«20 Kilometer zur Schule» | Coopzeitung
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«20 Kilometer zur Schule»

Tadesse Abraham (35) ist der schnellste Marathonläufer, den die Schweiz je hatte. Im Moment bereitet sich der Europameister im Halbmarathon in Äthiopien auf die EM in Berlin vor. Die Coopzeitung traf den Schweizer mit eritreischen Wurzeln in Addis Abeba.

FOTOS
Daniel Getachew
30. Juli 2018
In der Gruppe trainiert es sich besser: Tadesse Abraham (vordere Reihe, 2. von links) beim Training in Äthiopien. 

In der Gruppe trainiert es sich besser: Tadesse Abraham (vordere Reihe, 2. von links) beim Training in Äthiopien. 

Es ist Regenzeit in Äthiopien. Der Himmel ist Nebel nebelverhangen, es nieselt leicht. Das Thermometer zeigt 13 Grad. Es ist ungemütlich wie an einem regnerischen Novembertag in der Schweiz. Wir befinden uns 30 Kilometer südlich von Addis Abeba. Eine Läufergruppe von etwa 80 Athletinnen und Athleten, unter ihnen Tadesse Abraham, trifft sich um 6.30 Uhr zum Marathon-Training. Alles Spitzenläuferinnen und -läufer. Die Männer schaffen die 42,195 Kilometer unter 2 Stunden 15 Minuten. Wenn jetzt ein hungriger Löwe käme, gäbe es Journalist zum Frühstück. Alle anderen wären schneller als ich. «Es gibt hier keine Löwen», beruhigt mich Tadesse Abraham.

Tadesse Abraham, kann man hier gefahrlos trainieren?
Was die Tierwelt angeht, ja. Es gibt zwar Hyänen, die einen einsamen Läufer auch angreifen könnten, aber sonst keine gefährlichen Tiere. Was nicht heisst, dass es ungefährlich ist. Die grösste Gefahr geht von den Autofahrern aus. Die fahren manchmal so nah an uns vorbei, dass man denkt: Das war jetzt Glück, nicht Präzision.

Hat es schon Unfälle gegeben?
Ja. Es sind schon Läufer überfahren worden und zu Tode gekommen. Äthiopien nimmt in der weltweiten Unfallstatistik leider einen der obersten Plätze ein.

Wie viele Kilometer laufen Sie pro Woche?
200 bis maximal 220 Kilometer. Heute waren es 30.

Sind Sie in Form für den Europameisterschafts-Marathon am 12. August in Berlin?
Ich spüre, wie ich immer besser in Form komme. Am Samstag bin ich 35 Kilometer gerannt, und die waren sehr schnell.

 Traingsbesprechung vor dem 30-km-Lauf. Den vorbeiziehenden Eseln ist das egal. 

Die Läufergruppe auf einem der Trainingsgelände, etwa 30 km südlich von Addis Abeba.

Ein junger Bauer verfolgt interessiert das Training der Marathonläufer...

... während dieser Bauer mit seinem Esel rasch zur Seite weichen muss.

An die Höhe haben Sie sich sicher gewöhnt, Sie sind ja schon über einen Monat hier.
Das geht bei mir sehr schnell. Läufer aus Europa brauchen drei Wochen, bis sie sich voll akklimatisiert haben. Bei mir dauert das nur drei Tage, weil ich auf dieser Höhe aufgewachsen bin. Mein Körper kennt das.

Ist das einfach Ihr Gefühl oder haben Sie das medizinisch gemessen?
Wir haben das gemessen.

Was haben Sie sich für den EM-Marathon vorgenommen?
(Lächelt.) Alle, die dort starten, haben das gleiche Ziel…

…den Sieg…
…ja, klar. Es ist eine Meisterschaft. Da geht es nicht um die Zeit, sondern um viel Taktik. Ich gebe jetzt alles, damit ich an diesem Tag gut bin. Wenn ich gesund bin, ist alles möglich.

Wie beginnt bei Ihnen ein Tag, an dem ein Marathon-Rennen ansteht?
Nicht anders als jeder andere Tag. Ich trinke nach dem Aufstehen ein Glas Wasser. Dann esse ich Frühstück: Tee und Brot mit Honig…

… und dicker Butter drauf?
Nein, auf keinen Fall. Honig nehme ich, weil man ihn schnell verdaut, ebenso das weisse Brot.

Wo sind Ihre Gedanken während einem Marathon-Rennen?
Am Anfang nur beim Rennen. Man läuft in der Gruppe und beobachtet die Mitläufer. Wenn ich alleine laufe, denke ich ans Training in der vergangenen Zeit, welche Leistungen ich dort gebracht habe. Aber es bleibt auch Zeit, an meine Frau und meinen Sohn zu denken, die auf ein gutes Rennen hoffen, so wie die Medien und Fans in der Schweiz. Und an meine Eltern in Eritrea, die mich intensiv verfolgen. Das gibt mir Energie.

Macht das nicht Druck?
Das Rennen ist schon Druck genug. Mehr geht nicht.

Afrika ist meine Kultur, das kann ich nicht verleugnen.»

Tadesse Abraham, 35

Nach dem Training lädt uns Tadesse Abraham ein, sein Zimmer anzuschauen. Der Ausnahmeathlet ist jedes Jahr für mehrere Monate im Trainingslager in Äthiopien. «Gleiche Zeit, gleiches Gästehaus, gleiches Zimmer», sagt Abraham. Dieses ist sparsam eingerichtet: ein Bett, ein Schrank, ein Nachttischchen. Nicht mal ein Laptop steht herum. Dafür gibt es, ganz wichtig, einen Balkon. Auf dem breitet er die verschwitzten Sachen vom Morgentraining zum Trocknen aus.

Wie viele Garnituren fürs Training haben Sie mit?
Nicht so viele. Morgen muss ich wieder waschen.

Gibts im Gästehaus eine Waschmaschine?
Nein, ich mache das wie alle hier in Äthiopien: von Hand.

Sie sind zwar Eritreer, trainieren aber in Äthiopien und leben in der Schweiz. Wo fühlen Sie sich mehr zu Hause?
Afrika ist meine Kultur, das kann ich nicht verleugnen. Hier fühle ich mich wohl. Die Schweizer Kultur bin ich immer noch am Lernen.

Auf was müssen Sie als Läufer verzichten?
Ich muss wissen, was ich essen darf, und ich trinke in den intensiven Trainingsphasen wie jetzt keinen Alkohol. Sonst gönne ich mir schon mal ein Glas Wein zu einem Essen.

Beim Essen hatte ich aber nicht das Gefühl, Sie würden besonders aufpassen. Sie haben den Kaffee grosszügig gezuckert, Pizza gegessen.
Ich trainiere auch viel und verbrenne viele Kalorien. Hier esse ich recht normal, weil alles biologisch ist. Die Bauern arbeiten nach traditioneller Art. Sie haben keine Pflanzenschutzmittel. Ich esse von Haus aus viel Gemüse, aber wenig Fleisch. Verzichten muss ich nur auf Crèmen und fettige Sachen.

Wo ist es schwieriger, sich richtig zu ernähren?
In der Schweiz. Es ist dort schwieriger, so natürliche Sachen zu finden wie hier. In Äthiopien ist alles natürlich und frisch gekocht, da kann ich unbeschwert essen.

Was essen Sie am liebsten?
Pizza und Lasagne. Eigentlich alle Arten von Pasta.

Kochen Sie das auch selber?
Ja. Lasagne mache ich besonders gerne.

Essen Sie zu Hause nicht äthiopisch?
Selten. Äthiopisch zu kochen ist sehr aufwendig.

Ihre Familie ist nicht hier? Wie schwierig ist das für Sie?
Es geht. Meine Frau arbeitet und hatte keine Zeit, um mich zu besuchen. Aber sie kommt zusammen mit unserem Sohn an die EM nach Berlin. Das ist ja nicht mehr so lange hin.

 Tadesse Abraham in Addis Abeba beim gemütlichen Kaffee im Gespräch mit Redaktor Thomas Compagno: «Hier müsste ich bei null anfangen.»

 

Nach dem Training isst Tadesse Abraham ausgiebig Frühstück und legt sich zum Mittagschlaf hin. Bis zur zweiten Trainingseinheit am Nachmittag – Laufen oder Krafttraining – bleibt Zeit, in die Stadt auf einen Kaffee zu gehen. Dort trifft er Bekannte und Freunde. Man scherzt und diskutiert – momentan sehr viel über Politik.

 

Spüren Sie hier etwas von dem sich entspannenden Verhältnis zwischen Eritrea und Äthiopien?
Und wie. Der Friedensvertrag und die gegenseitigen Staatsbesuche werden richtig gefeiert. Sie beenden 27 Jahre Kriegszustand. Das ist ein ermutigendes Zeichen für beide Länder. In Äthiopien sind auch viele politische Gefangene freigekommen.

Wie sind Sie 2004 aus Eritrea geflüchtet?
Ich war an einem Wettkampf in Belgien und kehrte von dort nicht mehr zurück. Über Frankreich kam ich in die Schweiz und stellte einen Asylantrag. Meine Flucht hatte politische Gründe. Ich konnte unter dem damaligen Regime nicht mehr leben.

Müssten Sie heute, wenn Sie noch Eritreer wären, auch noch fliehen?
Nein.

Ist damit eine neue Situation entstanden? Könnten Sie sich vorstellen, wieder hier zu leben?
Nein. Wir sind jetzt Schweizer, unser Sohn geht in der Schweiz in die Schule, wir haben unsere Arbeit in der Schweiz. Hier müssten wir bei null anfangen. Aber ich kehre sicher gerne für Ferien zurück und natürlich um meine Familie zu besuchen.

Wie kamen Sie zum Laufsport?
Ich bin auf dem Land als Bauernkind aufgewachsen. Zur Schule gingen wir immer zu Fuss, es waren etwa zehn Kilometer pro Weg. Wenn man spät dran war, musste man rennen – das war bei mir oft der Fall. Mit 16 nahm ich an einem Wettlauf teil und war der Schnellste meiner Schule. Mein Lehrer hat daraufhin gemeint, ich müsste unbedingt weitermachen mit Laufsport.

Welches waren Ihre Vorbilder?
Ich hatte keine. Ich hatte keine Ahnung vom Laufen und kannte keine Athleten. Es gab im ganzen Dorf keinen Fernseher. Ich hatte auch noch kein Ziel, wusste nicht, was ich machen soll, wenn ich schnell werde. Das kam alles erst später.

Warum trainieren Sie nun in Äthiopien?
Äthiopien ist wie meine Heimat. Ich kenne das Land, das Essen, die Sprache. Es ist alles viel einfacher für mich, wenn ich Freunde als Trainingspartner suche, wenn ich einen Masseur brauche und so weiter. Ich wollte unbedingt in der Höhe trainieren. In Addis Abeba sind wir auf etwa 2400 m ü.M., fürs Training gehen wir manchmal bis auf 3000 Meter hinauf. Kommt dazu, dass wir hier viel Abwechslung haben: Asphalt und Naturstrassen, hügeliges und flaches Gelände. Manchmal laufen wir auch im Wald auf sehr weichem Boden.

Könnten Sie sich vorstellen, mit mir eine Runde zu joggen? Ich meine, ohne dass Sie ungeduldig oder kribbelig werden?
Ja, schon.

Ich brauche aber für einen Kilometer nicht drei, sondern sechs Minuten.
Hmmmm... das ist schwierig.

Wie schnell laufen Sie, wenn Sie langsam unterwegs sind?
Viereinhalb bis 5 Minuten für einen Kilometer.

Puh. Das halte ich nicht lange durch.
(Lacht). Ich auch nicht. 5 Minuten für den Kilometer gehen noch, aber langsamer ist schwierig.

Der Reporter reiste auf Einladung von Ethiopian Airlines nach Addis Abeba.