X

Beliebte Themen

Begegnung

«Ich drehte fast durch»

US-Schauspielikone John Travolta erklärt, weshalb seine Kinder weder «Grease» noch «Saturday Night Fever» anschauen dürfen, und wie er es schafft, dass er mit 64 Jahren immer noch so gut in Form ist.

TEXT
FOTOS
Getty Images, Keystone
06. August 2018

John Travolta: «Ein Schauspieler muss seine Nase immer wieder mal ins pralle Leben hineinhalten.» Kultige Tanzfilme: John Travolta 1977 in «Saturday Night Fever» ? ? und ein Jahr später in «Grease» mit Olvia Newton John.


John Travolta, wie ist es, wenn Sie sich heute «Grease» anschauen?
Ich sehe noch soooo jung aus – anders als jetzt. (Lacht.) Ich bin stolz, dass diese Filme so viele Menschen glücklich gemacht haben. Und es immer noch tun. «Grease» schafft es, jede Generation aufs Neue zu begeistern.

«Grease» kam vor 40 Jahren in die Kinos und ist heute Kult.
Und wie! In Los Angeles gibt es jeden September eine Party, bei der man 275 Dollar bezahlt, um den Film zu sehen, mitzutanzen und auch so gestylt zu sein. Als der Film rauskam, kostete das Ticket drei Dollar! Als ich mit Benicio del Toro für «Savages» vor der Kamera stand, machte er mir ein Geständnis: «Mit zwölf sah ich dich in ‹Grease› im Kino – und das 14 Mal. Du bist der Grund, warum ich Schauspieler werden wollte.» Ich drehte fast durch! Benicio wurde wegen «Grease» Schauspieler!

Warum reizte Sie «Grease» damals?
Ich hatte ja vorher schon in «Grease» auf dem Broadway mitgespielt. Die Show feierte grosse Erfolge. Da war es naheliegend, dass ich auch im Film mitmache.

Warum wurden so viele Ihrer Filme zu Meilensteinen des Kinos, ob «Pulp Fiction», «Saturday Night Fever» oder «Face/Off»?
Ich glaube, das ist Zufall. Ich hatte einfach Glück, immer in den Projekten zu landen, die Filmgeschichte schrieben. Ich habe mir nie bewusst vorgenommen, die Popkultur zu verändern, indem ich nur in ikonischen Streifen mitspiele. Es hat sich alles so ergeben! Allerdings faszinierte mich schon als Kind alles Neue. Möglicherweise half mir diese Neugier auch bei der Wahl der richtigen Filme.

«Saturday Night Fever» befeuerte über Jahre das Disco-Phänomen. Wie gefallen Ihren Kids diese Filme?
Sie kennen sie nicht. Denn «Saturday Night Fever» und «Grease» sind die zwei Streifen mit den wohl meisten Flüchen in der Filmgeschichte! Wirklich! Heute würde es das nicht mehr geben, einen Film für Jugendliche, dessen Sprache so wenig jugendfrei ist. In den Siebzigern aber war das möglich, da waren Flüche eine Art Stilmittel.


«Pulp Fiction» läutete 1994 das nächste grosse Kapitel Ihrer Karriere ein. Wie haben Sie die Premiere in Cannes in Erinnerung?
Sie war verrückt, es gab 25 Minuten Standing Ovation. 25 Minuten! Dann gewann der Streifen die «Goldene Palme», katapultierte alle Beteiligten in eine neue Liga und veränderte die Filmgeschichte. Von Cannes aus hat der Film die Welt erobert und auch mein Leben in völlig neue Bahnen gelenkt. Als sich das Team zum 20-Jahr-Jubiläum traf, kamen mir die Tränen. Mir wurde bewusst, was ich nach diesem Kultfilm alles hatte erleben dürfen.

In Interviews behauptete Quentin Tarantino damals, dass Sie ihn richtiggehend um die Rolle angebettelt hätten. Ist da was dran?
Ehrlich gesagt lief das ganz anders! Quentin meldete sich bei mir, weil er mit mir arbeiten wollte. Er schlug mir zwei Filme vor: Der eine war die Vampirgeschichte «From Dusk Till Dawn», die er später mit George Clooney verfilmte. Der andere Film war «Pulp Fiction». Allerdings hatte Quentin schon Michael Madsen dafür vorgesehen! Wir haben dann die ganze Nacht durch gequatscht. Im Morgengrauen nahm mich Quentin beim Abschied an die Brust und meinte: «Ich wollte dich für den Vampirfilm. Warum bist du gar nicht darauf angesprungen?» Ich sagte: «Weil ich mit Vampiren nichts anfangen kann.» Dann sagte er: «Aber den anderen Film würdest du machen?» «Pulp Fiction» hatte damals noch keinen Namen, es war immer nur «der andere Film». Eine Woche später lag das Angebot auf meinem Tisch. Ich bin ihm also nicht hinterhergelaufen. Ich war aber damals auch nicht so hot, dass ich mir leisten konnte, wählerisch zu sein.

Sie sagen es selbst: Vor «Pulp Fiction» hatte Ihre Karriere einen gewaltigen Knick.
Ich vertrete die Theorie, dass ein Schauspieler immer wieder mal die Nase in das pralle Leben hineinhalten muss, um seinen Riecher fürs Authentische nicht zu verlieren. So legt er sich eine Art Bibliothek an Beobachtungen zurecht, auf die er immer wieder zurückgreifen kann. Ich bin in der Phase viel gereist, habe neue Leute kennengelernt, neue Inspiration gesammelt. Ich habe ganz neue Welten entdeckt, Präsidenten und Monarchen kennengelernt, ich habe sogar mit Prinzessin Diana getanzt. Alles, was ich in den Jahren lernen konnte, hat mir später wahnsinnig viel gebracht.

Wer gute Freunde hat, hat alles richtig gemacht im Leben.»

John Travolta, 64

Sie wuchsen in New Jersey auf, als jüngstes von sechs Geschwistern. Wie haben Sie entdeckt, dass Sie tanzen, singen, spielen können?
Meine Familie ist schuld daran, meine Mutter war Schauspiellehrerin. Meine Schwester Ellen hat auch schon am Broadway gespielt. Wenn ich sie auf der Bühne sah, drehte ich fast durch vor Lust, auch so zu spielen. Ohne Ellen würde ich heute nicht hier sitzen.

Sie wurden also von Ihrer Showbizz-Familie, Ihrer Mutter und Ihrer Schwester, sozusagen auf die Bühne geschubst!
Ich war so versessen darauf – ich schubste eher andere, damit ich spielen konnte! (Lacht.) Meine Eltern schauten oft Filme von Fellini und Bergman. Mit fünf, sechs Jahren sah ich Giulietta Masina in «La Strada» und ihr Schmerz brach mir fast das Herz. Damals begriff ich, was Spielen für eine Wirkung auf Menschen und ihre Gefühle haben kann. Und je besser du bist, desto stärker werden die Gefühle.

Es hätte also mit Ihnen kaum anders kommen können?
Wenn ich bessere Noten gehabt hätte, hätte ich vielleicht die Fliegerei wissenschaftlich betrieben. Aber ich hatte das Glück, als Schauspieler so erfolgreich zu werden, dass ich mir sogar die Fliegerei finanzieren konnte. Jetzt fliege ich meine eigenen Flugzeuge. Andersrum hätte es nie funktioniert. Ich habe viel zu grosse Angst vor Prüfungen.

Sie wohnen in Florida an einem eigenen Flugfeld. Woher kommt Ihre Faszination fürs Fliegen?
Sie war immer da. Immer. Schon mit fünf habe ich vom Fliegen geträumt.

Sie haben dafür eine Rolle abgesagt und lieber den Pilotenschein gemacht.
Ja, nach «Grease» wurde mir die Rolle eines Jet-Piloten in «Ein Offizier und Gentleman» angeboten. Aber plötzlich dachte ich: «Nein, statt zu spielen, will ich das wirklich lernen!» Die Rolle ging dann an Richard Gere …

… der bis heute sagt, dass er Ihnen seine Karriere verdankt.
Ich habe diese Entscheidung nie bereut, im Gegenteil. Ich kann heute 26 verschiedene Flugzeugtypen fliegen und habe sogar für die Airline Qantas gearbeitet. Verrückt, manchmal ist das Leben abenteuerlicher als ein Film.

Ist ein eigenes Flugzeug heute noch verantwortbar?
Jeder, der fliegt, trägt die Mitschuld an der Erderwärmung. Wir müssten neue Technologien erfinden, die die Umwelt schonen, gleichzeitig aber Notmassnahmen anwenden, um die jetzigen Schäden zu stoppen. Sobald wir heute in ein Auto oder ein Flugzeug steigen – und da schliesse ich mich nicht aus! –, verschlimmern wir ein Problem. Ich würde das nie leugnen.


Können Sie in Worte kleiden, was Ihnen so am Fliegen gefällt?
Ach, einfach alles! Ich bewundere, wozu Flugzeuge technisch in der Lage sind. Die Distanz, die man überwinden kann, begeistert mich, die Geschwindigkeit. Fliegen ist eine fast religiöse Erfahrung. Man ist da oben, schwebt hoch über der Erde, ganz nah am Himmel. Wenn das nicht spirituell ist, was dann?

Finden Sie es schwer, in Hollywood Freundschaften zu schliessen?
Freunde sind das ehrlichste Kriterium dafür, wie erfolgreich ein Mensch wirklich ist. Wer gute Freunde hat, hat alles richtig gemacht. Man kann seine eigene Menschlichkeit und seine sozialen Fähigkeiten an den Freunden messen, die man hat. Freundschaften zwischen Prominenten sind etwas schwerer aufrechtzuerhalten und öfter enttäuschend – die Leute sind ja dauernd unterwegs –, aber nicht unmöglich.

In den USA sieht man Sie jetzt als Mafioso John Gotti im Kino. Liegen Ihnen Gangster-Rollen besonders?
Ich vertraue darauf, dass ich mich gut in andere Menschen hineinversetzen kann. Das heisst aber nicht, dass sich das angenehm anfühlt! Wie wohl kann man sich fühlen, wenn man wie in «Pulp Fiction» jemandem den Kopf wegpustet? Dafür müssen Schauspieler ihre Komfortzone verlassen.

Sie sind mit 64 Jahren noch in Top-Form. Wie halten Sie sich fit?
Vielen Dank für das Kompliment – da fühle ich mich gleich noch besser! Ich spiele viel Tennis, betreibe dreimal die Woche Krafttraining und achte auf mein Herz und meine Ernährung. Mit dieser Mischung kommt man weit.

Klappt das auch bei Dreharbeiten?
Na, da fällt es mir schon schwerer! Ich reduziere das Training dann etwas und mache nur dreimal die Woche Sport – aber sonst bin ich sehr konsequent.

Tanzt ein Travolta mit über 60 noch?
Nicht jeden Tag – aber ich hab es auf jeden Fall noch drauf! Würde ich stressfrei abnehmen oder fitter werden wollen, wäre tägliches Tanzen meine erste Option! Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was eine bessere Figur macht, man benutzt jeden Muskel des Körpers. Durch das Tanzen habe ich sogar die schwierigsten Stunts immer gemeistert. Ich lernte Actionszenen einfach wie Tanzchoreografien. Tanzen macht mir noch immer riesigen Spass.