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Silvan Widmer: Italienisch hatte ich als Freifach

Integriert Als offensiver Verteidiger ist er bei Udinese Calcio Stammspieler. Nun will der Aarauer mit der Nati an die EM in Frankreich.

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Stefano Lunardi
09. Mai 2016

Club und Stadt mit Tradition: Udinese-Spieler Silvan Widmer an der Piazza della Libertà mit der Loggia del Lionello.


Interview

Er ist auf dem besten Weg, das anderthalb Autostunden nordöstlich von Venedig gelegene Udine als Sprungbrett auf die grossen Bühnen der Fussballwelt zu nutzen. Mit Freundin Céline geniesst Silvan Widmer (23) aber auch den Charme der traditionsreichen Stadt.

Was bedeutete Italien für Sie, bevor Sie zu Udinese Calcio kamen?
Meine Grossmutter, die ich leider nicht mehr kennengelernt habe, stammte aus Bergamo ich bin also zu einem Viertel Italiener. Doch vor dem Transfer stand Italien vor allem für Ferien, schöne Strände, gutes Essen und die Serie A mit Traditionsvereinen wie Juventus Turin oder Inter Mailand.

Sie spielten damals beim zweitklassigen FC Aarau wie war man in Udine auf Sie aufmerksam geworden?
Bei einem Turnier mit der U19-Nationalmannschaft in Mazedonien war ich einem Talentscout aufgefallen und dann beobachtete man mich bei ein paar Challenge-League-Spielen. Den Vertrag unterschrieb ich unter der Bedingung, dass ich auf Leihbasis ein Jahr in Aarau weiterspielen konnte, weil ich unbedingt noch die Matura machen wollte.

Sind Sie also ein vorsichtiger Mensch?
Ich wusste von Spielern, die sehr jung ins Ausland gewechselt hatten und dann wieder in die Schweiz zurückgekommen waren, weil sie sich nicht durchsetzen konnten. Darum wollte ich die Zeit, welche ich in meine schulische Ausbildung investiert hatte, nicht einfach wegwerfen.

Pünktlich, korrekt in Italien vermisst er das manchmal.

Konnten Sie bereits Italienisch, als Sie nach Udine kamen?
Zum Glück hatte ich es in der Bezirksschule als Freifach gewählt. Darauf konnte ich aufbauen. Udinese hat einen Lehrer angestellt, damit alle Spieler sich auf Italienisch verständigen können. Auch wenn manchmal nur Ausländer auf dem Feld stehen.

Wie erleben Sie die Multinationalität des modernen Spitzenfussballs?
Sie ist eine Herausforderung, weil extrem viele Kulturen aufeinandertreffen, aber auch eine Bereicherung. Ein Beispiel: Seit einem Jahr ist ein Iraker in unserem Kader. Er hat in der Kindheit schon viel Schlimmes erlebt, ist aber ein unglaublich liebenswürdiger Mensch und eine echte Persönlichkeit. Nun denke ich nicht mehr nur an Krieg, wenn ich etwas von diesem Land höre.

Wie wurden Sie zum Stammspieler?
Udinese Calcio lebt davon, dass es junge Talente verpflichtet, fördert und dann mit Gewinn weiterverkauft. Ich sass in den ersten Monaten wie andere junge Spieler auch zunächst auf der Ersatzbank. Als der Trainer sah, dass ich mich akklimatisiert hatte und mich durchbiss statt zu reklamieren, bekam ich immer mehr Einsätze. Schliesslich kam ich in die Startformation.

Hatten Sie dabei ein Vorbild?
Antonio Di Natale mit seinen 38 Jahren spielt er zwar nicht mehr so häufig wie früher, aber mit über 200 Toren sowie durch seine Vereinstreue und Top-Einstellung ist er hier eine Identifikationsfigur für alle. Er zeigt, was möglich ist, wenn man alles gibt und dabei seinem Körper Sorge trägt.

Die Nati war schon immer sein Traum.

Wo sehen Sie Ihre Stärken und das meiste Entwicklungspotenzial?
Ich bin athletisch und schnell, habe eine gute Kondition und unterstütze gerne die Offensive. Schwächen habe ich eher in der Defensive, wo es mir nicht immer gelingt, die Konzentration das ganze Spiel hindurch hochzuhalten.

Es gibt Gerüchte, Juventus Turin wolle Sie als Nachfolger für Stephan Lichtsteiner. Belastet so etwas das Nationalteam?
Nein, wir haben ein Superverhältnis, das sich davon nicht trüben lässt. Stephan ist ein hervorragender Fussballer, der sich auf das Wesentliche zu fokussieren versteht.

Wie sehen Sie Ihre Chancen, ein Aufgebot für die EM in Frankreich zu erhalten?
Trainer Petkovic legt grossen Wert darauf, dass wir Spielpraxis mitbringen. So hoffe ich, möglichst viel dazu beitragen zu können, dass Udinese sich beim Abstiegskampf in der Serie A behauptet.

Was unternehmen Sie in Ihrer Freizeit?
Ich flaniere durch die idyllischen Altstadtgassen, was in Udine möglich ist, ohne dass man dauernd angesprochen wird. Die Fans sind warmherzig, aber von der Art her fast schweizerisch respektvoll. Und mit meiner Freundin bin ich gerne in Venedig. Von dort gibt es recht gute Flugverbindungen nach Zürich das ist für Céline praktisch, da sie dort noch für eine Bank arbeitet.

Haben Sie auch Hobbys?
Ich höre viel Musik, meistens Pop. Und vor den Spielen klöpfe ich mich mit Hip-Hop oder House auf. Vor einem halben Jahre habe ich mir eine akustische Gitarre gekauft. Nun suche ich einen guten Lehrer meine Versuche, das Gitarrespielen mithilfe von Videos zu erlernen, verliefen alle fruchtlos.

Fussballstars fahren Sportwagen dieses Klischee gilt bei Udinese mit seinem Sponsor Dacia wohl nicht?
Ich finde Ferrari, Lamborghini und Maserati extrem schön, aber ich würde mir mit 23 Jahren nie einen solchen Sportwagen kaufen, weil ich dafür noch nicht genug geleistet und verdient habe. Es wäre allerdings auch nicht mein Stil, mit so etwas aufzukreuzen. Ich versuche bodenständig zu bleiben und fahre Audi.

Wichtige Daten

2014 hatte ich im Oktober meinen ersten Einsatz im A-Team der Schweizer Nationalmannschaft.

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