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Begegnung

Mr. Nachdenklich

Sänger Noah Veraguth hatte im letzten Jahr viel zu verarbeiten. Diese Gefühle flossen in das neue Album ein. Zudem fühlt er sich in seiner Wahlheimat Berlin wohl dort wird etwa seine Expertise als Schiri geschätzt.

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Miriam Ritler
03. Juli 2017

Voller Elan auf der Bühne: Noah Veraguth tobte sich Anfang Juni am Argovia-Fäscht aus.


Interview

Ich habe nicht mehr den Stress, den Leuten etwas beweisen zu müssen.

Die Bieler Popband Pegasus hat vor allem ein Aushängeschild: einen gross gewachsenen, dunklen Lockenkopf, der Brille und Zahnlücke trägt. Er heisst Noah Veraguth und ist Frontsänger der Band. Die Gruppe nahm bereits drei Mal den Swiss Music Award entgegen und zwei Mal die Auszeichnung als Bieler des Jahres. Der 29-jährige Veraguth trifft an diesem Nachmittag edel im Sakko gekleidet und mit Lackschuhen zum Termin in einem Zürcher Café ein. Seine Statur ist unverkennbar (sind es schon zwei Meter?), hie und da wird er von Augenpaaren gemustert. Nonchalant setzt er sich an einen Tisch mit Blick auf die Limmat.

Noah Veraguth, Sie leben in Berlin. Wie ist es, zu Besuch in der Schweiz zu sein?
Teuer! (Lacht). Es ist echt Wahnsinn, wie frappant der Preisunterschied ist. Beispielsweise für Essen: Bekomme ich in Berlin für 20 Franken ein tolles japanisches Essen, muss ich hier locker 80 Franken abdrücken!

Fürchten Sie also den kostspieligen Sommer, der auf Sie zukommt?
Nein, im Gegenteil: Ich freue mich riesig, wieder in der Schweiz auf der Bühne zu stehen. Die Schweiz ist ein tolles Land, ich kann mir nicht vorstellen, lange wegzubleiben. Während sieben Monaten haben wir in Deutschland Songs aufgenommen, jetzt ist Zeit für Heimat.

Beim Hören der zehn neuen Songs beschleicht einen das Gefühl, Sie hätten beim Komponieren Liebeskummer gehabt. War dem so?
Nein, das war nicht der Fall jedenfalls nicht im klassischen Sinne! Aber wenn eine musikalische Beziehung zu Ende geht, hinterlässt das auch Wunden. Es gab im letzten Jahr viel zu verarbeiten: Unser Gitarrist und Kindheitsfreund Simon Spahr verliess die Band. Auch andere Phasen gingen zu Ende: Wir haben das Musiklabel und den Produzenten gewechselt.

Uns ist bewusst, dass wir mit unserer Musik polarisieren.»

Noah Veraguth (29), Frontsänger Pegasus

Im Song God Knows stellen Sie sich die berühmte Was wäre, wenn -Frage. Haben Sie den Song für Simon Spahr geschrieben?
Selbstverständlich war sein Abgang der Anstoss dazu. Aber der Song geht noch tiefer: Ich habe mir generell viele Fragen gestellt. War ich ein guter Freund? War ich ein guter Sohn? Was hätte ich anders machen sollen? Ich habe den Song also nicht für jemanden, sondern für ganz viele in meinem Umfeld geschrieben.

Der Songtitel This World Is Not My home klingt bedrohlich. Wo sind Sie denn zu Hause?
Der Titel ist bildlich gemeint. Derzeit passiert so viel auf der Welt: Die EU bröckelt, politische Konflikte spitzen sich zu. Da frage ich mich manchmal schon, auf was für einem Planeten wir leben. Als ich aufwuchs, hatte ich noch kein Handy, es war alles viel einfacher. Institutionen sind im Umbruch, wir befinden uns in einer schnelllebigen Zeit. Ich bin gespannt auf das, was da noch auf uns zukommen wird.

Fürs Songwriting haben Sie mit der restlichen Band ein Cottage in London gemietet. Klappt Kreativität auf Knopfdruck?
Und wie! Es ging dabei auch mehr um den Tapetenwechsel: Auf einmal waren wir eine Band, die in London Songs schreibt! Natürlich gibt es viele davon aber uns hat das einen gewissen Kick gegeben. Das ist, wie wenn man in New York im Starbucks einen Coffee to go bestellt und dann mit der XXL-Sonnenbrille wieder das Lokal verlässt. Innerhalb von vier Monaten haben wir 100 Songs geschrieben!

Nur zehn haben es auf die neue Platte geschafft. War die Auswahl schwer?
Überhaupt nicht! Bei ganz vielen Melodien und Takten ist es besser, dass sie niemals das Cottage verlassen haben.

Apropos: Welches Lied hören Sie gerne, obwohl Sie wissen, dass es belächelt wird?
Ha, darüber habe ich gerade letzthin mit einem Freund geredet. Das ist mir jetzt etwas peinlich. Ich finde DJ Bobos There Is a Party einen Riesen-Song.

Das ist doch nicht peinlich! Ich habe ihn schon live gesehen.
Echt? Da sind Sie mir voraus! Auf alle Fälle ist er der einzige Schweizer Musiker, den Berliner Taxichauffeure kennen.

Wie lebt es sich sonst in der deutschen Hauptstadt?
Gut, mir gefällt es sehr. Es passiert ständig viel, Berlin ist ein unglaublich kreativer Hotspot. Nach und nach habe ich festgestellt, dass Deutsche eine versteckte Bewunderung für Schweizer hegen. Eine Anekdote dazu: Am Samstag gehe ich mit einigen Einheimischen Fussball spielen. Bei unklaren Situationen werde ich jeweils um Rat gefragt. Schliesslich bin ich in ihren Augen der neutrale Schweizer und habe sicherlich intuitiv eine Entscheidung bereit.

Musiker leben oft nicht alleine von ihrer Leidenschaft. Wann haben Sie persönlich für Musik zuletzt bezahlt?
Ich habe mir letzte Woche eine Schallplatte von Marvin Gaye gekauft.

Nutzen Sie privat Streamingdienste?
Ja, wir haben ein Band-Konto bei Spotify, das wir uns teilen. Ich finde es toll, Musik jederzeit hören zu können. Aber aus Sicht des Musikers wäre es natürlich schon toll, wenn dabei auch ein substanzieller Beitrag an die Bands fliessen würde.

Auf Spotify sind alle Ihre Platten verfügbar, sogar die erste von 2007.
Ja, das weiss ich. Wobei: Persönlich wäre es mir manchmal lieber, wenn nur das aktuelle und die letzten zwei Alben zur Verfügung stünden.

Weshalb? Schämen Sie sich für die ersten CDs?
Nein, überhaupt nicht! Aber wir hatten unseren Stil noch nicht gefunden. Die Band klang damals ganz anders.

Es gibt kritische Stimmen, die bemängeln, dass Sie Ihren eigenen Stil dem kommerziellen Erfolg geopfert haben
Das Gegenteil ist richtig: Wir riskieren lieber etwas und probieren aus, statt stehen zu bleiben. Auf dem neuen Album sind beispielsweise nur richtige Instrumente hörbar, wir haben uns vom digitalen Sound wieder etwas entfernt. Dabei ist uns bewusst, dass wir mit unserer Musik polarisieren.

Auf welches Festival freuen Sie sich besonders?
Das Gurten-Festival dort feiere ich am 13.Juli meinen 30. Geburtstag!

Ein Alter, in dem viele Menschen sesshaft werden, heiraten und Kinder kriegen. Sie machen derzeit den Spagat zwischen Berlin und Zürich. Müssen Sie sich da nicht Sprüche aus Ihrem Umfeld anhören?
In meinem Freundeskreis hat es teils mit Hochzeiten und Nachwuchs bereits angefangen, doch ich werde deswegen nicht verspottet. Ich finde, 30 ist ein grossartiges Alter: Ich habe bereits einiges erreicht und habe nicht mehr den Stress, den Leuten etwas beweisen zu müssen, wie dies etwa noch mit 26 der Fall war.

1996 war das Gründungsjahr von Pegasus, 2006 kam das erste Album. Nun also schon das 20-Jahr-Jubiläum. Wann kommt die erste Greatest-Hits-Platte heraus?
(Lacht). Das ist eine gute Frage! (Überlegt). Zuerst müssen wir wohl noch mehr Hits schreiben.

Pegasus: Beautiful Life, Sony Music.

Musiker seit der Kindheit

Noah Veraguths markante Stimme hat den Popmix von Pegasus unverkennbar gemacht. Der 29-Jährige ist gemeinsam mit Bandkollege Gabriel Spahni und Ex-Mitglied Simon Spahr an derselben Strasse in Biel aufgewachsen. Die drei haben schon früh die Nachbarn mit kleinen Konzerten unterhalten. Später stiess Stefan Brønner zur Jugendband. Die Lehre im Reisebüro hat Veraguth abgebrochen. Seit einigen Jahren kann der Halbbrasilianer von der Musik leben.

Mit den letzten Alben Human Technology (2011) und Love&Gunfire (2014) heimste die Band Platin- und Goldauszeichnungen ein.

Die Band mit Veraguth, Stefan Brønner (Schlagzeug) und Gabriel Spahni (Bass, Gesang) spielt im Sommer an diversen Festivals, im Herbst folgen Klubkonzerte.

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