obwohl es uns im Vergleich zum übrigen Europa wirtschaftlich gut geht, gibt es ein grosses Alters- und Kinderarmutsproblem sowie eine weit offene Schere zwischen Arm und Reich. Darin liegt grosser sozialer Sprengstoff. Den gilt es in allen Ländern Europas zu entschärfen, damit den europafeindlichen Rechtsaussenparteien die Munition genommen wird, denn es gibt keine Alternative zu einer solidarischen Staatengemeinschaft.

In Uniform warnen Sie eindringlich vor dem gläsernen Menschen warum?
Wenn wir alles von uns preisgeben, um ständig im Internet präsent zu sein, verlieren wir unser Geheimnis. Ich will weder von meiner Freundin noch von meinen Freunden alles wissen. Ich liebe sie, weil sie einen Mythos haben. Wir müssen lernen, die Bedeutung des Internets zu relativieren und damit verantwortungsbewusster umzugehen. Sonst wird sich unser Denken weiter verändern. Schon heute würde die Fichenaffäre, die ihr in der Schweiz hattet, wohl nur ein Schulterzucken auslösen: Wo liegt das Problem? Schickt mir doch meine Akte, dann ergänze ich die Informationen, die euch noch fehlen! (lacht)

Für einen Star ist es noch schwieriger, die Privatsphäre zu wahren. War London der einzige Ausweg?
Ja, meine Frau hatte Angst, dass Ihre Krankheit publik wird. Sie wollte aber schon früher dorthin als Hamburgerin hatte sie eine spezielle Affinität zu England. Mir ermöglicht es bis heute, dass ich mit einer neuen Platte rausgehen, Persönliches erzählen und dann ruhen lassen kann. Ich richte mir meinen Garten wieder ein und kann Luft holen. Das Private ist ein enormer Wert, den man nicht freiwillig preisgeben sollte.

Herbert Grönemeyer mag Autos

Alfa fahren hat etwas von Eis essen.

Ich bin ein grosser Autofan und habe auch einige keine Riesensammlung, aber schon 15 bis 20 Autos. Und ich wollte immer Fussballer oder Gebrauchtwagenhändler werden. Ich kannte früher im Ruhrgebiet fast jeden Gebrauchtwagenhändler, denn ich habe oft meine Autos gewechselt. Im Netz lese ich zwar Zeitungen, aber im Grunde gehe ich fast nur auf Autoseiten! Bin ein absoluter Autofreak. Der Mercedes 300 SL Roadster von 1958 ist sicher einer der Träume, den man haben kann und haben sollte ... Einen Alfa Berlina habe ich gerade aus Italien geholt. In Berlin kann man unheimlich gut Alfa fahren, weil es immer so etwas von Eisessen hat. Diese italienische Lebensfreude klingt im Motorgeräusch mit. Das ist irre. Ich habe noch eine Giulia und einen Bertone. Über solche Autos könnte ich Stunden referieren, mehr als über Musik, wenn ich ehrlich bin! (lacht)

Sein Ring: Ein Stück des Schweizer Designers Patrik Muff.

und Schmuck
Ich mag lustigerweise auch Schmuck, schon immer. Worauf meine Mutter mir mal merkwürdigerweise geschrieben hat, als ich 14 oder 15 war, das sei weibisch, das macht Mann nicht. Sie war da sehr steng. Danach habe ich die Ringe umso mehr getragen.
Das hier ist ein Ring des Schweizer Schmuckdesigners Patrik Muff, der in München einen Laden hat. Macht sehr schöne verschmitzte Sachen, trägt sich gut, dann hat man etwas an den Fingern. Sonst fühlen die sich so nackt an. Ich kenn ihn nicht persönlich, aber finde, er ist ein grosser Künstler!

Wichtige Daten

1981 Im Filmklassiker Das Boot spielt er den Leutnant Werner.

1984 Männer aus der LP 4630 Bochum bringt den musikalischen Durchbruch.

1998 Im November sterben innert einer Woche seine Ehefrau und sein Bruder.

2002 Im Album Mensch verarbeitet er die Trauer. Es bewegt Millionen von Fans.

2015 Am 19. Mai kommt er im Rahmen seiner Tournee ins Zürcher Hallenstadion.

Mehr über Herbert Grönemeyer auf seiner Internet-Seite

Video

CD-Verlosung

Herbert Grönemeyers CD Dauernd jetzt erscheint am 21. November 2014. Zu seinem 14. deutschsprachigen Studioalbum (Grönemeyer singt auch in Englisch) ist im kommenden Jahr eine grosse Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz (19. Mai 2015, Hallenstadion Zürich) geplant. Die Coopzeitung verlost 10 Exemplare der neuen CD.

(Einsendeschluss 24. November 2014, 16 Uhr)