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Hans Rudolf Herren: Es hatte mit Zufall und Glück zu tun

Der Träger des Alternativen Nobelpreises ist ein Vorkämpfer der biologischen Schädlingsbekämpfung. Damit rettete er Millionen Menschenleben.

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Davide Caenaro
16. Februar 2015

Hans Rudolf Herren vor einem kaukasischen Flügelnussbaum, der 1906 im Zürcher Beckenhof gepflanzt wurde.


Interview

Vor 30 Jahren bewahrte er den afrikanischen Kontinent vor einer Hungerkatastrophe: mit biologischer Schädlingsbekämpfung. Aus Südamerika führte er eine Schlupfwespe ein, die der Maniok-Schildlaus zwischen Mozambique und Senegal den Garaus machte. Im Gebiet, eineinhalbmal so gross wie die USA, bewahrte Hans Rudolf Herren 20 Millionen Menschen vor dem Hungertod. Heute berät er Regierungen beim Aufbau einer nachhaltigen Landwirtschaft.

20 Millionen Menschen gerettet: Für viele Afrikaner sind Sie so etwas wie der liebe Gott. Fühlen Sie sich auch so?
(lacht) Sicher nicht, ich bin einfach einer, der das ganze System studiert und eine Lösung sucht, die das Problem bei der Wurzel packt. Von schneller Symptombekämpfung halte ich nichts.

Trotzdem, wer so etwas leistet, dürfte den Kopf ruhig etwas höher tragen.
Das liegt mir nicht. Jeder, der die Chance bekommt, so etwas zu machen, sollte das einfach tun. Ohne viel Theater. Es war für mich eine Chance, das in der Praxis anzuwenden, was ich während des Studiums gelernt hatte. Das hatte viel mit Zufall und Glück zu tun: Ich war im richtigen Moment mit dem richtigen Wissen am richtigen Ort und packte das Ganze glücklicherweise auch richtig an.

Sie sagen von sich selbst, Sie seien starrköpfig, und Leute, die mit Ihnen zusammenarbeiten, widersprechen Ihnen nicht. War das auch wichtig?
Ja, klar. Das fing in unserem Institut an: Viele glaubten nicht, dass man das Problem biologisch lösen kann so etwas war noch nie gemacht worden. Ich hatte deshalb auch immer wieder Differenzen mit unseren Generaldirektoren. Nein war für mich nie eine Antwort.

Ich bin Optimist. Ich weiss, wir können es noch besser machen.»

Damals war biologische Schädlingsbekämpfung noch nicht in aller Leute Mund.
Als ich studierte, sah man langsam, aber sicher ein, dass Pestizide keine nachhaltige Lösung sind: Insekten adaptieren sich, dann braucht es ein neues Pestizid oder man muss mehr spritzen, und die Insekten passen sich wieder an. Das ist ein Teufelskreis. Da sah man ein: Die einzige Möglichkeit, diesen zu durchbrechen, ist ein integrierter Ansatz.

Funktioniert die Methode denn immer?
Für jeden Organismus gibt es einen, der ihm in die Quere kommt. Bei den Bakterien, bei den Pilzen etc. Auch bei den Menschen: Hat es zu viele, gibts eine Epidemie Cholera oder so.

Nicht ohne diesen Koffer: seit 10 Jahren.

Sind Sie mit der Schweiz zufrieden, was die nachhaltige Landwirtschaft angeht?
Es ist besser geworden, könnte aber noch viel besser sein.

Inwiefern?
10 Prozent produziert die Schweizer Landwirtschaft biologisch, 90 Prozent nicht. Dieses Verhältnis muss sich noch ändern. Um nachhaltig zu produzieren, braucht es vorab einen gesunden Boden. Und den bekommt man nur, wenn man sich an eine vier- bis fünfjährige Fruchtfolge hält. Beginnt man damit, kann der Ertrag vorübergehend etwas sinken.

Können sich die Bauern das leisten?
Alle Subventionen, die an die Schweizer Landwirtschaft gezahlt werden, sollten darauf ausgerichtet sein, den Bauern den Übergang vom konventionellen zum biologischen Landbau zu ermöglichen. Und der Konsument sollte bereit sein, für gute, gesunde Lebensmittel etwas mehr zu zahlen. Es ist doch paradox: 30 Prozent der gekauften Lebensmittel wirft er in den Kehricht, aber wenn der Preis für Rüebli um 10 Prozent steigt

Nicht ohne den Laptop: Das Büro reist mit.

Dass wir uns in der Schweiz treffen können, grenzt angesichts Ihrer Agenda schon fast an ein Wunder.
Ich bin ab und zu in der Schweiz die Stiftung Biovision, die ich vor 20 Jahren gegründet habe, ist hier zu Hause.

Ist das das Einzige, was Sie noch mit Ihrer alten Heimat verbindet?
Nein, meine Mutter lebt auch hier sie wurde kürzlich 93 , und meine drei Schwestern.

Sie selber leben in Washington, Kalifornien und Rom. Das tönt gut.
In Washington arbeite ich, da ist das Millennium Institute beheimatet; in Rom arbeitet meine Frau bei der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO; und Kalifornien ist die Heimat meiner Frau, dahin werden wir uns nach unserer Pensionierung zurückziehen.

Redaktor Martin Zimmerli (l.) beim Interview mit Hans Rudolf Herren.

Sie sind zwar 68 aber Pensionierung?
Tja, irgendwann wird es so weit sein vielleicht schon Ende Jahr, mal sehen.

Aber zurzeit sind Sie noch zu 150 Prozent engagiert. Woher nehmen Sie die Energie?
Ich bin Optimist. Ich weiss, wir können es noch besser machen. Das Wissen haben wir nun müssen wir es noch in die Praxis umsetzen.

Wichtige Daten

1979 Statt von Berkley (Kalifornien) in die Schweiz zurückzukehren, zieht Herren nach Nigeria.

2005 Als Präsident der Millennium Foundation berät er künftig Regierungen in nachhaltiger Entwicklung.

2013 18 Jahre nach dem Welternährungspreis erhalten Herren und Biovision den Alternativen Nobelpreis.

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