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Begegnung

O yeah Yello geht erstmals auf Tournee

Dieter Meier erfindet sich mit seinem Bandpartner Boris Blank gerade neu: Nun ist in einer Konzertreihe Live-Feeling angesagt.

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Michael Wilfling
27. November 2017

Dieter Meier liebt schräge Darbietungen: Zwischendurch singt er in einer eigenartigen Sprache: Also Englisch ist es nicht.


Elektropop

Dieter Meier, eine kleine Provokation zu Beginn: Brauchen Sie so dringend Geld, dass Sie nun erstmals auf Tournee gehen?
Nein, nein, das hat nichts damit zu tun. Zu den goldenen Zeiten der CD haben wir sehr viele von ihnen verkauft. Wir gehen auf Tournee, weil Boris Blank dazu bereit war. Bis jetzt konnte er sich nicht vorstellen, wie das auf der Bühne funktionieren soll. Nun haben wir eine Lösung gefunden: Wir ziehen das mit zwölf Musikern durch. Vieles ist Improvisation, was ganz im Sinne von Boris ist, der sich ein echtes Live-Feeling wünscht. Bei vielen Elektrobands macht der Computer alles, und die Musiker tun nur so, als würden sie spielen. Das ist bei uns anders.

Wie fühlt es sich denn an, auf der Bühne zu stehen?
Am schwierigsten war es in Berlin auf der Volksbühne, wo das Publikum sehr zurückhaltend war: Bei den ersten vier Songs hatte ich das Gefühl, ich singe da in ein schwarzes Loch hinein. Der Applaus war sehr verhalten. (Klatscht im Abstand von drei Sekunden in die Hände.) Die sagten sich: Mal schauen, was der da vorne macht. Als Musiker brauchst du jedoch die Unterstützung der Zuschauer. Gehen sie mit, reitest du wie ein Surfer auf einer Welle mit und gehst viel mehr Risiko ein. Beim fünften Song lockerte sich die Anspannung beim Publikum und es wurde doch noch ein erfolgreicher Gig. Nun freue ich mich auf die Konzerte mit Yello. Ich bin froh, dass Boris eine Möglichkeit gefunden hat, seine komplexen Soundkonstruktionen live zum Besten zu geben.

Was auffällt: Das Publikum liebt Yello, viele Musikkritiker hingegen sind eher zurückhaltend.
Ein Journalist schrieb im Tages-Anzeiger, dass unsere Elektromusik bloss eine kurzfristige Verirrung in der Popmusik sei. Bezeichnenderweise bezeichnete er Yello als sinkenden Stern, als wir Stella veröffentlichten. Wir verkauften dann eine Million Alben. Der Journalist behauptete auch noch, dass Boris Blank vieles zusammengeklaut habe. Dabei ist das Gegenteil wahr: Boris war in all den Jahren wohl der meistbestohlene Elektromusiker auf diesem Planeten. Wir erhielten schon CDs für 1200 Franken angeboten mit angeblich superneuem Sound, der aber in Tat und Wahrheit von Boris stammte und ganz frech geklaut worden war. Ich tröstete ihn: Solange du bestohlen wirst, zeigt das, dass du alles richtig gemacht hast.

Die Rolling Stones sind fast im gleichen Alter wie Sie und haben in Zürich noch immer richtig abgerockt. Sind sie euer Massstab?
Wir haben natürlich nie denselben Impact wie die Stones während eines Livekonzerts. Aber auch wir versuchen etwas Besonderes auf die Beine zu stellen. Boris kommt mit dem Yellofire auf die Bühne. Dabei handelt es sich um eine App, die er erfunden hat. Diese macht es möglich, dass er sozusagen in einem Taschenstudio live sampelt. Er erfindet dabei spontan Stücke und ich singe in einer eigenartigen Sprache, die es eigentlich gar nicht gibt. Also Englisch ist es nicht. Es ist eine schräge Darbietung.

Ich habe kein Problem, offen zu zeigen, dass ich keine Ahnung habe.»

Sie machen tausend Dinge. Als was wollen Sie bezeichnet werden, wenn Sie wählen können? Als Chaos-Experte ja wohl eher nicht.
Als Musiker. Das mache ich auch bei der Einreise nach Amerika so, obwohl bei den Zollbeamten die Alarmglocken läuten, weil sie sofort an Drogen und Exzesse denken. Als ich das erste Mal Musiker aufs Einreiseformular schrieb, fragte der Zöllner verächtlich: Is there anything you do, that I should know? (Machen Sie irgendetwas, das ich wissen sollte?) Also antwortete ich wie im berühmten Song: Oh yeah! Da hellte sich sein Gesicht sogleich auf: You are that guy? Unbelievable! (Sie sind der Typ? Unglaublich!) Er knallte den Stempel aufs Formular und liess mich umgehend passieren. Seitdem ist das Oh yeah! mein Eintrittsbillett in die USA.

Was Sie anfassen, bringt Ihnen Erfolg. Gibt es etwas, das Sie definitiv nicht können?
Natürlich gibt es das. Eigentlich kann ich nichts wirklich gut ausser gut zuhören. Vielleicht ist das meine grösste Gabe. Ich kann tagelang zuhören, wenn die Experten über die Extraktion von Kakaobohnen sprechen. Weil ich nichts vorgeben muss, kann ich die sogenannt dummen Fragen stellen. Ich habe überhaupt keine Probleme damit, ganz offen zu zeigen, dass ich von etwas keine Ahnung habe. Genau das ist das Problem in vielen Unternehmen: Die Entscheidungsträger gaukeln vor, dass sie schon alles wissen, auch wenn das gar nicht der Fall ist. Denn sie dürfen keine Schwäche zeigen. Genau deshalb kommt es in den Verwaltungsräten oft zu den irrwitzigsten Entscheidungen, weil sich keiner getraut, die dummen Fragen zu stellen.

Dumme Fragen zu stellen, braucht aber ganz schön Mut, weil Sie schief angeschaut werden.
Das ist mir vollkommen egal. Wichtig ist das Resultat. Ich stehe oft vor einem Berg, zu dem ich durch Zufall hingeführt worden bin, und überlege mir, wie ich diesen am besten besteigen und wer mir dabei helfen kann. Ich bin überhaupt nicht gut im Tagesgeschäft, Details sind nicht meine Sache. Dafür bin ich viel zu wenig diszipliniert. Meine Kernkompetenz ist es, neugierig zu sein. Gleichzeitig bin ich ein endloser Zweifler. Ich empfinde es deshalb als Privileg, dass sich immer wieder das eine aus dem andern ergibt meist ganz zufällig. Wie zum Beispiel 1976, als mich Felix Baumann, Vizedirektor am Kunsthaus Zürich, anrief und mir eine Ausstellung anbot. Ich sagte ihm, dass ich gar nichts aufzustellen hätte. Woraufhin er nur sagte: Ihnen wird schon etwas einfallen! Das war total ungewöhnlich. Ich habe oft das Glück gehabt, dass Dinge auf mich zukamen und ich so meine Zweifel überwinden konnte.

Sie sind Yello: Boris Blank und Dieter Meier.

Sie waren auch schon Profi-Pokerspieler. Passt das überhaupt zu Ihnen? Beim Pokern liegt das Schicksal nicht in Ihren Händen.
Falsch. Pokern ist kein Glücksspiel. Man kann vieles beeinflussen, in dem man die Gegner analysiert. Pokern ist ein Psychoterrorspiel. Zu meiner liebsten Strategie gehörte es, dass ich gleich zu Beginn irrsinnig bluffte und alles Interesse daran hatte, aufzufliegen. Dazu gehörte, dass ich grosse Einsätze in die Mitte warf. So hatten die Mitspieler jedes Mal das Gefühl, dass ich der geborene Bluffer sei. Und waren deshalb zu mehr Risiko bereit. Wenn du hingegen den ganzen Abend konservativ unterwegs bist und nur bei guten Karten viel setzt, bekommst du keine grossen Einsätze.

Sie machen Musik, drehen Filme, sind Investor, Gastronom, Bio-Bauer, Weinproduzent und noch vieles mehr. Was macht Ihnen von all den Tätigkeiten am meisten Spass?
Das sind die Gespräche mit Menschen, die dich weiterbringen und Probleme lösen. Mich interessieren gute Gespräche auf Augenhöhe. Ich finde es lächerlich, den Boss zu spielen. Ich habe das immer wieder erlebt: In extrem hierarchischen Betrieben haben kreative Köpfe grosse Mühe, ihre Ideen umzusetzen. Fühlen Sie sich als Vater von fünf Kindern genauso erfolgreich wie im Berufsleben?
Erfolgreich fühle ich mich nie. Ich bin glücklich, wenn es gut geht. Meine Frau und ich begegneten unseren Kindern stets auf Augenhöhe. Sie waren alle sehr früh eigenständig. Ich hielt es wie meine Eltern, die in meiner ganzen Jugend nicht ein einziges erzieherisches Wort zu mir gesagt hatten. Kinder schauen zu, wie sich die Eltern verhalten. Und doch sind Eltern immer wieder überrascht, wenn ihre Kinder etwas ungeraten sind. Dabei haben sie das genau bei den Eltern abgeschaut, auch wenn diese dann etwas ganz anderes erzählen. Sie haben als Vater also alles laufen lassen.
Auch hier hielt ich es wie mein Vater: Er hatte immer totales Vertrauen in mich, auch in schwierigen Zeiten, als ich etwa aus dem Gymi flog. Er fragte mich nur: Und jetzt? Ich sagte, ich würde trotzdem versuchen, die Matur zu machen. Das klappte, sogar ein Jahr früher als bei meinen ehemaligen Schulkollegen. Diese schrieben dann an die Wandtafel: Dieter Meier hat die eidgenössische Matur bestanden. Der Französischlehrer, der mich hasste, stand wie angewurzelt vor der Tafel und brummte vor sich hin: Das darf nicht wahr sein!

Ich spende lieber 50'000 Franken und behalte den Schnauz.»

War es für Sie von Vorteil, aus einer wohlhabenden Familie zu kommen oder verkomplizierte es die Dinge?
Tatsächlich ist es schwierig, im artistischen Bereich etwas hervorzubringen, weil man ja nicht davon leben muss und deshalb endlos zweifelt. Ich verwarf alles, was ich herstellte, nichts genügte mir. Meine Selbstzweifel wurden immer grösser. Deshalb mach-
te ich 1969 auch dieses Projekt auf dem Zürcher Pfauenplatz. Während einer Woche, von 8 bis 12 und von 13 bis 17 Uhr, zählte ich Metallstücke à 1000 Stück in Plastiksäcke ab. Das war das absolute Nichts, die totale Sinnlosigkeit und die ganze Aktion liess sich durch nichts rechtfertigen, einzig dadurch, dass ich sie wollte. Die NZZ bezeichnete mich in einem Artikel als bekannten Künstler und gab dem Ganzen damit Bedeutung und Sinn. Mein Vater, der damals eine Bank leitete, sah in jedem Büro ein Bild seines Sohns, der auf einer Holzkiste sitzt und diese Aktion durchführt. Er musste sich einige Sprüche anhören: Hier markierst du den starken Mann, dabei hast du nicht mal deinen Hippie-Sohn im Griff.

Weshalb diese grossen Selbstzweifel?
Es ist eine grosse Herausforderung, seine eigenen Zweifel zu überwinden, wenn man nichts fertig machen muss und das auch nicht von einem erwartet wird. Meine Eltern hätten es zugelassen, wenn ich gesagt hätte, ich müsse nach Marokko, um ein Buch zu schreiben. Und wenn ich es nach fünf Jahren noch immer nicht fertig gestellt hätte, wäre das auch okay gewesen. Vielleicht deshalb genoss ich es von klein auf, wenn ich mich nützlich machen konnte. Ich war schon mit fünf Jahren ein ausgezeichneter Schuhputzer. Es war für mich das Grösste, wenn der Grossvater bei Regenwetter über die Naturstrasse mit richtig dreckigen Schuhen heimkam. Dann hatte ich das Vorher-Nachher-Erlebnis, am Ende glänzten die Schuhe wieder so richtig. Auch im Geschirr abwaschen war ich stark.

Wie fanden Sie trotzdem Ihren Weg?
Das war ein langer Prozess. Ich schrieb mich zuerst als Jus-Student an der Uni ein, obwohl mich das gar nicht richtig interessierte. Natürlich träumte ich davon, als Strafverteidiger meinen Gerechtigkeitssinn auszuleben. Aber das waren surreale Tagträumereien. Ich ging denn auch gar nie richtig an die Uni, sondern verbrachte viel Zeit am Pokertisch. Das war auch eine Flucht. Mein Glück war es, dass ich den Logenschliesser im alten Odeon kennenlernte. Er sagte mir, dass ich mir jedes Konzert anhören könne, das ich wolle. Von da an besuchte ich ein Jahr lang jeden Abend ein Konzert. Es war die erste vernünftige Beschäftigung in meinem Leben. Und ich lernte, zuzuhören.

Was würden Sie nicht mehr tun?
Nachträglich ist das immer einfach zu beantworten, aber Misserfolg ist ein wichtiger Teil des Lebens. Man lernt dabei vielleicht mehr als vom Erfolg. Mein grösstes Engagement als Unternehmer war im Silicon Valley, wo ich die ersten voll digitalen Mischpulte entwickelte und produzierte. Diese Mischpulte waren State of the Art, und Soundmixer in Hollywood haben damit Oscars gewonnen. Aber kommerziell war das Ganze ein Flop. Ich musste die Firma mit grossem Verlust verkaufen.

Lady Gaga ersteigerte auf einer Benefiz-Gala ein Foto von Ihnen. Was sagten Sie nachher zu ihr, als Sie miteinander dinierten?
Sie war meine Tischnachbarin, aber sie wusste nicht, wer ich bin. Von Yello hatte sie nur über ihren Produzenten gehört. Ebenso wenig wusste sie, dass ich der Joggeli bin, der das Bild gemacht hatte. Ich fand das lustig. Nachher hielt sie eine der brillantesten Reden über die Bedeutung der Kunst, die ich je gehört hatte. Ohne Spickzettel. Lady Gaga ist eine hochbrillante Frau! Sie ist selber eine Trendsetterin, während etwa Madonna den Trends immer hinterher rannte.

Aber eine Zusammenarbeit mit Lady Gaga ist trotz der Unterredung nicht geplant?
Es sind schon eher die anderen, die auf mich zukommen. Wie Frank Zappa, der unbedingt wollte, dass ich einen Film nach einem Drehbuch von ihm mache. Er wurde aber schwer krank und starb. Auch die Band Trio kam auf mich zu und wollte ein Video für den Song Da-da-da, der dann zu einem Riesenhit wurde. Für Alphaville produzierte ich das Videofilmchen zu Big in Japan. Die Firma Warner Brothers fand das Video einen totalen Seich, so dass sie dafür umgehend ein anderes Video machen wollten. Sänger Gold sah in dem Video wie ein Strichjunge aus, das fanden sie unpassend. Dann gewann das Video einen Preis und schon war für diese Opportunisten alles wieder gut.

Vor drei Jahren war zu lesen, dass Sie bereit seien, sich Ihren Schnauz abzurasieren, wenn jemand 50'000 Franken für einen guten Zweck spendet.
Ich würde lieber selber 50'000 Franken spenden und den Schnauz nicht abschneiden! (Lacht.) Das mache ich übrigens auch. Ich unterstütze eine Schule, in der Kinder, die aufgrund ihres Migrationshintergrunds kaum Chancen haben, ins Gymi zu kommen, gefördert werden. In Zukunft werde ich mich noch mehr engagieren für die Integration von Ausländern und vor allem ihrer Kinder.

Schlagersängerin Beatrice Egli hat Sie unter ihre fünf persönlichen Helden eingereiht.
Oh, wie schön!

Welches sind Ihre Helden?
Das sind Leute, die sich in Kriegsgebiete begeben, um aus persönlicher Überzeugung unter Lebensgefahr humanitäre Hilfe zu leisten und die Not der Opfer lindern. Diese Menschen, ob sie nun berühmt sind oder nicht, sind für mich wirkliche Helden.

Vor zehn Jahren haben Sie von Ihrem 3-Liter-VW-Lupo geschwärmt. Sind Sie nun auf Tesla umgestiegen?
Nein, ich fahre einen VW E-Up. Er ist sehr komfortabel: Du hörst nur noch die Pneus rauschen und kannst deshalb wunderbar Musik hören. Elektroautos sind definitiv die Zukunft. Auch wenn die Erdöl- und Kohle-Lobby Millionen ausgibt, kann sie die Solarenergie nicht mehr aufhalten. Ich baue in Argentinien eine Solaranlage, welche die Kilowattstunde voll amortisiert für bloss 4 Cent produziert. Bis in 20 Jahren werden 90 Prozent aller Energie erneuerbar sein.