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Multitalent:Ich muss egoistischer werden

Ben Affleck erklärt, warum er sich im Filmgeschäft so unter Druck gesetzt fühlt.

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FOTOS
Warner Bros., Getty Images
13. Februar 2017

Ben Affleck (links, mit Chris Messina) hat sich für Live By Night richtig reingekniet.


Interview

Mit Live By Night, der Adaption eines Romans von Dennis Lehane, spielt Ben Affleck sämtliche Talente aus. Drehbuch, Hauptrolle, Regie und Co-Produktion dieser packende Gangsterfilm, der während der Prohibition spielt, ist voll und ganz das Werk des 44-jährigen Amerikaners. Affleck spielt darin Joe Coughlin, den Sohn eines Polizeichefs in Boston, der die kriminelle Laufbahn wählt und für die Mafia arbeitet. Der umtriebige Schauspieler und Filmemacher wird auch schon bald wieder das Batman-Kostüm überwerfen und an der Seite von Superman und Wonder Woman in Justice League spielen, der Ende Jahr in die Kinos kommt. Wir haben das Multitalent in einem Londoner Luxushotel getroffen.

Ben Affleck, was fasziniert Sie an den alten Filmen, denen Sie mit Live By Night die Reverenz erweisen?
Mein Film ist eine Liebeserklärung an das goldene Zeitalter von Hollywood. Diese grossen epischen Filme, die das Publikum in eine andere Welt entführten, waren zu jener Zeit echte Blockbuster. In den heutigen Blockbustern muss man ein Fledermauskostüm tragen! Wie schon oft gesagt, ist dagegen nichts einzuwenden. Trotzdem hatte ich einfach Lust, mal etwas anderes zu machen. Einen Film in der Tradition von Chicago Engel mit schmutzigen Gesichtern, Reds oder Doktor Schiwago.

Bei Reds spielte der Frauenliebling Warren Beatty mit. Inspiriert er Sie?
Auf jeden Fall. Warren hat einen enormen Einfluss auf mein Leben und meine Karriere. Er drehte grossartige Filme. Er spielte und führte Regie. Er war fähig, alles gleichzeitig zu tun. Mit Warren Beatty zu Mittag zu essen ist ein herrliches Vergnügen, denn er erzählt die besten Geschichten über die Beatles, Muhammad Ali oder Ronald Reagan. Er hat alle Grossen der Zeitgeschichte getroffen! Er ist sehr lustig, charmant und eben ein echter Frauenverführer das ist ja bekannt.

Was ist der wertvollste Rat, den er Ihnen gegeben hat?
Vernachlässige nie die Szenen, in denen du mitspielst, wenn du bei einem Film Regie führst! Man tendiert als Regisseur dazu, sich den Schauspielern gegenüber allzu grosszügig zu zeigen. Dabei wäre es doch vollkommen normal, dass ich auch mal nicht so nett rüberkomme. Und ich muss, so hat er mir geraten, unbedingt egoistischer werden und eine Szene, in der ich mitspiele, vielleicht ebenfalls zehnmal drehen, damit sie perfekt ist. Und nicht bloss einmal.

Was fasziniert Sie an Gangsterfilmen?
Sie erzählen klassische Geschichten über den Aufstieg von ganz unten und spielen mit der Moral. In einer romantischen Komödie kann der Held kein Gauner, Zuhälter oder Killer sein. Er muss richtig sympathisch wirken und sich in Sandra Bullock verlieben! In einem Gangsterfilm kann man sich viel mehr erlauben.

Es ist unglaublich spannend, wie sehr wir von den Eltern definiert werden und nicht durch das, was wir wirklich sind.»

Sie zeigen auf der Leinwand, dass Amerika von Immigranten gebaut wurde, die mit Rassismus konfrontiert waren. Es gibt da eine Art Parallele zum heutigen Amerika.
Absolut. Beim Visionieren meines Films habe ich festgestellt, dass er ein absolut aktuelles Thema behandelt, obwohl er in den Zwanziger- jahren des 20.Jahrhunderts spielt. Das hat mich echt überrascht. Die Immigranten starteten zuunterst und stiegen nach und nach auf der Erfolgsleiter auf. Diesbezüglich bin ich sehr stolz auf mein Land. Aber ich hätte nicht gedacht, dass die reaktionäre Haltung des weissen protestantischen Establishments gegenüber den Einwanderern von dazumal auch heute noch so aktuell ist.

Sie thematisieren auch die Vater-Sohn-Beziehung ein Thema, das Sie persönlich berührt.
Ja, mehrere meiner Filme behandeln das Thema der Kinder, die für die Fehler ihrer Eltern bezahlen müssen. Es ist unglaublich spannend, dass wir dermassen von unseren Eltern definiert werden und so wenig durch das, was wir wirklich sind.

Ist das nicht ein Widerspruch zu Ihrer Haltung, dass Ihre Kinder nicht Schauspieler werden sollen?
Ich möchte zumindest nicht, dass sie Kinderdarsteller werden. Oder besser gesagt, ich würde es nicht erlauben. Ich möchte, dass sie eine etwas normalere und vernünftigere Kindheit haben. Wenn sie später jedoch einmal diese schreckliche Wahl treffen sollten, kann ich es ihnen natürlich nicht verbieten! Auf jeden Fall werde ich sie aber nicht dazu ermuntern.

Ihr Bruder Casey wurde mit dem Golden Globe für den besten Hauptdarsteller in einem Drama ausgezeichnet. Sind Sie stolz auf ihn?
Ich will nicht sagen, dass ich stolz auf ihn bin, denn das würde sich anhören, als wäre ich sein Vater. Aber ich bin sicher überglücklich, dass er für eines seiner vielen Talente ausgezeichnet wurde. Er hat endlich die Chance erhalten zu zeigen, wozu er fähig ist. Casey ist ein wundervoller Schauspieler und ich drücke ihm die Daumen für die Oscar-Verleihung am 26.Februar. Auch wenn er leer ausgehen würde: Diese Leistung wird seine Karriere beflügeln.

Wie gross war der Konkurrenzkampf zwischen Ihnen und Ihrem Bruder?
Wir haben die gleichen Freunde. Joaquin Phoenix. Oder Matt Damon, mit dem ich mich wirklich sehr gut verstehe. Matt und ich sprachen oft für die gleichen Rollen vor. Das war nicht einfach. Ich möchte natürlich, dass ich den Job erhalte und nicht er. Aber wenn ich ihn nicht erhalte, will ich, dass wenigstens Matt ihn bekommt. Wir waren immer sehr freundschaftlich im Umgang miteinander.

Wie schaffen Sie es, Ihre verschiedenen Funktionen unter einen Hut zu bringen und zwischen all Ihren Projekten hin- und herzupendeln?
Es ist viel Arbeit, aber ich liebe diese Vielseitigkeit. Ich habe wirklich grosses Glück, diesen Job zu machen und diese Filme drehen zu können. Es war tatsächlich etwas kompliziert, mich um die Postproduktion von Live By Night zu kümmern, während ich Batman in Justice League spielte. Aber ich bin mir meines Glücks stets bewusst und deshalb stimmt es für mich.

Ist der nächste Batman, den Sie drehen, das Projekt, das Sie am stärksten unter Druck setzt?
Ja, das ist so. Ich habe noch nie bei einem Film mitgemacht, über den man mir so viele Fragen stellt, bevor er überhaupt herausgekommen ist. Ich darf mich aber nicht beklagen, denn ich drehe einen Film über einen Superhelden, den das Publikum verehrt und der eine lange Geschichte hat. Christian Bale und Christopher Nolan haben herrliche Batman-Filme gemacht. Die Erwartungen an mich sind also hoch.

Haben Sie einen Personal Trainer, um sich körperlich fit zu halten?
Ich arbeite für jeden Film mit verschiedenen Trainern, sei dies nun für Justice League, Batman oder The Town. Ich wechsle regelmässig den Trainer, denn diese Typen machen dich wahnsinnig mit der endlosen Wiederholung ihrer Übungen. Keine Frage, man muss seinen Trainer nach einer Weile wechseln.

Längere Durststrecke

Ich liebe die Vielseitigkeit, sagt Ben Affleck über das Filmemachen.

Ben Affleck spielte schon als Kind in Fernsehfilmen mit und wurde im Alter von 25 mit Good Will Hunting zum Star. Für diesen Film erhielt er den Oscar für das beste Originaldrehbuch. Nach den Misserfolgen von Pearl Harbor und Liebe mit Risiko Gigli, in dem er zusammen mit seiner damaligen Verlobten Jennifer Lopez spielte, erlebte der Schauspieler eine längere Durststrecke. Als Regisseur kehrte er mit Argo, der 2013 den Oscar für den besten Film gewann, auf die Erfolgsspur zurück. Er lebt von seiner Frau, der Schauspielerin Jennifer Garner, getrennt und ist Vater von drei Kindern.