X

Beliebte Themen

Begegnung

Bergwärts

Ueli Steck erzählt, wie er an einem Berg ein zu hohes Risiko einging. Nun versucht er sich erneut an einer besonders schwierigen Erstbegehung.

TEXT
FOTOS
Peter Mosimann
06. März 2017

Interview

In Ueli Stecks Gesicht sind noch Magnesium-Spuren zu sehen. Wir befinden uns in der Kletterhalle OBloc in Ostermundigen. Der Fotograf wünschte sich vorhin ein paar Fotos von Ueli Steck an einem überhängenden Parcours und musste sich extrem beeilen, so schnell hangelte sich der bekannteste Bergsteiger der Schweiz die Wand hoch.
Nun sitzt er bei einem Kaffee an einem Tisch und bittet uns, ihn nicht als Extrembergsteiger zu bezeichnen: Extrem ist etwas, das man nicht kontrollieren kann. Der 40-jährige Berner aber versucht am Berg jederzeit alles unter Kontrolle zu haben. Was nicht immer, aber meistens gelingt.

Ueli Steck ist beim Klettern schnell unterwegs - auch wenn es überhängend wird.

Ueli Steck, wann wurden Sie vom Klettervirus befallen?
Schon früh, ich habe bereits als Kind angefangen, überall hochzuklettern, wo es möglich war. Auch über den Dachkännel in den ersten Stock unserer Wohnung. Meine Eltern haben es sofort akzeptiert. Ihnen war wichtig, dass wir das machen, was uns gefällt. Mein Vater sagte zu mir: Wenn du etwas machst, dann aber richtig! Ich habe das voll ausgelebt.

Was fasziniert Sie so sehr am Bergsteigen?
Ich liebe die Herausforderungen, die mir ein Projekt stellt. Und ich bin sehr ehrgeizig und kann diesen Ehrgeiz in den Bergen sehr gut ausleben.

Was ist mit dem Glücksgefühl oben auf dem Gipfel?
Das höre ich immer wieder: Dass dir ganz anders wird, wenn du es auf den Gipfel geschafft hast. Dieses Gefühl erlebe ich so nicht und zwar ganz bewusst. Ich sage mir immer: Zu einer Besteigung gehört auch noch ein Rückweg. Viele Unfälle ereignen sich gerade auf dem Rückweg, vielleicht, weil die Konzentration nicht mehr ganz so hoch ist. Der Abstieg ist meist weniger anstrengend, das verleitet schnell zum Gefühl: Wir haben es geschafft. Dem ist aber nicht so. Die Tour ist erst zu Ende, wenn du wieder zu Hause in deiner Stube sitzt.

Ist es nicht wichtig, dass man sich über etwas Erreichtes freut?
Ja, natürlich. Beim mir stellt sich das gute Gefühl aber erst mit Verzögerung ein, manchmal erst ein paar Tage später. Auf der Tour bin ich ohne grosse Emotionen unterwegs. Erst wenn alles abgeschlossen ist, wird der Kopf frei.

Sie haben schon einige Expeditionen abgebrochen. Wie schmerzhaft war das?
Das muss man akzeptieren. Gerade wenn ich Routen in Angriff nehme, die noch nie jemand bestiegen hat. Ich könnte auch irgendeine harmlose Tour auf einen 6000er machen. Das wäre dann vielleicht ein schönes Erlebnis, ich aber will Grenzen ausloten. Je höher die Herausforderung ist, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass du scheiterst. Weil so viele Faktoren reinspielen, die sich auf das Endergebnis auswirken. Letzten Frühling wollten wir eine Erstbegehung der Shishapangma-Südroute machen. Doch das Wetter war zu schlecht dafür. So haben wir uns auf Eintagestouren beschränkt, ohne den Gipfel zu erreichen. Bin ich deswegen nun gescheitert?

Ja, denn Ihr Ziel haben Sie nicht erreicht.
Ich sage trotzdem: Nein, wir sind nicht gescheitert. Wir haben unheimlich viel gelernt bei diesen kurzen Touren. Deshalb konnte ich es akzeptieren, dass es nicht ganz nach oben reichte. Der Gipfel ist nicht das Mass aller Dinge. Manchmal klappt auch etwas nicht, weil du einen Fehler gemacht hast. Vielleicht bist du mit zu wenig oder aber mit zu viel Material eingestiegen oder zu schnell losgelaufen. Wenn du solche Fehler genau analysierst, bringt dich das weiter. Vielleicht schaffst du es genau deshalb beim nächsten Mal, weil du diese Erfahrungen gesammelt hast.

Eine Familie liesse sich mit meinem Beruf nicht vereinbaren.»

Wer entscheidet am Ende, ob man auf eine geplante Tour verzichtet: der Kopf oder der Bauch?
Es ist eine Mischung aus beidem. Intuition spielt eine wichtige Rolle, man muss eine Expedition mit einem guten Gefühl beginnen. Ich habe doch ein paar Situationen erlebt, in denen Menschen starben. Heute sage ich lieber einmal zu viel: Nein, bei diesen Verhältnissen gehen wir nicht. Da spielt dann auch der Verstand eine Rolle. Letzten Frühling bei der erwähnten Shishapangma-Expedition habe ich ganz klar festgehalten: Wir steigen erst ein, wenn es einen Tag lang nicht geschneit hat. Da blieb ich eisern, was sich als richtig herausgestellt hat. Wenn man an einer Wand hängt, wo die Sonne nach einem Schneetag erstmals drauf schneit, dann kommt aber alles zu fliegen. Nach Schneefall einen Tag verstreichen zu lassen, war früher eine Grundregel des Bergsteigens oder der Skitouren. Heute hält sich fast niemand mehr daran. Deshalb gibt es auch so viele Lawinenunfälle. Die grösste Gefahr beim Bergsteigen ist mangelnde Geduld und wenn man zu übermotiviert ist.

Aber auch wenn man Geduld hat und vernünftig ist Bergsteigen ist trotzdem per se gefährlich, einverstanden?
Wenn man auf einen Berg steigt, ist das grundsätzlich gefährlicher, als zu Hause auf dem Sofa zu sitzen. Das Gefährlichste in den Bergen ist der Mensch selber. Er macht die Fehler, nicht der Berg. Natürlich gibt es Ereignisse, auf die du keinen Einfluss hast...
... zum Beispiel, wenn ein Stein auf dem Helm einschlägt und diesen spaltet...
... ja, natürlich brauchst du als Bergsteiger auch ein bisschen Glück. Ansonsten jedoch hängt fast alles von dir selber ab.

Hatten Sie Glück oder Pech, als Ihnen 2007 am Annapurna ein Stein auf den Kopf fiel?
Beides. Es war extremes Pech, dass ich vom Stein getroffen wurde. Dass ich mich danach nicht ernsthafter verletzte, als ich 200 Meter den Berg runterrutschte und -fiel, war wiederum grosses Glück.

Sie hätten damals auch sagen können: So viel Glück habe ich kein zweites Mal ich höre auf!
Das kam für mich nicht in Frage. Ich habe mir die Frage gestellt: Habe ich etwas Unvernünftiges getan? Bin ich in eine Wand hineingestiegen, die extrem steinschlaggefährdet war? Weil ich beide Fragen mit nein beantworten konnte, war für mich klar: Ich habe mir nichts vorzuwerfen.

Ueli Steck hatte viel Pech, dass er von einem Stein getroffen wurde, aber auch extremes Glück, dass er sich nicht verletzte.

Gab es auch schon Erlebnisse, nach denen Sie sich etwas vorzuwerfen hatten?
Ja, nachdem ich die Annapurna-Südwand bezwungen hatte. Da musste ich mir nachher eingestehen: Ich bin ganz klar ein zu hohes Risiko eingegangen! Das darfst Du so nie mehr machen, ein zweites Mal geht das nicht mehr gut. Das Erlebnis hat mich nachher sehr stark beschäftigt und auch eine Zeitlang gestresst.

Weshalb waren Sie da am Limit?
Ich bewegte mich bei allem, was ich tat, am Anschlag. Ein kleiner Fehler hätte mit grosser Wahrscheinlichkeit das Ende für mich bedeutet. Mir war nachher klar: So darf ich nie mehr an einem Berg unterwegs sein.

Es hätte also tragisch enden können. Wie sehr setzen Sie sich mit dem Tod auseinander? Reinhold Messner schloss eine gute Lebensversicherung ab, damit die Zukunft seiner Kinder gesichert gewesen wäre.
Ich habe keine Kinder und könnte mir auch nicht etwas Anderes vorstellen. Eine Familie würde sich meiner Meinung nach nicht mit dem vereinbaren lassen, was ich tue.

Reinhold Messner stellte beim Bergsteigen das Naturerlebnis in den Vordergrund. Wie wichtig ist es Ihnen?
Ich finde, das muss man nicht werten. Es gibt verschiedene Gründe, weshalb man Berge besteigt. Mich fasziniert in erster Linie die Herausforderung und die Leistung, die ich erbringen muss, um es nach oben zu schaffen. Ich hole ein wenig aus: Es gibt Menschen, die besteigen den Mount Everest mit einer Sauerstoffflasche, auf der Route mit den Fixseilen. Sie wollen einfach einmal auf diesem Berg stehen. Das ist legitim. Ich würde das nie verurteilen. Mich interessiert das aber überhaupt nicht. Für mich ist die Herausforderung, ohne Sauerstoff auf die 8848 Meter hochzuklettern. Jeder muss für sich selber definieren, was ihm wichtig ist. Messner war noch zu einer Zeit Bergsteiger, in der das Abenteuer im Vordergrund stand. Je länger eine Begehung dauerte, je länger man im schlechten Wetter unterwegs war und sich die Zehen abfror, desto besser war es.

Sie machen das Gegenteil.
Genau. Wenn ich in schlechtes Wetter gerate, weiss ich, dass ich einen Fehler gemacht habe: Dann habe ich nicht richtig geplant oder war zu lange unterwegs. Ich gehe gerne gezielt während eines bestimmten Zeitfensters in eine Wand und dann sofort wieder raus. Mit meinen schnellen Begehungen minimiere ich das Risiko. Auch die Gefahr, an der Höhenkrankheit zu erkranken, ist so viel kleiner, als wenn ich auf dem Berg biwakiere. Wenn ich Kopfweh habe und an der Wand hänge, kann ich sofort wieder runtersteigen. Liege ich hingegen im Zelt, ist es schwieriger, alles abzubrechen und umzukehren.

Sind Sie auch schon an der Höhenkrankheit erkrankt?
Einmal, auf 5500 Metern, bekam ich plötzlich starkes Kopfweh. Ich wusste sofort: Da kann ich nicht zuwarten. Also stieg ich um ein Uhr nachts runter. 300 Meter weiter talwärts war das Kopfweh sofort weg. Die Höhenkrankheit ist sehr unberechenbar. 2013 war ich während fünfeinhalb Tagen auf 7500 Metern und spürte nichts. Beim nächsten Mal kann das schon wieder ganz anders aussehen und du stirbst dabei. Es ist wichtig, sofort zu reagieren, wenn man irgendwelche Symptome spürt.

Der Massentourismus am Mount Everest wird von vielen kritisiert, von Ihnen hingegen nicht.
Wenn ich das wirklich kritisiere, dann muss ich mir überlegen, was ich selber mache. Auch ich lebe vom Bergsteigen. Ich fände es deshalb unfair, andere dafür zu kritisieren, dass sie damit Geld verdienen, die Menschen auf den Mount Everest hinaufzubringen. Es hat auch seine guten Seiten.

Ist es also scheinheilig, wenn Bergsteiger den Massentourismus kritisieren?
Wenn er selber davon lebt, ist es sehr, sehr scheinheilig. Er profitiert ja auch von der Masse der Touristen und den Sponsoren, die wiederum nur dabei sind, wenn etwas richtig kommerziell ist.

Wir sind hier in einer Kletterhalle in Münsingen. Das ist sicher nicht gleich prickelnd, wie einen Berg hochzukraxeln.
Mir gefällt beides. Ich kann mich extrem motivieren, in der Halle zu klettern und verbringe hier viel Zeit mit Training. Dabei spüre ich meinen Körper. Und weiss genau, wie ich das Maximum herausholen kann.

Dieses Maximum verschiebt sich aber mit zunehmendem Alter.
Ja, die Erholungszeit wird länger, die Kraft lässt nach. Wenn du das akzeptierst, bist du zufrieden.

Wie sieht Ihre Zukunft aus?
Ich werde noch eine Zeitlang weiterklettern. Im April und Mai versuche ich vom Mount Everest auf den Lhotse zu kommen. Diese beiden 8000er hat noch nie jemand ohne Sauerstoff überquert. Das ist ein spannendes Projekt: Wie lange kann sich der Körper auf dieser Höhe bewegen? Sonst bin ich nur kurz in einer Wand oder oben auf einem Berg. Hier aber werden es ausnahmsweise 24, vielleicht sogar 48 Stunden sein. Längerfristig kann ich mir gut vorstellen, in der Schuhentwicklung neue Herausforderungen zu suchen.

Das wäre dann nicht so gefährlich.
Ja, vielleicht bewahrt mich das vor dem Schicksal anderer Bergsteiger. Wie viele von ihnen sind nach dem 40. Lebensjahr verunglückt! Ich werde sicher nicht mein ganzes Leben lang irgendwelchen Rekorden nachjagen.