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Interview

Eros Ramazzotti: «Die Liebe macht dich blind»

Eros Ramazzotti ist der bekannteste italienische Popmusiker. Ein Gespräch über seinen Namen Eros, ein Desaster auf Deutsch und einen möglichen Italexit, an den er aber nicht glaubt.

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Universal, Imago
26. November 2018

Eros Ramazzotti gibt sich bei allem Ernst gerne ironisch: «Sie dürfen nicht jedes Wort zu genau nehmen!»

Vor ein paar Wochen gab Eros Ramazzotti deutschen Zeitungen ein Interview. Erste Frage: über Michelle Hunziker (41). Zweite Frage: über Michelle Hunziker. Dritte Frage: dito. In diesem Stil ging es weiter. Irgendwann war der 55-jährige Italiener genervt. Er wollte über sein neues Album und die Welttournee im kommenden Jahr sprechen, stattdessen sollte er über seine Ex-Frau reden; in ihrer neu erschienenen Biografie hatte sie erzählt, dass die Ehe nach vier Jahren in die Brüche gegangen war, weil sie einer Sekte angehörte und er das nicht länger akzeptieren wollte.

Vor unserem Interview in Mailand heisst es deshalb vom Management: KEINE FRAGEN ZU HUNZIKER! Wir halten uns daran, auch weil wir keine Ahnung haben, wie er reagiert, wenn er genervt ist. Zwar erklärte er gegenüber einer Zeitung: «Ich bin überhaupt nicht unsympathisch.» Aber man weiss ja nie. Es wäre schade, wenn er verärgert aus seinem Tonstudio (ein wirklich grosszügiges, luxuriöses, topmodernes Studio!) stürmen würde. Oder noch schlimmer: uns aus dem Studio hinauskomplimentieren würde. Aber eine ganz harmlose Frage zur Liebe sollte zu Beginn drin liegen.

Eros Ramazzotti, in einem Text über Ihr Leben habe ich folgenden Satz von Ihnen gefunden: «Wenn du dich verliebst, verhältst du dich wie ein Idiot.»
Finden Sie etwa nicht? Das geht doch allen so. Die Liebe macht dich blind. Gerade zu Beginn gerätst du ausser Rand und Band. Dann, mit der Zeit, normalisiert sich alles ein bisschen – aber nur ein bisschen. Man verhält sich immer noch oft idiotisch.

Gilt das nur für die Männer?
Die Frauen drehen sicher nicht so durch wie die Männer. Sie sind da gefestigter, haben auf der Autobahn – wie wir sagen – eine Spur mehr zur Verfügung.

Sie sind ein Phänomen, obwohl Ihre Texte in Ländern wie der Schweiz oder Deutschland nur von einer Minderheit verstanden werden.
Weil sie zu anspruchsvoll sind? (Lacht.)

Nein, nicht wegen des Inhalts, sondern wegen der Sprache: Nur eine Minderheit spricht Italienisch. Trotzdem sind Sie der erfolgreichste italienische Popmusiker.
Bei mir waren es immer meine Stimme und die Melodie des Liedes, die mich trugen. Sehen Sie, ich erlebe es als Zuhörer nicht anders: Ich liebe seit jeher die Musik von Deep Purple, Led Zeppelin, Genesis, der Beatles und der Rolling Stones. Obwohl ich nicht so gut Englisch kann. Aber der Sound dieser Songs gab mir immer ein gutes Gefühl. Ich glaube, meine Musik macht die Fans glücklich, auch wenn sie die Texte nicht verstehen.

In welcher Sprache haben Sie schon gesungen?
Italienisch, Spanisch und einmal vor über 30 Jahren habe ich es auch auf Deutsch versucht. (Imitiert ein paar Worte auf Deutsch, die unverständlich bleiben.) Es war ein Desaster. Das Lied ist zum Glück nie auf dem Markt erschienen.

Der Song «Per il resto tutto bene» auf Ihrem neusten Album ist reich an Gesellschaftskritik. Da ist es erst recht bedauerlich, dass ihn ein Grossteil der Menschen nicht versteht.
Es ist aber kein politisches Lied, Sie dürfen nicht jedes Wort zu genau nehmen. «Per il resto tutto bene» (zu Deutsch: «Ansonsten alles gut») ist sehr ironisch gemeint. Bei uns in Italien antworten die Menschen, wenn sie sich sehen, noch bevor sie überhaupt gefragt werden: «Es ist alles gut.» Obwohl das sehr oft überhaupt nicht der Fall ist …

… und obwohl «die Welt gerade auseinanderbricht», wie es im Song weiter heisst.
Ja, das Gefühl habe ich manchmal, doch dann beruhigt sich die Situation wieder. (Pause.) Es ist ein ironisches Lied, das unsere Welt beschreibt, in der es immer schwieriger wird, den Überblick zu behalten. Auch weil alles so schnell geht.

Klingt nicht gerade erfreulich.
Es ist trotzdem kein Lied der Resignation. Wir müssen versuchen, uns selber zu verbessern und die Menschen um uns herum. Ob Trump oder ein anderer Mächtiger in dieser Welt dann den Roten Knopf drückt, können wir ohnehin nicht beeinflussen.

Das Böse gewinne allzu oft gegen das Gute, heisst es weiter …
… (Er blickt zu seinem Staff hinüber.) Hey, habt ihr ihm nur dieses eine Lied zum Hören gegeben? – Offensichtlich hat Sie der Song schwer beeindruckt. Stimmt doch: Die guten Dinge oder Menschen gehen leider gerne vergessen, weil die schlechten Menschen sich nicht verdrängen lassen und weiter ihr Unwesen treiben.

«Die guten Dinge gehen leider gerne vergessen.»

 

Können Sie sich einen Italexit vorstellen? Also den Austritt Italiens aus der EU?
Ein ganz klares Nein. Die Briten haben sehr viel riskiert, erst jetzt erkennen sie so allmählich die drastischen Konsequenzen. Italien wird das nicht tun.

Wie sehen Sie denn die Situation in Italien?
Italien hat grossartige Ressourcen, wurde aber in der Vergangenheit leider falsch regiert. Es ist reich an Menschen mit einem starken Charakter. Und deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass sich die Situation irgendwann wieder zum Positiven verändern wird.

Werden wir konkreter: Im Lied heisst es auch, dass …
… ich habe in 35 Jahren über 350 Songs gesungen, aber er reitet auf diesem einen Lied herum. (Wieder blickt er zum Staff hinüber.) Von wo kommen Sie?

Aus Basel.
Ich habe wunderbare Erinnerungen an Basel, überhaupt an all die kleinen Schweizer Städte, wo wir in den Achtzigerjahren auftraten. Das war unvergess­lich. Ich ziehe den Hut, wie ihr Schweizer eure Mitmenschen respektiert. Das ist nicht mehr selbstverständlich.

Wirklich nicht?
Auch ich verhalte mich manchmal falsch, bin aber der Erste, der sich dafür entschuldigt. Wer ins Auto steigt, wird zu einem anderen Menschen. Das gilt für alle, für Deutsche, Schweizer und für uns Italiener erst recht. Kaum im Auto, verlieren die Menschen den Respekt, werfen Zigaretten aus dem Fenster, fahren über Rot. Es wird immer schlimmer. Als ich vor 30 Jahren nach Mailand zog, war es anders. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass heute eine Million mehr Menschen hier leben.

Sie sind in Cinecittà aufgewachsen, dem illustren Quartier in Rom. Erzählen Sie von damals!
Ich habe dort das richtige Leben kennengelernt. Cinecittà liegt in der Peripherie und dort gilt die blutige Losung: Entweder du lebst oder du stirbst. Ich habe einiges gesehen, hatte aber das Glück, dass ich vielem aus dem Weg gehen konnte. Ich habe die Probleme nicht gesucht.

Wie oft haben Sie Ihren Eltern dafür gedankt, dass sie Ihnen den Namen Eros gaben?
Das war die Idee meines Vaters. Er musste dafür mit den Priestern einige Kämpfe ausfechten. Zuerst wollten sie den Namen nicht akzeptieren. Doch er setzte sich durch.

Eros Ramazzotti: «Fussball mit 11 gegen 11 geht nicht mehr. Das Knie.»

Sie singen gerne Duette. Auf der neusten CD mit Helene Fischer. Das bekannteste Duett war aber sicher jenes mit Tina Turner. Ihre Erinnerungen an sie?
Tina ist eine der grössten Sängerinnen aller Zeiten. Sie hatte eine unglaubliche Power. Traurig, dass sie vor ein paar Monaten ihren Sohn verloren hat. Eine Tragödie.

Mit wem würden Sie sich in Zukunft auf der Bühne gerne zusammentun?
Mit Beyoncé. Und mit Bruno Mars.

Spielen Sie noch Fussball?
Selten. 11 gegen 11 geht nicht mehr. Das Knie.

Ihre liebste Mahlzeit?
La coda alla vaccinara …

... Ochsenschwanz …
… es handelt sich um eine römische Spezialität, die man mit den Händen essen muss. Noch eine Frage? Ansonsten alles gut? (Lacht.)

Ja, alles gut. Eros Ramazzotti ist tatsächlich kein unsympathischer Zeitgenosse. Im Gegenteil. Dieses Interview mit ihm war wie ein Gespräch mit Freunden beim Pizzaessen – einfach ohne Pizza. Als wir uns nochmals umdrehen, ruft er uns nach: «Gehen Sie in die Innenstadt und schauen Sie, wie viele schöne Frauen es in dieser Stadt gibt!»


Eros Ramazzotti, der Erfolgsgarant

Es war ein fulminanter Aufstieg, den Eros Ramazzotti als 20-Jähriger feierte. Der Römer gewann mit dem Song «Terra promessa» den Newcomer-Preis am renommierten Musikfestival von San Remo. Seit jenem Abend hat er sich an der Spitze der italienischen Popmusik festgesetzt und Hits quasi im Akkord produziert. Alben wie «Nuovi eroi» oder «Dove c’è musica» belegten wochenlang die Charts der Hitparaden. Die Ehe mit Michelle Hunziker, die 1998 geschlossen und 2009 wieder aufgelöst wurde, brachte den Italiener mit dem Image des Latin Lovers zusätzlich in die Schlagzeilen. Ramazzotti lebt in Mailand und hat mit seiner zweiten Frau zwei kleine Kinder; seine Tochter Aurora aus der Ehe mit Hunziker ist 21-jährig und wiederholt wegen ihres Liebeslebens im Gespräch.

2019 startet Ramazzotti seine Welttournee, am 25. März ist er in Zürich. Seine Fans beglückt er bereits jetzt mit dem neuen Album «Vita ce n’è», auf dem er mit Helene Fischer, Luis Fonsi und Alessia Cara zusammen singt.

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