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Interview

«Das Pack in den Weltraum schiessen»

Gölä wäre gerne Superman und wünscht sich, dass die Eltern ihre Kinder lehren, mehr Verantwortung zu übernehmen. Denn er regt sich fürchterlich über die «Ich-kann-nichts-dafür»-Mentalität auf.

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Andrea Badrutt
15. Oktober 2018

Gölä wäre am liebsten Superman - «Der hat alle geilen Superkräfte.»

Verlosung

Für die Grossen und die Kleinen

Wir verlosen 5 «Papagallo & Gollo Quer dür d’Schwiiz»-Bücher sowie 5 «Urchig – Die beschtä Schwiizer Mundart-Hits».

Zum Wettbewerb

Wie einst Tells Geschoss landete Gölä (50) 2017 mit seinem Album «Gölä – Urchig» ­einen Volltreffer. Nur ein Jahr später zielt der Büetzer erneut auf die Herzen der Freunde der Folklore. Mit «Urchig – Die beschtä Schwiizer Mundart-Hits» ist seit Ende September sein neustes Werk in den Verkaufsregalen. Einen weiteren Pfeil im Köcher hat Gölä mit seinen Kinderbuch- und CD-Helden «Papagallo & Gollo». Im elften Band reisen die beiden Abenteurer Gollo und sein Papagei Papagallo «Quer dür d´ Schwiiz». Das machte auch die Coopzeitung und traf die Macher TJ ­Gyger und Gölä bei der Rodelbahn auf dem Erlebnisberg Pradaschier in Churwalden GR – einem zentralen Ort ihres Werkes. Einem Ort, wo im «Poschti» auch völlig Fremde noch ein freundliches «Grüezi» und «Adieu» mit auf den Weg bekommen. Für Gölä, einen der erfolgreichsten Schweizer Rockstars der Geschichte, «einfach nur normal».

Gölä, warum sind dir (er besteht aufs «Du») solche Werte wichtig?

Weil ich selbst so erzogen wurde. Meine Eltern waren eher konservativ und da gehörten «Grüezi», «Adieu», «Bitte» und «Danke» einfach dazu. Ich konnte mich nicht hinter dem Rockzipfel meiner Mutter verstecken und die sagte dann: «Jää, mis Büebi mag halt jetzt grad niid!» Hand schütteln, in die Augen schauen und fertig. Das war die Maxime. Daran gab es nichts zu rütteln und das hat auch nicht wehgetan. Und wenn du mal so erzogen wurdest, ziehst du das auch durch – bis zum bitteren Ende.

Gilt das auch für deine Kinder? Du hast zwei Söhne aus erster Ehe (Mike, 21 und Lenny, 15), und mit deiner jetzigen Partnerin zwei kleine Mädchen (Nikki, 5 und Leslie, 4).

Logisch. Denen gebe ich genau das Gleiche mit auf den Weg. Zwar fand ich dies als Kind auch ziemlich stier. Im Rückblick bin ich meinen Eltern aber dankbar. Sie formten dadurch den Menschen, der ich heute bin. Sonst wäre ich wohl irgendein Fotzelcheib geworden.

Bist du ein strenger Vater?

Ja!

Trotz Rock ´n´ Roll und so?

Ich finde halt: ein «Ja» ist ein «Ja» und ein «Nein» ist ein «Nein». Wie sollen die Kinder lernen, konsequent zu sein, wenn ich ihnen das nicht vorlebe? Wir wohnen an einem abgelegenen Ort ohne Strom- und Wasseranschluss. Meine Kinder sind sich den Stadtverkehr nicht gewöhnt. Wenn ich also «Stopp» sage, dann heisst das auch «Stopp». Dann gehen sie keinen Schritt weiter. Sonst liegen sie unter dem nächsten Lastwagen. Und was heisst es dann in der Zeitung?: «Lastwagenfahrer überfuhr Kind!» Es steht aber nicht: «Die Eltern waren zu blöd, ihr Kind zu erziehen.»

Nehmen Eltern diese Aufgabe in der heutigen Zeit zu wenig wahr?

Ja, das ist das, was heute oft nicht stimmt. Hinzu kommt, dass die Eltern doch auch ihren Nachwuchs lehren sollten, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Oder wenn ein Seich passiert ist, die Schuld auf sich zu nehmen. Aber diese «Ich-kann-nichts-dafür»- Mentalität schauen wir halt bei unseren Politikern ab. Da steht auch kaum einer für seine Fehler hin.

Deine Kinder haben einen Rockstar als Vater, wie gehen sie damit um?

Das ist für sie das Normalste der Welt. Die kennen ja nichts anderes. Manchmal denken sie vielleicht: «Wieso kommt jetzt da wieder einer und will ein Föteli von meinem Papa, so schön ist der doch gar nicht.» (Lacht.)

Aber deine Musik hören sie sich an?

Aahh! (Winkt ab.) Sie erkennen mich, wenn sie meine Stimme am ­Radio hören. Aber es ist nicht so, dass sie von meiner Musik übermässig begeistert wären. Die Papagallo-und-Gollo-CDs schieben sie aber doch ab und zu mal ein.

Höhenangst hat Gölä keine: «Hey, ich arbeitete jahrelang auf dem Bau.» Dem Papagallo scheint die Sache nicht geheuer.

Was war der Ursprung dieser beiden Kinderbuch- und CD-Helden?

Dieser grauenhafte Mist am Fernseher. Das war vor rund zehn Jahren. Als ich mit ihm (zeigt auf TJ Gyger neben sich, ehemaliger Keyboarder bei Gölä und Band) eine Besprechung bei mir zu Hause hatte und mein zweitältester Sohn, damals fünf Jahre, die ganze Zeit wegen etwas stürmte. Ich setzte ihn vor den Fernseher und bin regelrecht erchlüpft ab dem, was da gezeigt wurde. Nur Müll, nur Seich, nur Schissdräck. Alles Monster mit blutunterlaufenen Augen. Mir wurde bewusst: Es gibt tatsächlich Eltern, die das ihren Kindern den ganzen Tag zumuten. Also haben wir sozusagen eine Bürgerwehr dagegen gegründet und begonnen, unsere eigenen Geschichten mit netten Tierchen und guten Helden zu erfinden.

Welches waren die Helden deiner Kindheit?

Ich war ein Comic-Kind. Superman, Batman, Spiderman. Aber auch Donald Duck und natürlich der Globi.

Und welchen bevorzugst du heute?

Superman natürlich! Der hat alle diese geilen Superkräfte. Der kann ­alles. Darum heisst er ja auch Superman.

Hättest du solche Kräfte ...

... würde ich die Welt verändern. Das ganze Pack, das nur Krieg auslöst, irgendwo in den Weltraum schiessen. Und sämtliche Waffen hinterher.

Kannst du Namen nennen?

(Zögert.) Nein. Sicher aber würde ich bei den Schlimmsten, den sogenannten Führern, beginnen. Denn wenn diese einmal fehlen, reduziert sich automatisch die Zahl ihrer Schäfchen.

Wovor hast du Angst?

Bungeejumping brauche ich nicht. Mein Leben ist Adrenalin genug. Ich muss mir das nicht mit einem Gummiseil an den Füssen künstlich einimpfen.

Wie hat sich dein Leben durch den Nachwuchs verändert?

Das richtige Leben lebst du, bevor du Kinder hast. Das ist ein Fakt. Du hast keine Verantwortung, bist weniger eingeschränkt. Ist der Nachwuchs da, nimmt die Risikobereitschaft ab. Das beginnt schon beim Autofahren.

Das realisiert man aber erst, wenn man selber Kinder hat.

Ja, und der Vergleich tönt jetzt zwar blöd, aber es ist doch dasselbe, wie wenn du eine Krankheit hast. Ich meine, wenn du jemandem, der Krebs hat, sagst, dass du da mitfühlen kannst ... das ist doch ein Witz. Immer diese Betroffenheit zelebrieren. Was soll das? Jeder ist die ganze Zeit wegen irgendwas betroffen. Ich kann dieses Wort nicht mehr hören. Man kann nicht wegen allem auf dieser Welt betroffen sein. Sonst kannst du dir gleich die Kugel geben.

Themenwechsel! Sind noch weitere Bücher mit euren Kinderbuchhelden Papagallo und Gollo geplant?

Klar! Aber ich muss zugeben, dass wir nie gross planen. Und es ist auch nicht so, dass es bisher rentiert. Wenn es etwas mehr abwerfen würde, könnten wir auch einmal eine schlaue Stiftung gründen. Das ist schon lange mein Traum. Denn ich finde, dass wenn du Glück im Leben hast, solltest du dies auch auf irgendeine Art zurückgeben. Das haben wir zwar schon immer gemacht. Nur hängen wir dies nicht an die grosse Glocke. Wir benötigen keine Fotografen-Eskorte, um ins Berner Inselspital zu fahren und für krebskranke Kinder zu spenden. Eigentlich ist es auch ein Witz, dass man für so etwas spenden muss. Ich meine, für was zahlen wir denn jährlich Tausende von Franken in die Krankenkassen und müssen dann noch für krebskranke Kinder spenden? Da stimmt einfach etwas nicht.

Papagallo und Gollo reisen bei ihren Abenteuern immer an spezielle Orte auf der ganzen Welt: Afrika, Nordpol, Route 66 oder aktuell quer durch die Schweiz. Seid ihr da schon überall selbst gewesen?

Schön wärs. Aber nein, wir hocken einfach zusammen und bestimmen, wohin die nächste Reise gehen soll. Vieles passiert dabei am Computer. Wir googeln die Orte und informieren uns darüber. Und doch versetzen wir uns in die beiden Figuren hinein. Er, der Papagallo mit seiner schönen Stimme , und ich, der Gollo. Wir jetten also gemeinsam, aber virtuell in der Gegend herum.

Und wohin soll die Reise noch gehen?

Unbedingt einmal noch in das Weltall.

Jetzt meldet sich auch TJ Gyger zu Wort:

Jetzt kommt der schon wieder mit dieser Idee!

Gölä entgegnet:

Ja, das ist halt einfach noch mein Traum für Papagallo und Gollo – wenns mir persönlich schon nicht möglich ist.

TJ Gyger lenkt ein.

Ich weiss ja, dass dir das sehr wichtig ist, wir werden dies ziemlich sicher auch realisieren. Es geht aber auch darum, nicht nur Themen für Giele zu haben. Auch für die Mädchen muss etwas dabei sein.

Der Geistesblitz von Gölä:

Wir können ja auch einen Schönheitswettbewerb auf irgendeinem Planeten durchführen – mit ausserirdischen Mädchen.

TJ Gyger seufzt und lächelt:

Siehst du, so entstehen unsere Ideen.