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Begegnung

Mir egal!

Sion-Präsident und Bauunternehmer Christian Constantin (60) über seine schwierige Kindheit und die vielen Trainerentlassungen.

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Thomas Andenmatten
09. Oktober 2017

Umstritten

Mittelstürmer müssen im Fussball dort hingehen, wo es weh tut. Journalisten auch. Also auf nach Martigny, zu Christian Constantin. Der 60-jährige Walliser polarisiert, er regt auf, zuletzt langte er gar zu: Seine Ohrfeigen an Rolf Fringer gingen um die Welt. Im direkten Gespräch ist Constantin meist charmant, zuweilen auch amüsant. Doch es ist nicht der Zeitpunkt, um Witze zu reissen. Deshalb machen wir vor dem Gespräch klar, was ihn erwartet: Direkte, kritische Fragen. Constantin antwortet: Je men fou! Zu Deutsch: Mir egal!

Christian Constantin, sind Sie selbstkritisch?
Ja, das bin ich. Manchmal mache ich kleine Fehler, manchmal grosse. Dann versuche ich daraus zu lernen. Es ist aber nicht so, dass ich mir selber ständig Vorwürfe mache. Nicht alles ist planbar. Wenn ich in den Bergen Land kaufe und dann verliert dieses wegen der Zweitwohnungsinitiative an Wert, dann bringt es nichts, wenn ich mich selber zerreisse. Das würde nur dazu führen, dass ich nichts mehr wage. Ohne Mut aber hat man keinen Erfolg.

Und wie kritisch ist Ihr Umfeld? Gibt es niemanden, der Ihnen sagt: Christian, jetzt bist zu weit gegangen!? Zum Beispiel bei Rolf Fringer.
Gut, reden wir über Fringer. Seit 2009 redet er mich in allen Medien, die ihm eine Plattform bieten, schlecht. Seit dieser Saison tut er das als Chefkritiker bei Teleclub

das haben Sie schon alles nach der Ohrfeigen-Affäre in Lugano erklärt
dann tue ich es halt nochmals. Am meisten schmerzt mich bei seiner Kritik, wenn er erzählt, dass ich der Liga nichts bringe, ohne Empathie und obendrein ein Egomane sei. Wie kommt er dazu, so etwas zu behaupten? Ich zahle hier jeden Monat viel Geld ein, um offene Rechnungen zu begleichen. In dieser Region braucht ein Club, der Profifussball betreiben will, einen Mäzen, anders geht es gar nicht. Ich war sehr wütend darüber und dachte: Was erzählst du da, wo du deinen ganzen Lebensunterhalt mit Fussball bestritten, selber aber noch nie einen Franken in den Fussball gesteckt hast? Zuerst gerieten er und mein Sohn Bartholomé aneinander, dann

nochmals: Wir wissen alle, was passiert ist.
Es ist nicht gut, was ich gemacht habe, aber Fringer hat es verdient.

Sie würden also wieder so handeln? Oder doch nicht?
Das klingt widersprüchlich, ist aber so. Ich war wütend. Übertreiben wir nicht. Ich habe ihm Ohrfeigen verpasst, keine Schläge. Es war mehr die Demütigung, die ihn schmerzte. Er darf und soll ein schlechtes Spiel kritisieren. Aber nicht ständig auf den Mann spielen. Als das Schweizer Nationalteam unter Trainer Fringer in Baku verloren hat, sagte ich auch nichts über ihn.

Sie dürfen rausgehen und mich hart kritisieren. Damit habe ich kein Problem.»

Mich erstaunte von Anfang an, dass es Sie überhaupt stört, was er erzählt. Sonst geben Sie doch stets zu verstehen, dass es Ihnen egal sei, was man über Sie sagt oder schreibt!
Sie dürfen nach diesem Gespräch rausgehen und mich hart kritisieren. Kein Problem. Sie sitzen mir von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Sie stellen mir kritische Fragen, geben mir aber auch die Gelegenheit, mich zu erklären. Rolf Fringer machte das nie. Er sitzt irgendwo im Studio in Zürich und lästert über mich ab. Ohne mir die Chance zu geben, mich zu erklären! Wenn er mir bei Teleclub seine Kritik direkt ins Gesicht gesagt hätte, wäre ich der Letzte gewesen, der das nicht akzeptiert hätte.

Können Sie sein, ohne zu polarisieren?
Nein, darum geht es mir nicht. Mich interessieren Offenheit und Ehrlichkeit. Es gibt Stimmen, die sagen: Hätte Constantin Fringer doch im Parking abgepasst, hätte er jetzt kein Problem. Das ist nicht mein Stil. Ich mache keine Versteckspiele.

Ich muss mich wiederholen: Würden Sie es nochmals tun?
Ich bin ein Mensch mit all seinen Fehlern. Was ich tat, war eine menschliche Reaktion. Es war nicht gut, aber er hat es verdient.

Sie überschritten ganz klar eine Grenze, indem Sie Rolf Fringer körperlich angriffen.
Sie können einen Menschen mit Worten viel mehr verletzen, als wenn Sie ihm ein paar Ohrfeigen verpassen und ihn in den Hintern treten. Auch das Strafgesetzbuch betrachtet Ehrverletzungen nicht als Kavaliersdelikt.

Wie sind Sie so geworden, wie Sie sind? Immer mit dem Kopf durch die Wand!
Schwierig. Vielleicht hat es mit der Kindheit zu tun. Meine Mutter erkrankte, als ich sechs war, an Leukämie. Es war ein langer Kampf. Plötzlich stand ich alleine da in der Welt. Ich hatte zwar einen fantastischen Vater, doch als Bauunternehmer hatte er wenig Zeit. So etwas prägt. Es gibt keine Komfortzone mehr, sondern du musst dich mit den harten Realitäten der Welt auseinandersetzen. Du musst vieles selber regeln. Wohl deshalb verkrieche ich mich nicht in der Ecke, wenn mich Fringer zum wiederholten Mal angreift. Sondern nehme es selber in die Hand.

Regelten Sie in der Schule auch alles selber?
Ich habe immer die Kleinen und Schwachen verteidigt. Das liegt in meiner Natur. Mein Sohn ist genauso. Wenn sich beim Fussball einer der Gegner verletzte, war er immer der Erste, der sich um ihn kümmerte.

Sie legen sich gerne mit dem Verband an. Hatten Sie früher auch Probleme mit Autoritäten?
Ich war nicht der fleissigste Schüler, weil ich lieber Fussball spielte, als zu Hause zu büffeln. Aber mit Lehrern hatte ich nie Probleme, ebenso wenig mit den Vorgesetzten im Militär.

Weshalb Ihr Engagement für den FC Sion?
Weil ich den Fussball liebe

nicht, weil Sie Macht ausüben können?
Nein, ich mache das aus Liebe zum Fussball. Ich schaue viel Fussball, so auch, wie der FC Basel in Moskau gewann. Ich gratulierte Raphael Wicky zum Sieg. Er gab einst bei uns sein Debüt als Profi.

Warum haben Sie nicht ihn als Trainer verpflichtet?
Raphael soll Erfahrungen sammeln. Ich bin sicher, dass er ein guter Trainer wird.

Ich habe immer die Kleinen und Schwachen verteidigt.»

Wären Sie gerne Trainer unter Christian Constantin?
Ja, ich glaube, das würde mir Spass machen.

Keine Angst vor der Entlassung?
Wenn die Resultate nicht mehr stimmen würden, hätte ich es verdient.

Wie viele Trainer haben Sie schon entlassen?
Ich weiss es nicht. Ausser Uli Stielike und Gilbert Gress würden jedoch fast alle sofort wieder auf die Bank zurückkehren, wenn sie könnten.

Es waren 39 Trainer*. Jeder, der bei Ihnen anheuert, weiss im Voraus, dass das Fallbeil irgendwann auch auf ihn fällt.
Wer einen guten Job macht, hat nichts zu befürchten. Den wechsle ich nicht aus.

Ausser er verliert zu viel, trotz guter Arbeit.
Die Arbeit eines Trainers ist gut, wenn er gewinnt. Am Ende zählt nur das Resultat.

Ihr Ruf ist nach der Ohrfeigen-Affäre noch mehr beschädigt. Alle, die hörten, dass ich Sie besuche, sagten: Zieh dir einen Helm an! Oder: Hast du einen guten Zahnarzt?
Das zeigt nur, dass diese Menschen Humor haben.

So wollte ich das jetzt nicht verstanden haben. Es ist nicht lustig, was Sie getan haben.
Okay, es ist nicht lustig. Aber übertreiben wollen wir auch nicht. Ich habe kein Kind missbraucht. Wenn ein paar harmlose Ohrfeigen eines Clubpräsidenten gegen einen Fussballexperten die schlimmste Sache der Welt sind, dann hat diese wirklich ein ernsthaftes Problem.

Reden wir noch über das Olympia-Projekt 2026. Sie haben sich aus dem OK zurückgezogen. Dieses erklärte, dass es auf Ihren Beitrag von einer halben Million Franken pfeift.
Umso besser! (Lacht.) Dann sollen sie das tun. Aber um eines klarzustellen: Es ist immer noch mein Projekt, meine Idee, meine Marke. Der erste wichtige Schritt ist geglückt: Es war entscheidend, dass der Bundesrat sich für eine Kandidatur stark macht. Das ist jetzt der Fall. Nun geht es darum, eine Mehrheit in der Walliser Bevölkerung zu schaffen, die dem Projekt gegenüber positiv eingestellt ist.

Braucht die Kandidatur Sie?
Es braucht alle. Das müssen wir den Leuten verständlich machen. Bin ich dabei, sind viele darüber unglücklich. Bin ich nicht dabei, sind noch mehr unglücklich. Wir müssen alle zusammenhalten, dann haben wir mit dieser Kandidatur Erfolg.

* Das Interview fand vor der Entlassung von Trainer Paolo Tramezzani statt. Die Zahl der geschassten Coaches unter Christian Constantin erhöht sich damit auf 40.