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Interview

«Ich passe in keine Schublade»

Diese Frau sprengt jedes Schema: Charlotte Gainsbourg, Schauspielerin, Sängerin, Stilikone. Ein Gespräch über ihre Flucht nach New York, Trump und depressive Anwandlungen.

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03. Dezember 2018

Charlotte Gainsbourg fühlt sich als Schauspielerin und Sängerin: «Ich bin froh, dass ich nicht wählen muss.»

Die Franzosen würden sie gerne heiraten, die Französinnen so sein wie sie: Charlotte Gainsbourg. Die 47-jährige Pariserin amüsiert sich im Gespräch darüber – und steht auch sonst über den Dingen. Die Schauspielerin und Sängerin, die diese Woche für zwei Konzerte in die Schweiz kommt, hat ja auch schon viel erlebt in ihrem Leben; ihre Eltern Jane Birkin (71) und Serge Gainsbourg (1928–1991) erregten mit ihrem schrillen Lebenswandel die Gemüter.

Charlotte Gainsbourg, wie haben Sie den heutigen Tag begonnen?
Ziemlich ungewöhnlich: Mit diesem Interview … jetzt mit Ihnen! 

Sie zogen vor vier Jahren von Paris nach New York, um nicht ständig an den tragischen Tod Ihrer Schwester Kate erinnert zu werden. Sind Sie immer noch auf der Flucht?
Ja, man kann es so nennen. Ich lebte immer gerne in Frankreich, aber damals brauchte ich diesen Neuanfang in einer anderen Umgebung. New York bringt einige Vorteile mit sich: Ich kann hier ein normales Leben führen, ohne Versteckspiel. Ich empfinde das als sehr befreiend. Ich kann mich frei bewegen, wie eine ganz normale Mutter die Kinder in die Schule bringen. Als ich nach New York kam, fühlte es sich deshalb an wie Ferien.

Aber irgendwann gehen alle Ferien zu Ende.
(Lacht.) Klar, irgendwann werde ich wieder nach Frankreich zurückkehren. In New York ist es angenehm, keine Frage, ich führe ein privilegiertes Leben in dieser tollen Stadt. Aber mein Herz hängt nicht an New York. Es ist auch nicht mein Ziel, eine Amerikanerin zu werden. Meine Heimat ist Frankreich, wo ich aufwuchs und meine Freunde habe. Der Unterschied zwischen den USA und Europa ist enorm, kulturell und im Zusammenleben.

Als Sie vor 2014 ankamen, war Barack Obama der Präsident der USA. Nun ist Donald Trump am Ruder. Wie stark spüren Sie diesen Wechsel auf dem Chefsessel des mächtigsten Landes der Welt im Alltag?
Sehr stark. Bei meiner Ankunft waren die Menschen positiv gestimmt und vor allem stolz auf ihr Land, obwohl bei Weitem nicht alles rund lief. Nun ist für viele New Yorker ein Traum zerplatzt. Aber Sie dürfen New York nicht mit den USA gleichsetzen. Anderswo im Land mag die Stimmung anders sein, deshalb war es ja auch möglich, dass Donald Trump gewählt wurde. In New York spüre ich bei den Menschen Scham darüber, was gerade abgeht. Die Stimmung ist eine ganz andere als vor vier Jahren.

Ihre Musik hat oft einen melancholischen, ja, gar depressiven Einschlag. Entspricht das Ihrem Wesen?
Ja, ich habe eine melancholische Tendenz, die ich aber zu bekämpfen versuche. Und meine depressiven Anwandlungen verstehe ich mittlerweile viel besser. Das macht es einfacher, mit ihnen umzugehen. Dann bin ich auch noch sentimental, gerade wenn ich an früher denke.

«In New York schämen sich die Menschen über das, was abgeht.»

 

Erzählen Sie uns von diesen Erinnerungen.
Ich hatte eine glückliche Kindheit. Als sich meine Eltern trennten, war ich neun Jahre alt. Das Verhältnis mit meinem Vater wurde enger. Die Teenagerjahre gestalteten sich dann etwas komplizierter. Der Tod meines Vaters – ich war damals 19 – veränderte schliesslich alles und beendete die Unbeschwertheit meiner Jugend. Ich wurde erwachsen.

Waren Sie sich bewusst, wie bekannt Ihre Eltern waren?
Lange Zeit nicht. Und das war gut so. Dank ihnen begann ich schon sehr früh in Filmen mitzuspielen; mein erstes Casting machte ich mit 14. Ich freute mich enorm, als ich gewählt wurde. Ich kam damals keinen Moment auf den Gedanken, mich mit meinen Eltern zu vergleichen. Erst als mein Vater nicht mehr da war, wurde das zum Thema. Mit seinem Tod ging eine grosse Persönlichkeit, die das Chanson wie nur wenige geprägt hatte. Ich fragte mich, ob ich es auch nur annähernd auf sein Niveau bringen könne. Aber wirklich gelitten habe ich nie. Auch nicht, als ich von meinen Mitschülern zu hören bekam, wie wenig ihre Eltern von meinen Eltern hielten. Mir konnte das nichts anhaben. Anders meine Schwester, die sehr darunter litt, wie grausam Kinder sein können.

Sie sprachen von den Teenagerjahren, die kompliziert waren. Schickten Sie Ihre Eltern deshalb aufs Internat von Villars-sur-Ollon in die Schweiz?
Nein, das war meine eigene Wahl. Ich hatte schon damals Lust, für eine gewisse Zeit aus dem bisherigen Leben zu flüchten. (Lacht.) Und so wählte ich das Internat in der Schweiz. Bereits nach einem Jahr war wieder Schluss damit, weil ich die Schauspielerei immer ernster betrieb.

Was sind Sie eigentlich mehr – Schauspielerin oder Sängerin?
Mir ist beides wichtig. Ich würde nicht das eine dem andern opfern wollen. Ich passe in keine Schublade. Mir gefällt es, dass ich nicht wählen muss zwischen der Schauspielerei und der Musik. Dann ist man auch weniger Zwängen ausgesetzt, und das gefällt mir. 

Was halten Ihre Kinder von Ihrer Musik?
Meine jüngste Tochter ist 7 und noch Fan, was in diesem Alter normal ist. Meine 16-jährige Tochter ist noch halb Fan, schämt sich aber schon ein bisschen. Was ebenso normal ist. Mein Sohn, der 21 ist, hat hingegen null Bock auf meine Musik. Das hat auch sein Gutes. Mit Kindern läuft man nicht Gefahr, dass man sich in seinem Ego verliert.

In einem Porträt hiess es, dass jede Französin so sein will wie Sie und jeder Franzose Sie gerne heiraten würde. Da kann man sich schon in seinem Ego verlieren, bei einem solchen Kompliment, oder nicht?
Im ersten Moment klingt das tatsächlich sehr schmeichelhaft. Aber wenn ich etwas genauer darüber nachdenke, möchte ich lieber die Geliebte sein als die Ehefrau. Klingt irgendwie reizvoller. (Lacht.)

«Mit Kindern läuft man nicht Gefahr, sich in seinem Ego zu verlieren.»

 

Sie schieben seit Längerem verschiedene Projekte vor sich her. Wann erscheint die Dokumentation, die Sie über Ihre Mutter planen?
Ich weiss es nicht. Sie ist gar nicht begeistert von der Idee. Das Ganze ist kompliziert. Mir ist es wichtig, dass ihre Geschichte authentisch erzählt wird, zugleich muss ich das richtige Mass an Nähe finden. Daran feile ich noch und deshalb wird es noch eine Weile dauern.

Und was ist mit dem Haus, in dem Ihr Vater bis zu seinem Tod wohnte? Ich habe gelesen, dass Sie einen Ort der Erinnerung einrichten wollen, mit Bar oder einem Konzertraum.
Ja, aber auch dieses Projekt gestaltet sich schwierig. Weil das Haus sehr klein ist. Aber auch, weil es mir die Nachbarn nicht einfach machen. Ich werde es aber trotzdem versuchen.  

Das klingt alles ein wenig kompliziert. Wie geht es jetzt weiter?
Ganz einfach: Jetzt gehe ich erst mal frühstücken. 

Charlotte Gainsbourg live am 4. Dezember in Genf und am 6. Dezember im Volkshaus in Zürich.