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Udo Jürgens: Am Wasser ist die Seele im Einklang

Mit über 100 Millionen verkauften Platten ist er einer der grössten Entertainer im deutschen Sprachraum, füllt bis heute die grossen Konzerthallen. In der Schweiz ist die Nachfrage so enorm, dass für die Tournee zum neuen Album Mitten im Leben im Zürcher Hallenstadion nächsten März ein Zusatzkonzert angesetzt ist. Zum Interview trafen wir Udo Jürgens in Gottlieben TG.

FOTOS
Raja Läubli, Alamy, zVg
22. September 2014

Mit 80 auf Tournee: Ausgleich findet Udo Jürgens am und im Wasser. Zürcher Stadttaler: Ehrung durch seine Wahlheimat. Alles fürs Publikum: Zugaben gibt er im weissen Bademantel.

Zürcher Stadttaler: Ehrung durch seine Wahlheimat.

Alles fürs Publikum: Zugaben gibt er im weissen Bademantel.

Interview

Coopzeitung: Warum wohnen Sie derzeit am Bodensee?
Udo Jürgens: Der Umbau meines Hauses am Zürichsee hat mich länger als erwartet hier festgehalten. Ich will mich jedoch nicht beklagen, denn ich liebe Orte am Wasser, wo fern von grossstädtischer Oberflächlichkeit eine kreative Atmosphäre herrscht. Mein erfolgreiches neues Album Mitten im Leben ist denn auch hier entstanden.

Und weshalb ziehen Sie nun von Zumikon nach Meilen?
Es war der Wunsch nach Veränderung, möglicherweise ausgelöst durch meine Scheidung. In Zumikon fehlte mir der Blick aufs Wasser. Auf eine Wasseroberfläche zu schauen bringt die Seele in Einklang. Und dann entdeckte ich zufällig dieses Haus mit dem herrlichen Ausblick auf den Zürichsee! Es ist etwas älter als ich und strahlt den besonderen Charme des Jugendstils aus.

Wie geht es Ihnen so kurz vor Ihrem 80. Geburtstag?
Ich fühle mich sehr wohl, doch der Fluss der Zeit macht mich nachdenklich.

In Ihrem Alter umzuziehen zeugt aber von Zuversicht.
Die Frage, ob sich das lohne, darf man sich nicht stellen. Auch beruflich könnte ich mich längst auf meinen Lorbeeren ausruhen, dennoch gehe ich nochmals auf Tournee. Warum? Weil sich immer noch Hunderttausende für meine Lieder interessieren. Ich empfinde das qua-si als Wählerauftrag und diesem Wunsch komme ich gerne nach. Er ist eine schöne Bestätigung für mein lebenslanges Streben nach Anerkennung und wunderbarerweise wurde diese mit zunehmendem Alter immer grösser.

Zu Ihrer aktuellen Single: Inwiefern ist für Sie der Mann das Problem, wenn Sie an Kriege oder Klimaschutz denken?
Das sollte eigentlich ein lustiges Lied sein, das dummen Machos den Spiegel vorhält. Während ich die Eitelkeit der Frauen als liebenswert empfinde, scheint sie mir bei Männern ge-fährlich, da sie sich von Macht und Besitz berauschen lassen. Ich vermute, dass vernünftigere Entscheidungen gefällt würden, wenn es endlich gleich viele Politikerinnen wie Politiker gäbe.

Sind Sie für die Zukunft der Menschheit trotz allem optimistisch?
Nein, man muss der harten Realität ins Auge blicken, darf deswegen jedoch nicht in Depressionen verfallen. Ich verstehe das Leben als wunderbares Geschenk, das man so lange wie möglich geniessen sollte.

Ich verstehe das Leben als wunderbares Geschenk.»

Was bedeutet Ihnen die reife Liebe, die Sie in Was ich gerne wär für dich feinfühlig besingen?
Ich bin zur Einsicht gekommen, dass das Leben alleine nicht zu bewältigen ist. Es gibt sehr wohl Phasen in denen man alleine durchs Leben gehen muss. Die Erfahrung von Streit und Trennung sollte man unbedingt machen, wenn man jung ist. Ich hatte mehrere wunderbare Beziehungen. Manchmal waren sie kurz und intensiv, manchmal dauerte es länger, bis man sich am Alltag aufgerieben hatte. Und dann begegnest du jemand, mit dem du etwas zusammen erschaffen kannst, und beschliesst zusammen zu bleiben. Ich hätte mir auch vorstellen können, im Alter mit einem Mann zusammen zu wohnen, zu diskutieren, jenseits einer sexuellen Beziehung.

Was hätten Sie daran geschätzt?
Männer verstehen sich leichter, weil für sie die Probleme, die Frauen für gross halten, meist lächerlich sind. Manche Frauen empfinden einen Seitensprung als tiefe Verletzung, während der Mann ihm keine Bedeutung beimisst.

Sie bereuen Ihre Ehen aber nicht.
Nein, ich bin zweimal geschieden und meinen Ex-Frauen nicht böse. Sie hatten es schwer mit einem Mann wie mir, der dermassen in der Öffentlichkeit steht. Mit so jemand will man Spannendes erleben, vielleicht auch eine Liebesbeziehung haben, aber zusammen leben? Das kann man gar nicht wollen! Seit ich das verstanden habe, sehe ich meine Ehefrauen in einem anderen Licht. Zudem haben mich unsere Spannungen Toleranz gelehrt und zu neuen Einsichten gebracht.

Funktionieren Beziehungen mit ähnlich prominenten Künstlerinnen besser?
Das geht auf lange Sicht gar nicht! Diese Erfahrung habe ich im Laufe meines langen Lebens mehrmals gemacht. Ich habe ihre Namen nie preisgegeben und sie behielten meinen für sich. So schützten wir uns gegenseitig und konnten uns nach dem grossen Liebessturm ohne Auf-merksamkeit zu erregen wieder trennen.

Welche Schwächen haben Sie mit den Jahren in den Griff bekommen?
Ein junger Mensch hat das Recht sich zu amüsieren. Die Jugend ist eine tolle Epoche, in der man auf seiner Suche nach Spass auch mal über die Stränge schlagen darf. Als junger Musiker habe ich in den Sechzigerjahren sicher einiges übertrieben, war aber glücklicherweise vernünftig genug, mich von Drogen, die an mich herangetragen wurden, fernzuhalten.

Wie konnten Sie sich so fit halten?
Ich habe rechtzeitig aufgehört zu rauchen und zu trinken. Ich war zwar kein Alkoholiker, lief aber Gefahr, einer zu werden. Zum Glück zog ich nach einem Zusammenbruch die Notbrem-se. In jener Zeit waren meine Lieder in allen europäischen Hitparaden, ich war sogar in Asien und Amerika populär. Eine Welttournee stand an, auf der ich innert zwei Tagen auf drei Kontinenten auftreten sollte. Meine Ärzte meinten, mir fehle nichts ich müsse lediglich zur Ru-he kommen. Das gab mir zu denken, ich legte eine längere Bühnenpause ein. Heute beschränke ich meine Tourneen auf den deutschsprachigen Raum. Das kann ich noch bewältigen.

Mit welchen Gefühlen denken Sie an Ihre 25. Tournee?
Die Herausforderung nimmt zu, ohne Zweifel. So leicht und flockig wie in früheren Jahren kann ich das nicht mehr leisten, zumal die Erwartungen hoch sind und ich niemanden enttäuschen will. Ich muss ausgeruht und konzentriert auf die Bühne gehen. Zum Glück kann ich mich auf meine Gesangsstimme verlassen, die noch mindestens so gut funktioniert wie vor dreissig Jahren.

Auf welche Momente einer Tournee freuen Sie sich besonders?
Das sind zweifelsohne die Jubelstürme am Ende der Konzerte, aber auch das zirkushafte Zusammenleben mit Musikerfreunden wie meinem Bandleader Pepe Lienhard mag ich sehr. Etwas Sorge bereitet mir die Erinnerung an die Bronchitis, wegen der ich auf der letzten Tournee zum ersten Mal in meiner Karriere mitten im Konzert die Stimme verlor und anschliessend einige Grosskonzerte verschieben musste. Das war ein Schock, den ich immer noch nicht verwunden habe, da niemand vor einem solchen Infekt gefeit ist auch kein junger Künstler.

Wovon träumen Sie noch?
Wenn man keine Sehnsüchte mehr hat und keine Träume, ist es Zeit, sich in die Kiste zu legen. Ich bin noch aktiv, stehe Mitten im Leben und freue mich an meiner Kreativität. Ich träume deshalb weiter von neuen Ideen für tolle Lieder. Es fasziniert mich, dass ich als Künstler meine positiven Gedanken multiplizieren kann. Der Fall der Berliner Mauer war ein eindrückliches Beispiel dafür, wie viel die Träume und Sehnsüchte von Millionen bewirken können.

Wichtige Daten und Links

1950 Er gewinnt als jüngster Teilnehmer einen Komponistenwettbewerb des ORF.

1966 Internationaler Durchbruch: Mit Merci, Chérie siegt er für Österreich beim ESC.

1977 Er wechselt das Management, zieht nach Zürich und tourt mit Pepe Lienhard in Nordamerika.

2007 Im Roman Der Mann mit dem Fagott beschreibt er die bewegte Geschichte seiner Familie.


Im TV: Der Mann, der Udo Jürgens ist (Montag, 29. September 2014, 20.15 Uhr, ARD) SRF 1 zeigt diese Dokumentation beim Udo-Jürgens-Abend am Samstag, 18. Oktober 2014.

Tournee Mitten im Leben:
7. Dezember 2014, Zürich (19 Uhr, Hallenstadion)
8. März 2015, Zürich (19 Uhr, Hallenstadion)

Hier gehts zur Webseite von Udo Jürgens

Videos

Udo Jürgens wird 80 NDR-Interview

Der Durchbruch 1966 Merci, Chérie: