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Google-Schweiz-Chef: Ich lerne gern

Google hat in Zürich bald 2500 Mitarbeitende aus 85 Nationen. Länderchef Patrick Warnking (50) ist einer von ihnen.

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Stéphanie Liphardt
20. November 2017

Mit vollem Elan bei Google Schweiz: Als Country Director bringt Patrick Warnking nicht nur Espressotassen in Bewegung.


Zukunftsschmiede

Herr Warnking, was haben Sie heute als Erstes gegoogelt?
Noch nichts, ich hatte gleich am Morgen ein Meeting.

Aber sicher begleitet Sie Ihr Smartphone durch den Tag?
Ich lasse mich davon wecken, benutze es aber danach erst wieder im ÖV auf dem Weg zur Arbeit. Am Morgen kommen erst die Kinder, meine Frau und der erste Kaffee zu Hause.

Google Schweiz hat 2004 mit zwei Leuten begonnen. Heute sind es knapp 2500 und Sie planen für doppelt so viele. Was treibt dieses Wachstum?
Dass wir seit 13 Jahren hier investieren, sagt viel über die Innovationskraft und die tollen Talente, die man hier finden kann. In der Informatik gehören ETH Zürich und EPFL Lausanne, aber auch die Uni Zürich und einige Fachhochschulen zu den besten der Welt.

Die Lebensqualität spielt aber auch eine Rolle?
Sicher! Viele Talente, die wir hierher holen, verlieben sich in die Schweiz und bleiben gerne. Das ging mir auch so. Ich kam aber schon als Kind oft aus Deutschland zu den Verwandten in die Schweiz und lernte in Hoch-Ybrig SZ Skifahren.

Seit 2015 heisst die Google-Holding Alphabet. Ist das Digitale heute ebenso wichtig wie Schreiben und Lesen?
Aus- und Weiterbildung sind zentrale Themen der Digitalisierung, wenn nicht die wichtigsten. Dazu müssen wir alle bei den Kindern und Jugendlichen einerseits die Leidenschaft fürs Digitale wecken, ihnen aber zugleich den richtigen Umgang beibringen. Sie brauchen nicht nur Games, sondern auch Medienkompetenz. Und vielleicht auch berufliches Interesse: Die Schweiz hat als Forschungs- und Entwicklungsstandort steigenden Bedarf an Absolventen aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik.

Wie kann man junge Leute dazu bringen, die Informatik uncool finden und lieber Youtuber werden wollen?
Es müssen ja nicht alle Programmierer werden. Aber es braucht analytisches Denken und die Bereitschaft, sich immer weiterzubilden, auch nach Abschluss von Schule, Berufsausbildung oder Studium. Das sehr gute Aus- und Weiterbildungssystem der Schweiz mit hoher Durchlässigkeit bietet viele Chancen. Das lebenslange Lernen ist wichtig für jeden Einzelnen, aber auch das Erfolgsrezept, damit die Schweiz weiterhin wettbewerbsfähig bleibt.

Viele Talente, die wir hierher holen, verlieben sich in die Schweiz und bleiben gerne.»

Digitalisierung verbinden viele mit Angst um den Arbeitsplatz. Ist diese Sorge berechtigt?
Sicher müssen sich alle eine gewisse Medien- und Digitalkompetenz aneignen, das wird in allen Berufen relevant sein. Aber es wird weiterhin auch persönliche Betreuung brauchen, ob in Pflege und Medizin oder im Tourismus. In der Dienstleistung sehe ich die Automatisierung nicht so stark. Bei Forschung und Entwicklung wird man ebenso weiter auf Menschen setzen. Dagegen wird es in Ländern mit hohem Anteil an Fabrikproduktion mehr Automatisierung und somit auch Jobverlagerungen geben.

Geschäftsführer sehen vor allem die Zahlen. Was ist für Sie das Besondere daran, bei Google Schweiz zu arbeiten?
Wir sind in erster Linie Forschungs- und Entwicklungszentrum. Darum werden wir nicht so sehr nach Gewinn und Verlust betrachtet wie andere Unternehmen. Dass ich gerne bei Google arbeite, liegt vor allem daran, dass ich gerne lerne. Ich kann mit ganz verschiedenen, spannenden Leuten zusammenarbeiten, auch ausserhalb von Google, und es wird nie langweilig.

Zuvor waren Sie bei einem TV-Unternehmen. Was reizte Sie an Google?
Damals kam gerade Youtube dazu, und dass die Textsuche durch das Bewegtbild erweitert wurde, fand ich sehr spannend. Ich wusste, wie stark sich die Videonutzung bereits ins Internet verlagert hatte und es war abzusehen, dass sich das noch verstärken würde. Hinzu kam, dass ich an Google die neuen Formen der Zusammenarbeit im Unternehmen schätzte.

Was ist darunter zu verstehen?
Bei Google arbeiten wir viel mehr in Teams mit weniger starren Hierarchien. Und wir machen Innovation von unten möglich: Jeder kann hier 20 Prozent seiner Arbeitszeit an eigenen Ideen arbeiten, muss aber versuchen, Kolleginnen und Kollegen dafür zu begeistern, um das Projekt dann gemeinsam zum Erfolg zu führen. Diesen Gewinn an Freiheit schätze ich bis heute.

Wie viel Freiheit bleibt Ihnen für Familie und Privatleben?
Klar, zu meiner Funktion gehört es, dass auch Anlässe am Abend stattfinden. Aber ich achte darauf, schon Wochen im Voraus genug Zeit einzuplanen, um Abende privat verbringen zu können, und am Wochenende arbeite ich gar nicht. Im Schweizer Team gilt auch die Regel, dass wir nach 20 Uhr und am Wochenende keine E-Mails schreiben, ausser in Notfällen. So lässt sich die Work-Life-Balance langfristig ins Gleichgewicht bringen.

Wie halten Sie sich fit?
Ich treibe gerne Sport, und das Hobby lässt sich mit dem Beruf verbinden: Die Feedback-Walks, also Ein-Stunden-Spaziergänge ohne technische Geräte, bei denen wir uns in der freien Natur besprechen und Ideen austauschen, sind fester Bestandteil unserer Art zu arbeiten. Mit einigen Kollegen mache ich das auch beim Joggen der Sihl entlang bis in den Wald oder am Zürichsee.

Sie erwähnten zu Beginn Ihre Familie. Sind Ihre Kinder stolz darauf, dass der Papa einen so coolen Job hat?
Das Interesse ist da, und sie fragen mich auch zu digitalen Themen. Wie andere auch begeistern sie sich für einige Youtube-Kanäle. Meine Frau und ich achten aber darauf, dass unsere Kinder sinnvoll mit den digitalen Medien umgehen. Dass sie lernen, das Internet nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch für die Hausaufgaben zu nutzen. Dass sie auch rausgehen und sich mit Freunden treffen. Damit es nicht zu viel wird, haben wir zwei WLAN-Netze, das kann jeder relativ einfach zu Hause einrichten. Das eine ist für die Kinder, und das schalte ich auch regelmässig ab, das andere ist für meine Frau und mich.

Das Internet macht die Welt zum globalen Dorf, theoretisch hat jeder Zugang zu Bildung. Werden unsere Kinder in einer freieren Gesellschaft leben?
In der Schweiz haben wir ja eine sehr positive Tradition für basisdemokratische Elemente, und dafür gibt es durch das Internet auch global betrachtet mehr Potenzial, vor allem durch den Zugang zu Information sowie Aus- und Weiterbildung.

Haben Sie einen Traum, ein Ziel etwas, das Sie in Ihrem Leben verwirklichen wollen?
Ich möchte einen Teil dazu beitragen, dass mit dem digitalen Wandel Menschen ihre Zukunft positiver gestalten und Unternehmen neue Arbeitsplätze schaffen können. Dafür engagiere ich mich bei Google, bei der Initiative Digital Switzerland, im Beirat Digitale Transformation des Bundesrats, aber auch bei Non-Profit-Organisationen wie Unicef.

Google Schweiz

Die Nutzung der weltweit führenden Suchmaschine ist so alltäglich geworden, dass googeln seit 2004 im Duden steht. Auch in Zürich arbeiten Teams an der Weiterentwicklung der Google-Suche, neben anderen Funktionen wie Google Assistant oder Calendar. Hier ist das grösste Youtube-Entwickler-Team ausserhalb der USA sowie seit Kurzem Google Research Europe, ein Forschungszentrum für maschinelles Lernen.