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Nico Georgiadis: Ich bin sicher kein Wunderkind

Nico Georgiadis (18), der als jüngster Schweizer Schachspieler aller Zeiten eine Grossmeisternorm holte, über Wunderkinder, sein Leben als Schachprofi und seine Berufspläne fernab vom Schachbrett.

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Christoph Kaminski
19. Mai 2014

Zwei Stunden pro Tag trainiert Nico Georgiadis via Skype mit seinem Trainer Artur Jussupow. Der Rest ist Selbststudium. Der Schachprofi Nico Georgiadis versucht sich als Schachlehrer bei unserem Redaktor Martin Zimmerli.

Der Schachprofi Nico Georgiadis versucht sich als Schachlehrer bei unserem Redaktor Martin Zimmerli.

Interview

Coopzeitung: Stimmt es, dass Ihr Vater Ihnen schon als Zweijährigem das Schachspiel beibrachte?
Nico Georgiadis:Nein, nicht zwei, ich war knapp vier.

Und wann haben Sie ihn erstmals geschlagen?
Da war ich vielleicht neun Jahre alt.

Dazu muss man wissen, dass Ihr Vater ein ganz passabler Klubspieler ist: Der kann was!
Ja, sicher. Im Moment hat er etwa 1900 Elo-Punkte (siehe dazu den separaten Reiter: Elo-Punkte).

Sind Sie ein Wunderkind?
Magnus Carlsen, der letztes Jahr als 22-Jähriger Weltmeister wurde, ist ein Wunderkind. Aber sicher nicht ich höchstens für Schweizer Verhältnisse.

Was unterscheidet Sie denn von Carlsen?
Vor allem das Talent. Carlsen hatte bei seiner Geburt schon 2600 Elo, und mit seiner Arbeit hat er es auf 2800 gebracht. Er hat ein so grosses Schachverständnis wie wohl kein anderer. Mit ihm kann ich mich nicht vergleichen. Vielleicht mit einem 2700er. Da unterscheidet uns wahrscheinlich noch die Ausbildung, die konsequente Förderung von klein an. Aber man muss eines sehen: Viele junge Spitzenspieler kommen aus Ländern mit einem niedrigeren Lebensstandard als in der Schweiz. Für einen Inder zum Beispiel bietet der Schachsport eine Riesenchance auf ein Superleben vergleichbar mit jener Chance, die sich einem jungen Brasilianer im Fussball bietet: Die geben dafür alles.

Sie nicht?
Für mich ist Schach ein Hobby, das vor allem Spass machen muss.

Ein Leben lang Schachprofi? Das wäre mir zu eintönig.»

Aber Sie sind Profi, und in keinem Beruf gibt es immer nur Spass.
Nein, natürlich nicht. Ich machte letzten Sommer die Matur und setze jetzt zwei Jahre lang voll auf die Karte Schach. In dieser Zeit will ich so gut werden wie möglich, und dafür arbeite ich hart. Aber ich bleibe nicht ein Leben lang Schachprofi das wäre mir zu eintönig. Im Sommer 2015 werde ich ein Studium beginnen. Vermutlich Gymnasial-Lehrer mit Sprachen, Spanisch und Englisch.

Im optimalen Fall sind Sie in einem Jahr Grossmeister, was erst drei gebürtige Schweizer geschafft haben, und hören dann auf. Das ist, wie wenn ein Handwerker eine Lehre abschliesst und dann den Beruf wechselt.
Nicht unbedingt. Es ist ja nicht ein Beruf, den ich jetzt erlerne, sondern eine zugegebenermassen grosse Investition in ein Hobby.

Wie sieht Ihr Alltag als Schachprofi zurzeit aus?
Zu Beginn war ich drei Monate im Training bei einem spanischen Grossmeister. Da habe ich im Hinblick auf mein Studium auch Spanisch gerlernt. Und im Juni gehe ich zehn Tage nach England zu Grossmeister Michael Adams. Da trainiere ich Schach und will mein Englisch verbessern. In der übrigen Zeit mache ich jeden Tag mindestens zwei Stunden Selbststudium und trainiere zwei Stunden mit meinem Trainer, Grossmeister Artur Jussupow. Einmal pro Monat nehme ich zudem noch an einem Turnier teil.

Jussupow der wohnt doch in München.
Wir kommunizieren via Skype; da ist das Brett online auf dem Bildschirm eingeblendet. Das ist heute gang und gäbe. Das Training in Spanien, der tägliche Unterricht, die Reise zu Turnieren: Das kostet Geld. Wer bezahlt das? Der Verband übernimmt, glaube ich, zwei Stunden pro Woche, einen Teil zahlen Sponsoren und den Rest mein Vater.

Wenn man also von Haus aus nicht gut betucht ist, wird es in der Schweiz schwierig, im Schach gut zu werden.
Das würde ich nicht so sagen. Die meisten guten Schachspieler in der Schweiz sind nicht überreich. Klar, es hilft natürlich, wenn man finanzielle Unterstützung hat, aber es ist keine Bedingung.

Im April holten Sie in Dubai als jüngster Schweizer aller Zeiten eine Grossmeisternorm. Was bedeutet dies in der Karriere eines Schachspielers?
Der Grossmeistertitel ist das Grösste, was man im Schach erreichen kann. Dazu muss man drei Normen erfüllen; eine habe ich jetzt. Ein Teilziel ist erreicht, mehr nicht.

Die Karikatur eines Schachspielers ist dünn, bleich und hat einen langen Hals.
Das ist die Karikatur, stimmt aber überhaupt nicht. Die Jungen, die mit mir spielen, sehen ganz normal aus und sind auch sportlich. Ich selber squashe und spiele viel Tennis, ab und zu Fussball.

Schachspieler sind nicht Bewegungsgestörte, aber intelligent.
Ich will ja nicht arrogant sein, aber eine gewisse Grundintelligenz braucht es schon.

Ein Turnier wie das in Dubai dauert zehn Tage und Sie müssen sich jeden Tag mehrere Stunden voll konzentrieren. Das braucht auch eine körperliche Fitness?
Ja, die ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Darum trainieren Topschachspieler auch körperlich hart.

Die Partien von Nico Georgiadis gibts hier zu sehen

Steckbrief

Nico Georgiadis

Geburtsdatum: 22.Januar 1996
Beruf: seit der Matur im letzten Sommer Schachspieler, ab Sommer 2015 Student
Zivilstand: ledig aber verliebt
Wohnort: Schindellegi SZ
Karriere: 2010: Schweizermeister U14 und U16; 2011: SM U16 und U18, Bundesmeister, Verleihung des Titels eines Fide-Meisters; 2013: Verleihung des Titels eines Internationalen Meisters; 2014: erste von drei nötigen Normen zur Erlangung des Titels eines Grossmeisters.
Aktuell: Teilnahme am Bundesturnier in Olten vom 29.Mai bis 1.Juni im Hotel Arte

Elo-Punkte

Jeder lizenzierte Schachspieler besitzt eine Elo-Zahl: je mehr Elo, desto stärker der Spieler. Bei einem Sieg gewinnt, bei einer Niederlage verliert man Punkte. Einsteiger haben 1400 bis 1600, gute Klubspieler 1800 bis 2200, Nico Georgiadis hat 2446 Punkte, Weltmeister Magnus Carlsen 2837.

Mehr Informationen dazu unter: www.swisschess.ch

Nachgefragt

Welches Buch liegt grad auf Ihrem Nachttisch?
Larry Kaufmann: The Kaufmann Repertoire for Black and White damit arbeite ich zurzeit.

Welches ist Ihr Lieblings-Romanheld? Eragon der Held der gleichnamigen Fantasy-Reihe

Und welche Vorbilder haben Sie in der Wirklichkeit? Schachlich und menschlich mein Trainer Artur Jussupow

Welchen Film haben Sie zuletzt gesehen? Das Dschungelbuch

Und welchen Film würden Sie gerne wieder einmal sehen?
Auch Das Dschungelbuch

Ihr Lieblings-Filmheld?
Gladiator

Was für Musik hören Sie gerade?
Ich höre Musik querbeet, vor allem popmässig: The Rythm of the Night von Bastille

Welche CD würden Sie auf die einsame Insel mitnehmen?
Cirque du Soleil: Alegria

Mit welchem Musiker würden Sie gerne einmal einen trinken?
Anastacia

Was kochen Sie selbst?
Ich koche nicht viel. Wenn, dann Pasta und Salat. Das kann ich gut.

Ihre Lieblingsspeise?
Älplermagronen, aber ohne Apfelmus

Ihr Lieblingsgetränk?
Rivella grün

Mit wem essen Sie am liebsten?
Mit meiner Familie und der Freundin

Und wo essen Sie am liebsten?
Zuhause

Mac oder PC?
PC

Auto oder Zug?
Zug

Wein oder Bier?
Bier

Pasta oder Fondue?
Pasta

Joggen oder Walken?
Joggen

Berge oder Meer?
Meer

Wann haben Sie zuletzt geweint?
Ich weine schon ab und zu aber das letzte mal weiss ich nicht.

Wie bringt man Sie zum Lachen?
Mit dummen Fragen oder schwarzem Humor. Ich bin auch da offen.

Welches Tier wären Sie am liebsten?
Ein Hund so wie unserer. Der kann den ganzen Tag rumliegen, und wenn er Lust hat, steht er auf und alle andern müssen ihm gehorchen.

Wovon träumen Sie?
Gymi-Lehrer zu sein, eine Familie mit zwei Kindern, in der Schweiz leben zu dürfen, dass die Schweiz bleibt, wie sie ist.

Was ist für Sie das grösste Glück?
Das, wowon ich träume und wenn ich daneben noch Schach spielen kann, wäre es perfekt.