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Begegnung

Wer flitzen geht, braucht eine dicke Haut

Beat Schlatter (56) bringt in seiner neusten Filmkomödie die Fussballwelt durcheinander. Ein Gespräch über den richtigen Kick und billigen Wein in der Kirche.

TEXT
FOTOS
Christoph Kaminski, Keystone, Frenetic Films
02. Oktober 2017

Interview

Beat Schlatter, was müsste passieren, damit Sie
sorry, dass ich Sie unterbreche, aber mir ist gerade eine tragisch komische Anekdote eingefallen. 2005 durfte ich bei einer Werbeaktion eurer Zeitung für 2000 Franken Weihnachtsgeschenke für Freunde und Bekannte aussuchen. Bundesrat Samuel Schmid, den ich zuvor kennengelernt hatte und den ich sehr sympathisch fand, sollte von mir ein edles Bartpflegeset in einem Kalbslederetui bekommen. Die Journalistin der Coopzeitung liess die Geschenke in ihr Büro senden, um diese an die Beschenkten weiterzuleiten. Doch ausgerechnet das Bartpflegeset kam nicht an. Damit Schnauzträger Schmid nicht aus der Zeitung von seinem Geschenk erfährt, musste sie das Set selber auftreiben, doch das war überall ausverkauft. Also kaufte sie in der Not ein Nagelpflegeset und schickte das in meinem Namen dem Bundesrat. Dieser bedankte sich freundlichst, fragte aber gleichzeitig, ob seine Finger bei unserer Begegnung einen so schlechten Eindruck hinterlassen hätten. (Lacht.)

Immerhin war es ein nützliches Geschenk.
Genau. Nun könne er die Krallen erst recht wetzen, sagte er noch.

In diesen Tagen erscheint die Komödie Flitzer. Was müsste passieren, damit Sie durch die Gegend flitzen?
Das ist für mich unmöglich. Ich lernte bei meinen Vorbereitungen auf den Film einen Flitzer kennen. Der hatte einen Nine-to-five-Job bei einer Internetbude. In seiner Freizeit flitzt er manchmal. Das gebe ihm einen Kick genau wie beim Bungee Jumping. Das habe ich genau einmal in meinem Leben gemacht. Deshalb weiss ich: nie mehr! Ich habe keinen Kick gespürt, sondern nur die nackte Angst.

Es gibt auch Flitzer, die mit ihrem Auftritt eine Botschaft verbreiten wollen.
Das finde ich billig, wenn man die Menschen nur für etwas interessieren kann, indem man sich nackt auszieht.

Wie sind Sie auf das Thema Flitzen gekommen?
Zu meinem Schaffen gehört, dass ich die verschiedensten Geschäftsfelder beackere, wobei der Humor zentral sein muss. So wollte ich ein echtes Wettbüro eröffnen. Ich sah das als neuen kreativen Geschäftszweig für mich. Der Plan war, dass zwei Flitzer während eines Fussballmatches in der Challenge League gleichzeitig aufs Feld rennen, der eine mit roten, der andere mit blauen Schuhen. Dabei hätte man wetten können, welcher der beiden es länger aushält, bevor er von der Security geschnappt wird.

Ich habe nie etwas von solch einem Flitzerrennen gehört.
Es kam auch nicht zustande. Die beiden Flitzer hatten plötzlich Schiss und machten einen Rückzieher. Der eine sagte, er habe Familie. Der andere hatte Angst, seinen neuen Job aufs Spiel zu setzen. Als ich die Idee Fredy Bickel, damals noch Sportchef der Young Boys, erzählte, war er empört: Du spinnst total! Wenn du das machst, bekommen wir ein Problem mit unserer Freundschaft! Da war mir klar, dass ich es in der Realität lieber bleiben lasse, die Idee aber mit Regisseur Peter Luisi in einem Film umsetzen wollte.

Haben Sie sich flitzend auf die Rolle vorbereitet?
Ich trug während der Dreharbeiten im Wankdorf-Stadion oft eine Socke, die mein Gemächt verdecken sollte. Um sicher zu sein, dass sie nicht runterrutscht, rannte ich vorher nackt durch die Wohnung. Was meine Fitness anbelangt, profitierte ich vom Training für den Hoselupf-Film, das ich seitdem beibehalten habe.

Haben Sie Tipps für all jene, die flitzen wollen?
Die Männer müssen sich schon bewusst sein, dass alle zuerst auf ihr Geschlechtsteil schauen. Dieses schrumpft mit sinkenden Temperaturen. Wer also flitzen geht, muss sich eine dicke Haut zulegen.

Eine dicke Haut mussten Sie sich auch zulegen, als Sie den Film in Angriff nahmen.
Ja, es war schwierig mit meiner damaligen Managerin. Als ich von meinen Plänen für den Flitzer erzählte, hiess es: Mach das nicht, die Idee ist scheisse! Bald war mir klar, dass ich mich trennen muss, weil ihre Einstellung gegenüber diesem Projekt zu negativ war. Dann hatte ich auch noch Lämpe mit ihr, was die Finanzen anbelangt. Es kam damals alles zusammen. Am Bahnhof Meilen schlug mich ein Mann ohne Vorwarnung einfach nieder.

Wie haben Sie diese Attacke verarbeitet?
Es bleibt stets etwas zurück. Vor allem, weil es so unerwartet geschah. Wenn mich heute jemand von hinten überholen will, zucke ich manchmal noch zusammen.

Ihre Bingo-Shows waren seit Beginn ein Renner. Die Vorstellungen sind jedoch rar. Weshalb?
Wir haben vor, nächstes Jahr zehn Abende zu veranstalten. Diese sind aber stets mit grossem Aufwand verbunden. Denn bei jeder Bingo-Show vergeben wir 13 Preise, die uns nachher eine Zeit lang beschäftigen. Oft stecken kompliziertere Abmachungen dahinter. Einmal organisierten wir für die Bingo-Show einen Preis, bei dem der Gewinner nach einem FCZ-Match in der Kabine mit den Spielern hätte mitduschen können. Das war dann so nicht möglich, weil beim FCZ Moslems mitspielen. Diese duschen offenbar in der Badehose. Aus Respekt verzichtete der Gewinner aufs gemeinsame Duschen.

Wurde er wenigstens anderweitig entschädigt?
Ja, FCZ-Präsident Ancilla Canepa machte es möglich, dass der Gewinner im Originaltenue bei einem richtigen Match mit den Zürchern aufs Feld laufen durfte. Der Schiedsrichter war informiert. Niemand merkte den Gag, obwohl der Gewinner eine Brille trug! (Lacht.) Er wollte diese unbedingt anbehalten, weil er sonst nicht viel gesehen hätte. Auch die Spieler des FC Luzern merkten nicht, dass da einer mitmarschierte, der auf dem Rasen gar nichts zu suchen hatte.

Andere spezielle Bingo-Preise?
Einmal konnte man gewinnen, dass wir nachts um drei Uhr mit einem Benzin-Rasenmäher ohne Auspuff vor dem Schlafzimmerfenster des ärgsten Feindes aufkreuzen.

Sie standen kürzlich auf der Kanzel und hielten eine Predigt. Bahnt sich da eine neue Karriere an?
Nein, das war eine einmalige Sache. Die Kirche muss sich etwas einfallen lassen, damit die Besucherströme wieder zunehmen. Dazu gehört auch, überraschend zu sein. So wie mit meiner Predigt.

Die Männer müssen wissen: Mit tiefen Temperaturen schrumpft ihr Geschlechtsteil.»

Ihre Beziehung zur Kirche?
Diese spielte erstmals eine Rolle, als meine Mutter schwer erkrankte. Ich pflegte sie, damit sie zu Hause bleiben konnte. Sie so leiden zu sehen, war schwer erträglich. Natürlich greift man in solch einer Situation zu jedem Strohhalm, der sich einem bietet. Übersinnliches spielt plötzlich eine Rolle. Wir gingen zu einem Geistheiler. Und begannen zu beten.

Das Comedy-Duo Divertimento sagte kürzlich, dass Witze über Religion tabu seien. Einverstanden?
Wichtig ist, dass der Erzähler nicht auf Kosten der Kirche nach billigen Pointen sucht. Als Beispiel dient der Schwinger-Film Hoselupf. Das Bundesamt für Kultur verweigerte uns die Unterstützung, weil wir uns übers Schwingen lustig machen würden. Das war nie unsere Absicht. Im Gegenteil, wir taten mit dem Streifen sehr viel für den Sport. Plötzlich war Schwingen auch in Hongkong oder Schanghai ein Thema, weil der Film dort an den Filmfestivals lief. Wir haben den Schweizer Nationalsport mit Respekt und humorvoll in die Welt hinausgetragen. Gleich verhält es sich mit der Religion: Man darf Witze machen, aber immer mit einem gewissen Niveau.

Haben Sie ein Beispiel?
Ein harmloses: Bei der Predigt schlug ich vor, dass die Kirche beim Abendmahl einen guten Blauburgunder auftischen soll. Stattdessen bekommt man nur billigen Wein aus dem Karton, der vielleicht sogar gepanscht ist. Dabei heisst es in Psalm 104: Der Wein macht das Herz der Menschen froh. Oder ich schlug vor, dass der Pfarrer bei der Kollekte dem Spender ab 50 Franken eine gesegnete Flasche Wein überreichen sollte.

Und? Ist der Pfarrer darauf eingegangen?
Ja, aber nicht mit Wein: Ab zehn Franken Spende gabs ein Zwingli-Bier.

Sie haben eine besondere Beziehung zu Flüssigem: Sie erfanden den Namen fürs Aqui-Mineralwasser.
Ja, als Junge. Wenn ich in der Schule wieder mal etwas kaputt gemacht hatte, musste ich den Schaden selber berappen. Das Geld dafür verdiente ich mir in der Brauerei Hürlimann am Fliessband. Als die kreativsten Vorschläge für den Namen eines neuen Mineralwassers gesucht wurden, kam ich auf Aqui und erhielt dafür drei Goldvreneli.

Nicht gerade viel für einen solchen Geistesblitz.
Ja, aber noch lustiger ist, dass ich vor einem halben Jahr angefragt wurde, ob ich den Namen wieder zurückkaufen möchte. Für 50'000 Franken. Das Wasser wird ja nicht mehr von Hürlimann vertrieben, sondern sprudelt für einen neuen Besitzer.

Sie haben das Angebot angenommen, oder nicht?
Sicher nicht! Ich erhalte doch nicht drei Goldvreneli für einen Namen, damit ich ihn Jahrzehnte später für viel Geld zurückkaufe. Okay, die Idee war auch, dass ich mich beteilige und ins Mineralwassergeschäft einsteige. Darauf habe ich keine Lust. Das ist ein knallhartes Geschäft.

Sie haben die Bibel gelesen. Gab es Passagen, die Sie zum Lachen brachten?
Nein. Ich fand nichts. Die Pfarrer nennen zwar gerne die Stelle, in der das Kamel durchs Nadelöhr muss. Vielleicht war das zu jener Zeit lustig, als die Bibel geschrieben wurde. Aber heute? Also mich bringt das nicht zum Lachen. (Lacht.)

Filmtipp: Flitzer

Beat Schlatter und Film-Newcomer Bendrit Bajra machen in der neusten Schweizer Komödie gemeinsame Sache: Sie überfluten die Schweizer Fussballstadien mit Flitzern.

Nur auf das Resultat eines Fussballspiels zu wetten, ist offenbar zu langweilig. Und wegen der Unberechenbarkeit der Sportart finanziell auch unergiebig. Das sieht auch der biedere Lehrer Balz Näf (Beat Schlatter) so. Er hat gerade mit reichlich Pech ein Vermögen verloren, das eigentlich für eine gute Sache vorgesehen gewesen wäre; um seine Schulden tilgen zu können, braucht er nun dringend Geld. Also erfindet er eine neue Wettvariante, um an den grossen Zaster zu kommen: Zusammen mit dem albanischen Coiffeur Kushtrim (Bendrit Bajra) schickt er Flitzer auf die Fussballfelder, auf die Wettwillige setzen können: Wie viele Sekunden halten es die nackten Sprinter aus, bis sie von den Ordnern gestellt werden?

Ziel erreicht: Nackt auf dem Spielfeld!

Die neue Wettidee kommt an, Näf kann seine Schulden verringern. Doch dann verliebt er sich ausgerechnet in die Polizistin Sandra Strebel (Dorothée Müggler), die ihm auf die Schlicht kommt und die Wetterei beenden will. Man kann sich leicht vorstellen, wie sich die Dinge nun verkomplizieren. Mitte der 70er Jahre sollen die ersten Flitzer an Sportveranstaltungen ihr Unwesen getrieben haben wobei der Ausdruck Unwesen wohl ein bisschen übertrieben ist.

Im Griff des Bösen: Schwinger Christian Stucki packt Beat Schlatter.

Wie ist die Reaktion der Zuschauer, wenn sie einen Flitzer sehen?, fragt Beat Schlatter denn auch zu Recht, Sie beginnen zu lachen! Da passt es doch perfekt, dass auch der 56-jährige Zürcher Komiker schon sein ganzes Berufsleben genau das versucht: Nämlich die Menschen zum Lachen zu bringen. Das gelingt mit der Komödie Flitzer, deren Darsteller zwar oft nackt sind, aber zu keinem Zeitpunkt einer alles entblössenden Lächerlichkeit preisgegeben werden.

Credits:
Filmstart: ab 12. Oktober 2017 in den Deutschschweizer Kinos
Land: Schweiz, 2017
Länge: 93 Minuten
Regie: Peter Luisi

Cast:

Balthasar Näf Beat Schlatter
Sandra Strebel Dorothée Müggler
Kushtrim (Coiffeur) Bendrit Bajra