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Dirk E. Hebel: Architektur ist eine Lebensphilosophie

Innovativ Er forscht über Baumaterialien der nächsten Generation. Sind Bambus, Pilze und Müll eine Alternative, wenn Stahl und Beton knapp werden?

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Christoph Kaminski, Albert Vecerka/Esto, zVg
23. Mai 2016

Baut mit ungewohnten Materialien: Dirk E. Hebel an der ETH Zürich.


Interview

Er beschäftigt sich mit der Stadt der Zukunft, als Assistenzprofessor an der ETH Zürich und am Future Cities Laboratory in Singapur. Bekannt wurde Dirk E. Hebel (45) vor allem durch seine Arbeiten mit ungewöhnlichen Baumaterialien, die demnächst an der Architektur-Biennale in Venedig präsentiert werden.

Plastikflaschen, Müll, Bambus: Warum forschen Sie an alternativen Baustoffen?
Wir müssen im 21.Jahrhundert zwei grosse Fragen beantworten: die Frage nach der Energie und die Frage nach den Ressourcen. In den letzten 150 Jahren haben wir uns angewöhnt, Materialien aus der Erdkruste zu entnehmen, zu brauchen und dann wegzuwerfen. Schon nach dieser relativ kurzen Zeit stossen wir damit an die Grenzen des Möglichen. Sand, der wichtigste Zuschlagstoff des Betons, wird zum Beispiel zunehmend knapp. Allein Marokko hat in den letzten Jahren 50 Prozent seiner Strände verloren. So geht es nicht mehr. Wir müssen Ansätze entwickeln, wie und mit welchen Materialien wir in Zukunft bauen wollen.

Wie entscheiden Sie, welche Materialien für Ihre Forschung interessant sind?
Einerseits wollen wir die Baustoffe in einen Kreislauf überführen. Müll ist in der Stadt der Zukunft kein Wegwerfprodukt, sondern eine unglaublich reiche Ressource. Die Stadt füttert sich selbst, indem sie aus Weggeworfenem Neues entstehen lässt. Der andere Schwerpunkt unserer Forschung sind kultivierte Materialien: Baustoffe, die wir wachsen lassen können, zum Beispiel Bakterien als Zementersatz, Pilzstrukturen oder Bambus.

Sie wollen Bambusfasern als Ersatz für Stahlarmierungen tauglich machen. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Ich habe in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, ein neues Architekturinstitut aufgebaut. Dabei sollte ich auch neue Räumlichkeiten bauen und stellte fest: Man kommt kaum an Baumaterialien, da sowohl Stahl als auch Beton importiert werden müssen. Aus dieser Not heraus wurde mir klar, dass es Alternativen braucht. Äthiopien beheimatet die grösste Population von Bambus in ganz Afrika. Mit etwas Innovation kann es ein hochfestes Material der Zukunft werden, nicht nur für Afrika.

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Er setzt auf die Baustoffe der Natur: Bambuskomposit ist fast ebenso zugfähig wie Stahl

Ein weiteres Ihrer Projekte in Äthiopien war ein städtisches Wohnhaus aus Lehm. Sollten wir vermehrt zu traditionellen Baustoffen greifen?
Das kann sinnvoll sein, es sollte aber nicht heissen, dass wir auch traditionell bauen müssen. Wir haben dieses Projekt SUDU realisiert, weil ich den Entscheidungsträgern der Stadt Addis Abeba zeigen wollte, dass man ein zweigeschossiges Haus aus Lehm bauen kann, und zwar nach modernen Standards. Mittlerweile haben wir mehrere solcher Wohneinheiten für die verschiedenen Regionen des Landes entwickelt. Nun habe ich kürzlich erfahren, dass die Regierung diese Bauweise im ländlichen Raum vermehrt fördern will. Es braucht offenbar erst solche Beispiele, um zu beweisen, dass die Erkenntnisse der Wissenschaft effektiv in die Baupraxis überführt werden können.

Welches Material würden Sie persönlich am liebsten praktisch umgesetzt sehen?
Mein Herz schlägt höher bei Pilzstrukturen! Denn das Myzelium, das Wurzelgeflecht eines Pilzes, kann sehr gut Druckkräfte aufnehmen. Die Pilzsporen lassen sich leicht transportieren. Dann kann man sie irgendwo auf der Welt mit einem organischen Substrat sowie etwas Wasser vermischen und einfach in die Sonne stellen. In wenigen Tagen haben Sie so Ihr eigenes Baumaterial. Und nach dem Gebrauch können Sie es einfach wieder kompostieren. Das ist meine Idee vom Bauen der Zukunft: Jeder kann sich überall auf der Welt sein eigenes Baumaterial züchten.

und Bausteine aus Pilzstrukturen wachsen fast von alleine.

Waren Sie nie versucht, ein grosses Bauprojekt zu realisieren, anstatt in die Forschung zu gehen?
Man kann auf verschiedenen Wegen zur gebauten Architektur gelangen meiner führt über die Forschung. Das soll aber nicht heissen, dass nur das Gebaute sich Architektur nennen darf Architektur ist eine Lebensphilosophie! Ich habe Architektur studiert, weil es eine breit aufgestellte und lebendige Disziplin ist, die Teil der Kultur und der Gesellschaft ist und verschiedene Manifestationen hat.

Sie geben Ihr Wissen auch weiter. Was wollen Sie den Studierenden vermitteln?
Es ist mir wichtig, dass die kommende Generation von Architekten erkennt, dass es nicht nur eine Konstruktionsmethode oder nur ein Baumaterial gibt. Ich versuche den Studierenden zu vermitteln, dass es immer Alternativen gibt und dass es an ihnen liegen wird, eine passende Lösung für die jeweilige Situation zu finden.

Wichtige Daten und Links

2015 In New York zeigt sich die ETH mit einem Pavillon nach seinen Plänen aus regenerierten Ressourcen.

Mehr über Dirk E. Hebel auf seiner ETH-Homepage

Die Erde als Werkstoff (Teil 1) Die Erde als Werkstoff (Teil 2) Ein Pavillon aus Abfall