X

Beliebte Themen

Begegnung

Evergreen Emil

Ein Computer kann dich nicht anlachen, sagt Emil Steinberger. Der Kabarettist steht mit 84 Jahren immer noch auf der Bühne.

TEXT
FOTOS
Niccel Steinberger, Lucian Hunziker
01. Mai 2017

Einer der berühmtesten Sketche von Emil: Polizist Schnyder hat nächtlichen Notrufdienst und bekommt allerhand zu hören zuletzt von seinem Chef.


Interview

Die Mienen der Kellner hellen sich auf, schon bald wird an den Tischen getuschelt: Als Ikone Emil Steinberger zum Interview-Termin erscheint, trägt er einen türkis-
farbenen Pullover und ein herzliches Lächeln im Gesicht. Auf dem Tisch im Restaurant Kunsthalle in Basel steht bereits eine Flasche Wasser. Diese nimmt er mir nach Einschenken seines Glases mit den Worten Einliter-Flaschen sind einfach unpraktisch für Frauenhände ab. Die Situation fühlt sich für mich surreal an. Während meiner Kindheit hat meine Mutter mit Luzerner Wurzeln von ihm vorgeschwärmt und Sketches vorgespielt. Nun sitzt mir der Zugpassagier, der einst das Chileli vo Wassen dreimal bestaunte, gegenüber.

Sie haben soeben die Aufzeichnung Ihres Programms auf Französisch hinter sich. Verspürten Sie mehr Lampenfieber als gewöhnlich?
Nein! (schüttelt energisch den Kopf). Wenn ich Lampenfieber hätte, würde ich sofort mit Kabarett aufhören.

Ihnen war also nie mulmig zumute?
Nein, ich stehe gerne auf der Bühne. Und wenn mir ein französisches Wort mal nicht einfällt, rate ich so lange mit dem Publikum, bis wir uns verstehen.

Sie treten derzeit täglich auf. Wie lange sind Ihre Tage?
Das ist unterschiedlich. Gestern bin ich um 1.30 Uhr zu Bett gegangen, das war ein langer Tag. Das macht mir allerdings nichts aus, aber wissen Sie, was mich beelendet?

Sie werden es mir hoffentlich gleich verraten.
Dass spätabends kaum noch Essen aufgetrieben werden kann! Letztens hatte ich Lust auf Glace, doch meine Frau Niccel und ich haben nach 23 Uhr keines gekriegt! Das verstehe ich nicht. Die Beizer winken für warmes Essen teilweise schon nach 21 Uhr ab, die Küche sei schon zu. Eine ähnliche Erfahrung machten wir schon in Hotels.

Toben Sie sich dann jeweils an den Snacks der Hotelbar aus?
Eine solche gibt es oftmals gar nicht mehr, denn es sei zu viel Aufwand. Dabei verstehe ich nicht, weshalb es im Hotel-Kühlschrank nicht immer einen Klöpfer haben kann oder der Concierge aus dem Küchenkühlschrank einen auftreibt und dazu einige Stücke Brot. Das gehört doch zum Service, dass Spätankömmlinge nicht mit Hunger ins Bett müssen!

Das nächste Mal bestellen Sie halt eine Pizza.
Meinen Sie? Aberist das denn gesünder?

Sicherlich nicht wesentlich ungesünder als ein Waldfest also Klöpfer und Brot!
Da haben Sie auch wieder recht. Wie ernähren Sie sich denn?

Ich koche oft und probiere gerne Neues aus.
Sehen Sie, da bin ich ganz anders. Niccel und ich kochen einfache Gerichte mit dem Ziel, uns zu verpflegen. Uns fehlt schlicht die Zeit für aufwendige Gerichte. Zudem graut es mir schon, wenn ich all die Zutaten in Rezepten sehe. Dann habe ich wieder viele angebrochene Saucen und Gewürze zu Hause, die ich nie mehr brauche Nein, eine Leidenschaft wird das Kochen nicht mehr.

Dafür stehen Sie seit 60 Jahren auf der Bühne, dort liegt Ihre Leidenschaft
...und wie, ich liebe meine Berufung! Doch immer mehr spüre ich, dass insbesondere junge Menschen diese Leidenschaft nicht mehr entfachen können. Die Leute sind derart verwöhnt und stellen hohe Ansprüche an ihren Beruf. So können sie gar nicht glücklich werden!

Grösste Enttäuschung derzeit? Dass ich spätabends keinen Klöpfer bekomme.»

In welchem Moment empfanden Sie erstmals pures Glück?
Als ich mit 27 Jahren meinen Postbeamten-Job gekündet habe! (lacht). Niemand verstand damals, dass ich einen sicheren Beamtenjob aufgab, um fünf Jahre wieder zur Schule zu gehen.

Dann raten Sie jedem Mensch, der mit seinem Job nicht zufrieden ist, zur Kündigung?
Natürlich nicht! Aber ich habe auch jahrelang einen Beruf ausgeübt, der mir nicht zu hundert Prozent gelegen ist. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich war gerne Postbeamter. Aber 40 Jahre nochmals die gleichen Arbeiten machenmit 25 Jahren habe ich schon bei Ferienablösungen die Arbeiten eines Chefs erledigen müssen. Also wusste ich, dass da beruflich keine grossen Überraschungen mehr auf mich zukommen würden. Trotzdem hat mir der Beruf gefallen. Dadurch habe ich viele Menschen kennengelernt, mein Netzwerk stetig ausgebaut. Die Jungen haben verlernt, einfach mal zu arbeiten und zufrieden zu sein.

Sie sprechen ganz schön Klartext. Können Sie die Aussage an einem Beispiel festmachen?
Der Bruder von Niccel ist Zahnarzt und versucht gerade verzweifelt, eine gute Assistentin zu finden. Sie können sich nicht vorstellen, wie hoch die Ansprüche der Bewerberinnen sind die Leistungen aber beschränkt!

Kein gutes Zeugnis für die Jugend. Blicken Sie daher der Zukunft eher düster entgegen?
Nicht grundsätzlich. Jedoch finde ich auch den Trend zu immer ausgefeilteren technischen Produkten fragwürdig.

Haben Sie etwa kein Smartphone?
Selbstverständlich besitze ich eines. Doch muss ich es nicht ständig konsultieren! Bei unserem letzten Besuch in New York sind Niccel und ich ins Theater gegangen. Und was musste ich dort erleben? 90 Prozent der Leute haben in ihren Sitzen, vor Beginn, in der Pause und am Schluss der Vorstellung immer sofort ihr Smartphone gezückt und sprachlos draufgestarrt. Was sie erlebt haben, war schon weg. Diese Gleichgültigkeit für den Moment schleicht sich leider vermehrt in den Alltag.

Was raten Sie denn einem jungen Menschen im Jahr 2017, damit er dieses Verhalten ablegen kann?
Mehr hinterfragen, was um einen herum passiert. Und realisieren, dass Menschen nicht nur mit Maschinen existieren können. Ein Computer kann dich nicht anlachen. Ein Smartphone kann dich nicht in den Arm nehmen und Wärme verströmen.

Sie sind 84 Jahre, betreten jeden Abend die Bühne und unterhalten das Publikum. Woher nehmen Sie die Kraft?
Mein Arzt hat mir gesagt, ich solle bloss weitermachen und meine Frau akzeptiert es nicht nur, sie ist jeden Abend als Helferin dabei und inspiriert mich, denkt mit wir sind ein Zwei-Personen-Betrieb. Und solange mich die Leute sehen wollen, stehe ich noch so gerne auf der Bühne.

Und wie schaffen Sie es, in Zeiten von Krisen und Konflikten die Leute zu unterhalten?
Natürlich ist es gerade im 2017 denkbar schwer, den Weltschmerz abzulegen und die Menschen zu unterhalten. Doch gerade deshalb ist es eine Wohltat, für drei Stunden abzuschalten und einfach zu lachen. Dieses Gefühl versuche ich jeden Abend aufs Neue zu hinterlassen.

Zu guter Letzt: Welchen Tipp geben Sie den Menschen mit auf den Weg?
Immer neugierig sein! Dadurch geht man mit offenen Augen durchs Leben, erlebt Unglaubliches, trifft Menschen. Natürlich hatte ich viel Glück im Leben aber ich mache auch meine Neugierde dafür verantwortlich. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch einen Sender in sich trägt und seine Ideen und Überlegungen unbewusst ausstrahlt. Und eines Tages trifft man auf den Empfänger, der das Gleiche vor oder im Sinn hat. Was kann Besseres passieren?

Ticketbestellung zur aktuellen Tournee finden Sie auf der Homepage von Emil Steinberger unter Termine.

Kabarettist

Gerade im 2017 mit Krisen und Konflikten ist es eine Wohltat, für drei Stunden abzuschalten und einfach zu lachen.

Emil Steinberger (84) absolvierte nach einer Postbeamtenlehre eine Ausbildung zum Grafiker. Seit 1957 steht er als Mitglied etlicher Kabarett-Ensembles und als Solokünstler auf der Bühne. Für sein aktuelles Programm Emil no einisch! sind in Zürich für den 16. und 17. Mai noch Tickets erhältlich. Ab September ist er weiter auf Tournee in der Deutschschweiz.

Mehr Emil-Videos