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Simona Specker: Ich hangle mich von Job zu Job

Vor zehn Jahren setzte die Rheintalerin alles auf die Karte Schauspielerei. Nun hat sie ihre erste Hauptrolle in einem Kino-Film.

FOTOS
Christoph Kaminski
30. März 2015

Yann Sommer im Borussia-Park von Mönchengladbach.


Interview

Simona Specker spielt im Film Das Deckelbad die Vorarlberger Serviertochter Katharina Walser. Die sucht in der Schweiz nach dem Ersten Weltkrieg ihr Glück. Es ist eine aufwühlende Geschichte, ein berührender Film ohne Zuckerguss, ein Zeitdokument, ein sehr schöner Liebesfilm. Und eine Tragödie, denn das mit dem Glück ist so eine Sache: Die neue Heimat will nicht Heimat werden und die Liebe hat kein Happy End. Die 32-jährige Schauspielerin hat sich ein Jahr lang auf die Rolle vorbereitet und gar den Dialekt der Hauptdarstellerin gelernt, sich mit Haut, Haar und Seele ein Jahrhundert zurückversetzt. Am 23.April kommt der Film in die Kinos.

Es gibt ja seriösere Berufe für eine junge Frau. Bankerin etwa, oder Coiffeuse. Warum musste es ausgerechnet Schauspielerin sein?
Manchmal frage ich mich das auch, wenn ich monatelang keine Rolle erhalte oder wenn ich, wie beim Film Das Deckelbad, die Verantwortung und die Erwartungen spüre, die auf einer Hauptrolle lasten.

Nicht im Ernst, oder?
Doch. Angenommen, der Film floppt, dann würde ich mir die Schuld geben.

Wie landet man als Rheintalerin aus der tiefsten Provinz beim Film?
Indem man noch als Lehrling zufälligerweise beim Regisseur Kuno Bont auf die Theaterbühne stolpert und eine Nebenrolle erhält.

Und was ist seither geschehen?
Ich lernte Schriftsetzerin also etwas Seriöses! , habe aber immer wieder bei Theaterproduktionen mitgemacht. Mit 23 Jahren entschied ich mich dann für die Schauspielerei mit allen Konsequenzen.

Wie sehen die aus?
Ich habe etwa meinen Lebensunterhalt während der Schauspielschule bei einem Musikvertrieb, an der Kinokasse und mit vielen anderen Nebenjobs selber verdient. Beim Musikvertrieb arbeite ich heute noch, und ich habe gros-ses Glück mit meinen Chefs: Wenn ich proben muss oder wenn ich Drehtage habe, lassen sie mich springen. So hangle ich mich von Engagement zu Engagement.

Lieblingsschere: Schneide alles aus, was mir gefällt.

Verkaufen kann ich mich halt nicht.»

Auch Fischotter mag sie sehr.

Was ist eigentlich das Schwierigste an Ihrem Beruf?
Nicht das Auswendiglernen, wie viele meinen. Das Schwierigste ist, die Person zu werden, die man spielen darf. Beim Deckelbad bin ich eine österreichische Serviertochter, die nach dem Ersten Weltkrieg in die Schweiz kommt. Ich habe mich also in Archiven, Zeitungen, Büchern, Gesprächen und an den Originalschauplätzen in jene Zeit vertieft. Am Schluss war ich die Serviertochter Kathi, die vergewaltigt wird, die eine wunderbare Liebesgeschichte erlebt, die eines ihrer Kinder verliert, die Aber alles will ich ja nicht verraten.

Was hat es mit dem Filmtitel Das Deckelbad auf sich?
Mit Deckelbädern hat man damals Menschen in der Psychiatrie zur Räson gebracht. Manchmal sperrte man sie tagelang ein.

Wie nah geht Ihnen eine solche Rolle?
Ich habe die Kathi gespielt mit allem, was ich bin und kann. Und klar, mir geht das Schicksal dieser Frau und aller Menschen nah, die solches erleben mussten. Der Film ist ja kein Fantasie-Hollywood-Stoff, sondern ein Schicksal, das damals viele erleiden mussten. Aber es gehört auch zu meinem Beruf, mich distanzieren zu können.

Apropos Hollywood: Wenn einer in die Politik geht, will er insgeheim Bundesrat werden. Und wenn eine in die Film-branche geht, denkt sie an Hollywood?
Nein. Nicht mal geschenkt. Oder doch, geschenkt vielleicht schon. Im Ernst: Ich will einfach arbeiten und von meiner Arbeit leben können, so wie jeder Journalist, Banker oder Handwerker.

Ihr Film wurde auch in Solothurn gezeigt. Wie war das Echo?
Sehr gut, sowohl beim Publikum als auch in der Presse. Ich war dort, hätte wohl netzwerken und auf die wichtigen Leute der Branche zugehen sollen, habe es aber nicht gemacht. Ich kann arbeiten, 20 Stunden am Stück, wenn es sein muss. Aber verkaufen kann ich mich überhaupt nicht.

Wie geht es nun weiter?
Ich hoffe von ganzem Herzen, dass der Film ein Erfolg wird. Es steckt so viel Zeit, Engagement und Herz dahinter. Im Übrigen bin ich dabei, mich weiterzubilden, ich mache eine Ausbildung in Richtung Kameraführung und Schnitt. Wenn mich etwas interessiert, will ich es 100-prozentig erfassen, lernen und verstehen. So, wie ich auch 100-prozentig die Kathi war.

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