X

Beliebte Themen

Lifestyle

Massimo Rocchi: Mein Publikum ist klüger als ich

Grenzenlos Er liebt die Schweiz und Europa, vor allem aber Basel. Der Komiker gilt als Intellektueller und sprüht zugleich vor kindlicher Spielfreude.

FOTOS
Heiner H. Schmitt
14. September 2015

Massimo Rocchi ist in Basel viel mit dem Velo unterwegs.


Interview

Er wuchs in Norditalien auf, studierte in Bologna und Paris, wo er sich in eine Schweizerin verliebte, der er dann nach Bern folgte. Seit über 20 Jahren begeistert er das Schweizer Publikum mit pantomimischem Körpereinsatz ebenso wie mit Sprachwitz. Nun ist Massimo Rocchi (58) mit dem Programm EUä wieder zu erleben, so etwa vom 3. bis 12.Dezember im Zürcher Theater 11.Die Begeisterung fürs Singen hat sie schon in Schülerbands ausgelebt und durch das Studium an der Zürcher Hochschule der Künste zum Beruf gemacht. Seither ist Brigitt Zuberbühler (32) nicht nur mit dem Kindermusik-Quartett Silberbüx erfolgreich unterwegs: Misty Mind ist bereits die dritte Solo-CD der Thurgauerin unter ihrem Künstlernamen Lina Button.

Wie kommt es, dass die Schweizer sich bei Ihnen so gut amüsieren, obwohl Sie ihre Schwächen aufs Korn nehmen?
Die Leute freuen sich auf eine lustige Vorstellung, auf Gefühle, die manchmal auch kleine Schmerzen verursachen. Im Theater haben wir die Chance, zusammenzusitzen, ohne Handy, ohne SMS und MMS. Ich verspreche, zwei Stunden lang Geschichten zu erzählen, und behaupte nicht, es sei die Wahrheit. Wenn sich das Publikum trotzdem wiedererkennt, lachen wir gemeinsam über uns.

Was bedeutet Ihnen dieser Beruf?
Komiker zu sein ist keine Selbstverständlichkeit die Hofnarren, die im Mittelalter noch hohes Ansehen genossen, wurden im 17. Jahrhundert entlassen, weil König und Adel die Sympathien und den Applaus für sich allein wollten. Und die heutigen Mächtigen wie Bush, Berlusconi oder Putin brauchen keine Komiker mehr, die ihnen einen Spiegel vorhalten. Sie sorgen selber dafür, dass man über sie lacht.

Unfreiwillig
Nein, immer freiwillig! Oder denken Sie, dass in der heutigen Zeit noch ein Foto oder ein Satz eines Politikers zufällig in die sozialen Medien gelangt?

Jede Woche die neusten Themen im Newsletter! Hier abonnieren

Als Intellektueller sprechen Sie ein breites Publikum an ist das kein Widerspruch?
Erstens freut es mich sehr, wenn man mir zutraut, dass ich ein Gehirn habe. Zweitens glaube ich, mein Publikum ist klüger als ich. Ich will es nicht belehren. Die Schweizer lesen viel, ihre Schulen sind sehr gut. Daher kann ich es mir leisten, für dieses Programm ein trockenes Thema wie die Bundesverfassung zu wählen. Jeder denkt: Oh, mein Gott, was kann man damit anfangen? Dabei ist die Bundesverfassung sehr lustig!

In welcher Hinsicht?
Sie müssen sie nur mal laut lesen! Aber das tut niemand, weil sie gratis ist. Darum wird sie auch nicht wahrgenommen: Was nichts kostet, kann ja nichts wert sein. Zudem ist sie mit 0,4 Zentimeter im Vergleich zur 37 Zentimeter dicken EU-Verfassung so dünn, dass wir in einem Land fast ohne Regeln leben müssen. Dabei bräuchten wir dringend jemand, der uns sagt, welche Farbe eine Tomate haben muss und welchen Durchmesser eine Pizza Napoletana

Accessoire des Velofahrers: Low-Budget-Hosenklammer.

Ich fühle mich hier sehr wohl.»

Wie haben Sie Ihren speziellen Mix aus Körpersprache und Mundart entwickelt?
Meine erste Theater-Liebe ist in einem Moment entflammt, als es mir nicht gut ging: Ich war 17 und die Ärzte rieten mir zu einer Herzoperation. Da entdeckte ich die Pantomime. Für mich war das Magie: ohne Worte alles zeigen. Nachdem ich die Schule von Marcel Marceau in Paris absolviert hatte, fragte ich mich, wie es wäre, wenn das Wort dazukäme. Und dann traf ich Bärndütsch!

Gab es da ein Schlüsselerlebnis?
Texte von Mani Matter oder Chlöisu Friedli ihre Art, im Dialekt Geschichten aufzubauen, hat mich sehr berührt. Aber auch Robert Walser. Ich fing an, die Erzählung mit Bewegung zu verbinden. Ganz spontan. Bis heute liebe ich es, auf einer leeren Bühne aus der Stille eine virtuelle Realität entstehen zu lassen.

Ohne Brille kein Durchblick.

Was verbinden Sie mit Basel, wo Sie seit 12 Jahren wohnen?
Am Dreiländereck bietet sich eine ideale Mischung aus Schweiz und Europa. Nirgendwo funktioniert die Zusammenarbeit über Grenzen hinweg so gut. Basel hat einen Flughafen in Frankreich, ein Tram nach Deutschland. Ich fühle mich hier sehr wohl. Im Sommer ist es so warm wie in Rimini und der Novartis-Campus ist wie Florenz zu Zeiten der Renaissance ein Erlebnis, was zeitgenössische Architekten und Künstler dort geschaffen haben!

Dann ist da ja noch der FC Basel was bedeutet Ihnen dieser Klub?
Fussball ist meine grosse Leidenschaft. Die Emotionen, Gerüche, und dass auch einmal jemand gewinnt, der es nicht verdient hat das finde ich fantastisch. Ich war schon immer Fussball-Fan. Früher habe ich Freunde zum Spaghetti-Essen und TV-Fussball eingeladen. Heute habe ich zwei Saisonkarten für den St.Jakob-Park, ganz nahe beim Trainer! Ich gehe oft eine Stunde vor Spielbeginn ins Stadion, lese die Gazzetta dello Sport und diskutiere die Form der Mannschaft. Der FCB gibt immer einen Grund zum Feiern oder Streiten so ist es eben mit der grossen Liebe!

Wichtige Daten und Video

1990 Tochter Fanny kommt auf die Welt.

2015 Tournee mit dem neuen Programm EUä.

Offizielle Website von Massimo Rocchi